Härte und Güte

In unsrer Bibelstunde sind wir seit einiger Zeit in den Samuel-Büchern und damit im Leben Davids unterwegs.

Gottes Handeln an David stellt vieles auf den Kopf, was man sich so unter einem gütigen und gnädigen Gott vorstellt, und doch ist es gerade David, der diese Güte immer wieder in seinen Liedern besingt.

Gott vergibt David eine große Schuld – ganz und komplett. Ihre gestörte Beziehung wird geheilt und ist innig, als sei nie etwas gewesen. Doch lässt er ihn mit großer Härte die Konsequenzen seiner Sünde erfahren. Er droht es ihm an, und er führt es auch aus. Davids Leben wird nie wieder richtig gut. Zwar erlebt er Gottes Hilfe wieder und wieder, aber genauso wird sein Herz an der empfindlichen Stelle der engsten Beziehungen ständig gebrochen. Wie passt das zusammen? Warum tut Gott das, wenn er doch vergeben hat? Wenn er Davids Sünde vergessen und in die Tiefe des Meeres geworfen hat – warum muss er David dann dauernd daran erinnern? Warum muss David die ganze Misere auskosten, die er angerichtet hat?

Unser Problem ist, dass wir eine falsche Vorstellung von Liebe haben. Wir denken, Gott hat so eine Affenliebe zu uns wie wir selbst zu unseren Kindern, denen wir gern jeden Stein aus dem Weg räumen würden.

Als ich vor 16 Jahren meine Arbeit unter geistig behinderten Menschen begann, musste ich als erstes lernen, nicht zu helfen. Ich kam mit der Vorstellung, dass man diesen armen Menschen doch alles durchgehen lassen und sie von hinten bis vorne bedienen müsse. Glücklicherweise habe ich Kollegen, die begnadete Erzieher sind, und die mir vormachten, wie es geht: herzliche Beziehung, ein Förderplan und unerbittliche Konsequenz. Meine anfänglichen Zweifel wurden überwunden, als ich die Erfolge bei Menschen sah, die alle anderen aufgegeben hatten. Ich verstand: Liebe ist nicht unbedingt “lieb sein”. Liebe ist, für den anderen ein gutes Ziel haben und dafür sogar mal das eigene Harmoniebedürfnis hintenan zu stellen. Natürlich ist dieses unser berufliches Handeln menschlich, unvollkommen und mit Gottes Liebe gar nicht zu vergleichen, aber gewisse Parallelen gibt es doch.

Bewirken denn die Konsequenzen der Sünde irgendetwas Zielführendes in unserem Leben? Bei mir schon. Sie halten alles in der richtigen Proportion: Gott groß, mich klein. Nur mit der richtigen Sicht kann man richtig leben.

  • Sie halten mich auf dem Boden der Tatsachen. Wann immer es mir zu Kopf steigen will,  mit Gott befreundet zu sein, erinnern sie mich daran, dass das nicht daran liegt, dass ich so eine tolle Type bin.
  • Sie halten mich abhängig von Gott, weil ich damit allein nicht zurecht kommen kann.
  • Sie treiben mir jeden Gedanken aus, dass  Gnade ein Rechtsanspruch sein könnte.
  • Sie helfen mir, Gott mehr zu lieben als seine Gaben.
  • Sie verhindern, dass für die Menschen um mich herum das Bild Gottes verdunkelt wird, oder dass sie ihn aus den falschen Motiven suchen.
  • Sie halten mich in der Gemeinschaft der Glaubenden demütig und transparent und offensichtlich hilfsbedürftig. Sie befreien mich von allem geistlichen Elite-Denken.
  • Sie machen die barmherzige Hilfe Gottes um so herrlicher.

Wahrscheinlich bewirken sie noch viel mehr als das, was mir jetzt so einfällt. Was sie nicht tun: Sie beeinträchtigen oder verhindern unsere Beziehung zu Gott nicht. Mitten in seinem Erziehungshandeln lässt er uns seine tiefe Liebe spüren, seine Hilfe zukommen, offenbart uns sein Herz, baut mit uns eine immer engere Beziehung.

Was für ein Gott!

Ein Gedanke zu „Härte und Güte

  1. Pingback: Härte, Güte und «Affenliebe» | Auf Durchreise

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