Predigt-Nachlese: Ein Schrei nach Erbarmen

Textstelle: Lukas 18,35-43

Hinter Jericho am Wegrand sitzt Bartimäus, ein blinder Bettler (den Namen erfahren wir aus Markus10). Blindheit im alten Israel ist nicht nur eine Behinderung, sondern in den Augen vieler ein Zeichen des Verflucht-Seins. Wer blind ist, hat  – vermutlich – gesündigt, entweder er oder seine Vorfahren. Er wird zum Niemand, oft zum Ausgestoßenen aus der eigenen Familie, zum Allerletzten. Weiter hinten kommen höchstens noch die Aussätzigen und – moralisch gesehen – die Zolleintreiber.

An diesem Mann wälzt sich eine Volksmenge vorbei. Sowieso sind zur Zeit viele Menschen aus dem Norden auf dieser Route unterwegs zum Passahfest nach Jerusalem. Aber heute sind es mehr als sonst, und so bittet er Passanten um Auskunft, was denn da los ist heute. “Jesus von Nazareth geht vorbei,” sagen sie ihm. Kein Wunder, dass solche Volksmassen anwesend sind! Hat es sich doch herumgesprochen, dass einige ihn für den Messias halten, und so ist jeder in gespannter Erwartung, was wohl als nächstes passieren wird. Wird er Israel befreien, das Reich wieder aufrichten? Der Blinde hat manches mitbekommen, auch Berichte von wunderbaren Heilungen, die er aufgesaugt hat wie ein Schwamm. Schon lange hat er mit den Augen seines Herzens erkannt, dass Jesus der verheißene König sein muss. Und nun hat er die vermutlich einzige Chance seines Lebens, sich an diesen Mann zu wenden! Und so bietet er alle seine Energie auf und schreit aus Leibeskräften: “Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!”

Und nun kommen die selbsternannten Sicherheitsbeauftragten und Ordnungshüter und pfeifen ihn zurück. Er soll den Mund halten und still sein, aber das ist ihm egal; er hat alles zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren, und er lässt sich nicht bremsen. Und Jesus, der nicht kam, um als V.I.P. auf dem roten Teppich zu wandeln, sondern um das Erbarmen des himmlischen Vaters für die Verlorenen und Geringsten in unsere tiefsten Nöte auszugießen, hört diese Stimme. Er, der die verlorenen Schafe sucht, ist wegen eben dieses Mannes hier vorbeigekommen. “Bringt ihn her!” sagt er, und der Blinde springt auf und wirft seinen Umhang (der vermutlich sein einziger Besitz war) ab und kommt zu Jesus. “Was willst du, dass ich es für dich tun soll?” fragt Jesus. Und aus einem Herzen voller Zutrauen in Jesu göttliche Kraft und Autorität kommt die Antwort: “Herr, dass ich sehend werde!”

“Sei sehend!” sagt Jesus, “dein Glaube hat dich gerettet.” Er verwendet hier nicht das übliche Wort für “geheilt”, sondern ein anderes, das tiefere und ganzheitlichere Heilung für Leib und Seele ausdrückt. Denn dieser Mann hat mehr erfahren als die Heilung seiner Augen – wer Jesus begegnet, dessen Sünden sind vergeben, dessen Herz wird leicht und froh, und er preist die Gnade Gottes. Bartimäus erfährt eine totale Verwandlung. Sein Entschluss steht sofort fest, Jesus nachzufolgen. Seine neu gewonnene Sicht wird er nicht für sich selbst verwenden, sondern in den Dienst Jesu stellen. So geht es jedem, der wirklich das Erbarmen Gottes erfahren hat.

Auch die Volksmenge, die diese offensichtliche, übernatürliche Heilung miterlebt, lobt Gott. Die Menschen sind tief beeindruckt, auch wenn die Mehrzahl dadurch nicht nachdrücklich verändert wird. Ein geistliches Erlebnis ist nicht dasselbe wie die durchschlagende Erfahrung der Gnade und Kraft Gottes, wie sie Bartimäus gemacht hat. Sie ist für solche, die wirklich mit sich am Ende sind und alles auf eine Karte setzen und rufen: “Erbarme dich meiner, Sohn Davids!”

Hast du das schon erlebt?

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