Alzheimer, das Gehirn und die Seele

Im Blog von DesiringGod erschien kürzlich ein Interview mit dem Gerontopsychologen Dr.Mast. Dr. Mast ist Christ und hat ein Buch herausgebracht: Second Forgetting: Remembering the Power of the Gospel during Alzheimer’s Disease (Das zweite Vergessen: Erinnerung an die Kraft des Evangeliums während der Alzheimer Erkrankung). Ich fand seine Ausführungen sehr interessant, da ich mir über dieses Thema oft Gedanken gemacht habe. Was passiert wenn ein Christ Alzheimer hat? Vergisst man Gott, die Erfahrungen, die man mit ihm gemacht hat, was man aus der Bibel aufgenommen hat? Wie lebt man die Gemeinschaft mit Gott, wenn das Gehirn vergisst, was gerade eben gewesen ist?

Alzheimer ist eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns, die nach dem heutigen Stand der Wissenschaft kaum aufzuhalten ist. Anfangs steht die Vergesslichkeit im Vordergrund, aber im Verlauf der Krankheit kommen dem betroffenen Mensch neben den Erinnerungen auch andere Fähigkeiten abhanden, und er findet sich in seiner Umgebung nicht mehr zurecht. Er scheint nach und nach alles zu verlieren, was seine Persönlichkeit ausgemacht hat.

Wie ist das für die Betroffenen selbst? Es scheint da keine Regel zu geben. Manche Menschen wirken trotz Alzheimer recht zufrieden, andere unendlich gequält. In einem gewissen Maß empfindet aber jeder Erkrankte Einsamkeit und Isolation, Furcht, Desorientierung und Verwirrung. Das ergibt sich aus dem Wesen der Krankheit. Zu Beginn verliert vor allem das Kurzzeitgedächtnis seine Funktion. Es ist einfach beängstigend, sich nicht erinnern zu können, was heute morgen war, oder was jemand gerade gesagt hat, oder den Weg nicht mehr zu finden.

Die Erfahrungen eines Alzheimerpatienten bleiben in gewisser Weise unzugänglich, denn wenn die Krankheit wirklich “ausgewachsen” ist, kann er sie nicht mehr kommunizieren. Unser Einfühlungsvermögen bleibt daher ein bisschen im Bereich der Spekulation.

Was bedeutet das alles nun für das Glaubensleben? Auch Christen bleiben ja vor dieser Krankheit nicht verschont. Eine allgemeingültige Aussage lässt sich nicht treffen, aber Dr. Mast hat einige interessante Geschichten zu erzählen. Er kannte einen Mann, der trotz Alzheimer (mit Hilfe seines Sohnes) immer noch Kranke besuchte und sie tröstete und mit ihnen betete, wie er es sein Leben lang getan hatte. Oder er berichtet von einer Frau, bei der er mehrere Test vornahm, um den Stand ihrer Krankheit zu ermitteln. Sie sagte ihm, sie sei zufrieden, ihr Gedächtnis sei ausreichend für das, was sie tun müsse. Sie wohnte in einem Pflegeheim und ging morgens immer in die Kapelle, um zu beten und Bibel zu lesen. Manchmal fand sie den Rückweg nicht mehr, aber an den Herrn konnte sie sich offensichtlich erinnern. Aber bei manchen läuft es auch anders, und ihre Neigung zu geistlichen Dingen scheint sich zu verringern. Das wirft die Frage auf, in wie weit persönlicher Glaube und Erinnerungsfähigkeit zusammenhängt. Muss ich mich daran erinnern können, was Jesus für uns getan und uns versprochen hat?  Wie kann man denen helfen, deren Glauben “den Bach runter geht”? Kann man  vorbeugen?

Dr. Mast sieht einen Zusammenhang zwischen geistlichen Gewohnheiten und dem, was man in der Alzheimerforschung als prozedurales und emotionales Gedächtnis bezeichnet. Wenn das Kurzzeitgedächtnis schwindet, so können doch vormals tief eingegrabene Erfahrungen und Gewohnheiten Zugang geben zu den geistlichen Wahrheiten, die sie beinhalten. So kann es passieren, dass ein Patient, der seine Umwelt kaum noch wahrzunehmen scheint, plötzlich leuchtende Augen bekommt, wenn ein altes Glaubenslied gesungen oder ein Psalm vorgelesen wird, den er kennt.

Nach Dr, Mast ist es hilfreich, wenn geistliche Praktiken wie Beten, Singen, Bibellesen in einen Lebensrhythmus fest eingebettet sind. Und es ist gut, wenn die Menschen in unserem Leben wissen, wann wir was zu tun pflegen, so dass sie uns im Fall der Erkrankung helfen können, daran zu bleiben oder wieder dazu hinzufinden.

Fest steht, dass die Gnade Gottes nicht aufhört, wenn wir Alzheimer bekommen. Christus tritt immer für uns beim Vater ein, und nichts kann uns von seiner Liebe trennen. Er trägt uns durch, und Alzheimer ist auf jeden Fall nicht das Ende. Gott hat den Seinen eine herrliche, heile Zukunft versprochen.

Ein Gedanke zu „Alzheimer, das Gehirn und die Seele

  1. freeatlast

    Danke für diesen schönen Artikel. Der hat mich auf einen Aspekt gebracht, den ich bisher nicht erwogen hatte. Ich hab privat nahezu täglich mit einer alten Dame (91) zu tun, die seit vielen Jahrzehnten Christin ist und nun doch so langsam erste Anzeichen von Demenz zeigt. Wenn ihr auch manchmal das aktuelle Geschehen teilweise „wegrutscht“ – ihre Bibel und andere christliche Literatur liegen immer auf ihrem Tisch und werden genutzt. Zur Zeit jedenfalls erscheint dieser Bereich ihres Lebens (noch) geschützt. Nein – bei Alzheimer hört Gottes Gnade nicht auf. Das ist wirklich gut zu wissen.

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