Der Mann mit zwei Müttern

Ich, Mose, hatte zwei Mütter.

Die eine hat mich zur Welt gebracht. Ich vermute, dass sie viel geweint hat, als sie merkte, dass sie schwanger war. Ach, wer wollte in dieser schrecklichen Zeit ein Kind gebären! Sie hoffte so sehr, dass ich ein Mädchen würde, denn über jeden neugeborenen Jungen hatte der Pharao das Todesurteil gesprochen: Tod durch Ersäufen, durch jeden Ägypter, der ihn findet. Hebräer, hatte der Pharao seinem Volk eingebläut, sind böse, gefährlich und rebellisch. Es gibt nur einen Platz, wo sie hingehören, nämlich ganz nach unten, aller Menschenrechte beraubt.

Ja, die Luft, die meine Mutter einatmete, als ich in ihrem Leib wuchs, war verpestet von Hass und Angst. Und dann kam ich zur Welt und war, was ich lieber nicht hätte sein sollen: Ein Junge! Aber als sie mein kleines süßes Gesicht sah, veränderte sich etwas in ihrem Herzen. Ihr Kampfgeist erwachte und ihr Glaube. Ich erschien ihr so schön und perfekt, dass in ihr gegen alle Erfahrung die Hoffnung wuchs, mit Gottes Hilfe könne sie mich vielleicht beschützen.

Sie versteckte mich im hintersten Winkel. Sie schärfte meinen Geschwistern ein, nirgends etwas von dem kleinen Bruder zu erzählen. So bald ich auch nur laut Luft holte, legte sie mich an die Brust. Und sie betete. Konnte Gott nicht alle Ägypter blind und taub machen? Konnte er dieses Kind nicht irgendwie bewahren?

Aber die Realität holte sie ein. Mein Stimmvolumen nahm zu, und man konnte mich auf der Straße hören. Und Hunger war nicht mehr mein einziges Problem. Mal hatte ich Bauchweh, mal hatte ich Langweile, und gegen beides nützte Stillen nichts. Und Mama, die nicht nur Glauben hatte, sondern auch Wirklichkeitssinn, musste schweren Herzens den Tatsachen ins Auge sehen: So ging es nicht mehr weiter.

“Gott”, betete sie, “Ich habe jetzt alles getan, was ich konnte, und ich weiß, wann ich am Ende bin. Und jetzt tu ich das Letzte, was mir einfällt, und baue ein schwimmendes Bettchen für dieses Kind und setz es aufs Wasser. Ich gebe es dir mit Haut und Haaren, und wenn du willst, dass es lebt – denn sieh nur, wie schön du es gemacht hast, soll es wirklich sterben?  – also, wenn du sein Leben bewahren willst, Gott, dann lass dir was einfallen, dann zeig deine mächtige Hand!”

Und weil sie in ihrem Herzen eine unausrottbare Hoffnung spürte und wusste, dass Gott sie gehört hatte, aber sich so absolut überhaupt nicht vorstellen konnte, was mich denn nun retten könnte, ließ sie meine Schwester als Beobachter am Ufer zurück. “Geh nicht so nah ran, bleib so unauffällig wie möglich und guck einfach, was passiert.”

Ja, was würde geschehen, wenn ich anfing zu schreien? Wer würde es merken? Ein Ägypter, der den Deckel anhebt und mich gleich dem Hebräerpack zuordnet und in den Nil tunkt, bis ich ruhig bin? Oder würde ich da einfach unbemerkt schreien, bis mir die Luft ausging oder ich verhungerte? Ich kann mir vorstellen, wie das Herz meiner Schwester anfing zu rasen, als ich die ersten Töne von mir gab.

Und jetzt kommt meine zweite Mutter ins Spiel. Während meine leibliche Mutter geweint und in Wehen gelegen und wieder geweint und mich gestillt hat, hat sie sich in einem schönen Palast gelangweilt und repräsentiert und ihr Leben genossen und wieder gelangweilt. Und heute wollte sie im Nil baden. Und da erblickte sie doch so ein merkwürdiges Kästchen auf dem Wasser, und aus dem Kästchen tönte Kindergeschrei. “Geh, hol das mal!” befahl sie ihrer Magd, die mich dann mitsamt meinem kleinen Schiffchen zu ihr brachte.

Als sie den Deckel öffnete, sah sie mein tränennasses kleines Gesicht und hörte meine Stimme, die nach der Brust meiner Mutter schrie. “Ein kleiner Hebräer!” sagte sie nachdenklich und gerührt. “Er gefällt mir. Ich will nicht, dass er sterben muss. Ich könnte ihn adoptieren. Er könnte ein bisschen Farbe in mein leeres Leben bringen. Aber was mach ich nur mit seinem Hunger? Dafür bin ich nicht ausgerüstet.”

Meine Schwester, die ganz “zufällig” vorbeikam, bot ihr dann die Lösung des Problems an und holte meine Mutter. So kam es, dass meine Mutter mich nicht nur stillen durfte, sondern sogar noch Lohn dafür bekam. Mein Leben war nun absolut sicher – dafür sorgte meine Adoptivmutter. Darum ging es unsrer kleinen Familie relativ gut, besser als vielen anderen. Wenn die Prinzessin mich besuchen kam, brachte sie immer etwas mit.

Aber dann kam der Tag, wo ich  in den Palast umziehen musste, und bald hatte das höfische Leben mich aufgesogen. Ich wurde eingeweiht in Reichtum und Bildung und Etikette……und Götzendienst. Auf die Dauer spürte ich, dass es mich leer ließ. Zugedeckt vom Alltag schlummerte in meinem Herzen die Erinnerung an meine Mutter Jochebed, ihre Liebe und ihre Gebete, an meinen Vater und meine Geschwister. Ich wusste, dass ich eigentlich zu den Hebräern gehörte und zu ihrem Gott, und ich fühlte mich – je länger, je mehr – einfach auf der falschen Seite. Der, der ich hier war, war ich nicht. Betete meine Mutter dafür, dass meine Bewahrung eine Rolle spielen sollte für das Leben ihres Volkes? Glaubte sie an einen Sinn darin, der außerhalb ihrer Liebe zu mir in einem höheren Zweck lag?  Ich denke ja. Ich denke, dass sie gegen das Ziehen des Hofes, des Reichtums und der Genusssucht anbetete – und ihr Gebet wurde erhört und die Pläne Gottes kamen zur Ausführung.

In der Bibel steht die Geschichte in 2.Mose 2 und in Hebräer 11, 23-26

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