Mirjam, die rebellische Prophetin

Feuerbach_Mirjam_2

Feuerbach „Mirjam“

Ich, Mirjam, bin die große Schwester von Mose. Ich bin diejenige, die auf ihn aufgepasst hat, als  unsere Mutter ihn im verpichten Körbchen auf dem Nil aussetzen musste. Ich habe  ihn wieder nach Hause gebracht durch mein diplomatisches Geschick, so dass er wenigstens bis zum Abstillen bei seiner Familie bleiben konnte, Dann habe ich von fern sein Aufwachsen am Hof beobachtet und mit meiner Mutter gebetet, dass er seine Blutsbande und seinen Gott nicht ganz vergisst. Ich habe mich gefreut, als ich merkte, dass unsere Gebete erhört wurden, und er sich für sein Volk zu engagieren begann.

Dann verschwand er für viele Jahre in die Wüste Midians. Niemand wusste, ob er überhaupt noch lebte, bis zu dem Tag, als Aaron sagte: Gott hat zu mir gesprochen! Ich soll Mose entgegen gehen in die Wüste! Da waren wir alle schon nicht mehr jung und Aaron und ich gezeichnet durch ein langes Leben in der Sklaverei, und doch begann unser Puls zu rasen. Was hatte das zu bedeuten? Und plötzlich waren meine beiden Brüder die bedeutendsten Männer im Land, und jeder sprach von ihnen! Niemand konnte nicht mitbekommen, wie Gott durch sie – endlich! – sein Gericht an Ägypten vollstreckte und unsere Befreiung erwirkte. Ich war stolz auf sie.

Nie werde ich den Tag vergessen, als die Ägypter mit Mann und Maus im Schilfmeer ersoffen! Wir waren das Volk eines lebendigen Gottes, der sich zu unseren Gunsten stark machte! Der Geist Gottes erfüllte mein Herz, und ich nahm mein Tamburin und begann zu singen und den Höchsten zu preisen! Ich konnte gar nicht anders, es floss aus mir heraus, und alle Frauen schlossen sich mir an. Wir tanzten, bis wir nicht mehr konnten. Staunend erkannte ich, dass ich eine Führerin geworden war, eine Prophetin, durch die Gott sprach. Was war das mit unsrer Familie? Wir schienen alle eine besondere Beziehung zu Gott zu haben, Mose natürlich am meisten, aber wir wurden so eine Art Führungsteam.

Die Leute bewunderten Mose – manchmal. Manchmal beschimpften sie ihn auch und klagten ihn an. Immer stand er im Mittelpunkt. Bisweilen, vor allem, wenn mich weiter keiner beachtete, kam mir der Gedanke: Wo, Brüderchen, wärst du wohl ohne mich? Hätte ich dir nicht das Leben gerettet …. Ich fand, dass er sich ein bisschen aufspielte, so als wäre er Gott persönlich. Dabei gab es in seinem Leben durchaus dunkle Flecken. Seine Frau zum Beispiel … eine Ausländerin! War das etwa richtig?  Ich begann, mit Aaron darüber zu reden, dass mir das alles auf die Nerven ging. Er und ich – wir waren doch ebenfalls mit Gott verbunden. Er war Priester, ich war Prophetin. Gesprochen hatte Gott schon zu beiden von uns. Wir müssten das mal klarstellen, dass Mose auch nichts Besseres war als wir.

Wir sprachen solange darüber, bis wir genug Mut hatten, ihn öffentlich anzugreifen wegen seiner Frau. Die Frau war aber nur die Spitze des Eisbergs. Würde man erst mal den ganzen Mann ans Licht bringen, würde man sehen, dass er keine Extrawurst verdiente. Was sagte Mose dazu? Gar nichts. Heute weiß ich, dass er nie das Bedürfnis nach einer herausgehobenen Position hatte. Das war eher eine Last, die Gott ihm aufgelegt hatte – und die wir ihm gerade noch ein bisschen schwerer machten.

Dann kam Gott. Er sprach zu jedem von uns Dreien, dass wir uns vor dem heiligen Zelt einfinden sollten, und wir gingen hin. Ich war mir immer noch sicher, dass ich recht hatte … Die Wolkensäule kam herab, und Gott hieß Aaron und mich vortreten. Er war zornig! Wir hatten nicht Mose attackiert, wie wir meinten, sondern ihn. Denn er war es, der Mose in diese Position gebracht hatte. Er war es, der beschlossen hatte, mit ihm auf eine ganz andere, besondere und intime Weise zu reden. Und wir hatten uns nicht gefürchtet?

Als die Wolke weg war, sah ich meine Strafe. Ich war voller Aussatz, d.h. ich war aus der Gemeinschaft des Gottesvolkes ausgeschlossen. So schlimm war meine Sünde? ich hatte doch nur mit meinem kleinen Bruder ein ernstes Wörtchen reden wollen!

Aaron sah mich entsetzt an – er selbst hatte nichts. Ich glaube, sein Herz war nicht so stur wie meins, er sah seinen Fehler sofort ein. Er war betroffen und verzweifelt. Oh, bitte, sagte er zu Mose, wir waren verrückt und haben uns versündigt. Sie sieht ja aus wie ein totgeborenes, halb verwestes Kind! Bitte, tu was! Mose fiel sofort auf seine Knie. Er schrie zu Gott: Heile sie doch bitte! Ja, er sagte nicht: Siehste, das kommt davon! Er war selbst erschrocken über diese Maßnahme seines himmlischen Verteidigers.

Aber Gott sagte: Nein. Sieben Tage muss sie das jetzt mal ertragen. Sie hat meine Ehre verletzt. Schließt sie außerhalb des Lagers ein, und nach sieben Tagen kann sie zurückkommen. Und was soll ich sagen? Ich brauchte diese sieben einsamen, angsterfüllten Tage. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Wie konnte es dazu kommen, dass ich, eine Dienerin Gottes, mich so mit ihm überwarf? Ich zeichnete die Spuren meines Weges zum Hochmut nach. Gott hatte mich begnadigt, und ich hatte mir ein Verdienst daran zugeschrieben. Er hatte mir Grenzen gesetzt, und ich war nicht mehr zufrieden damit. Ich wollte gar nicht mehr Gott dienen, ich wollte, dass er mir diente, indem er mir zu Ansehen und Ehre verhalf. Ich wurde ein Vergleicher und Fehlersucher (und fand natürlich etwas). Die nächste Stufe war Klatsch und Tratsch, um Verbündete und Rechtfertigung für meine Rebellion zu finden. Wenn Aaron dieselbe Sicht hatte, dann musste sie ja wohl stimmen. Irgendwann war ich in meinem Hochmut so selbstsicher geworden, dass ich bereit war, für meinen vermeintlich rechtmäßigen Platz zu kämpfen.

In der ganzen Zeit hatte ich mit Gott nicht über diese Sache geredet, sonst wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Jetzt hatte ich sieben Tage Zeit, meine Scherben aufzusammeln. Keine Rechtsansprüche mehr vor Gott, nur die Bitte um Gnade. Keine große Prophetin mehr, nur eine Sünderin, die um Wiederaufnahme und Vergebung fleht.

Und ich bekam sie. Sie warteten auf mich, das ganze Volk und Mose, mein Bruder, der mich liebte  und für mich betete. Und dann zogen wir weiter.

Biblische Referenzstellen: 2.Mose 2, 2.Mose 15,20, 4.Mose 12

 

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