Hanna (2): Demut

file3821235526658 (2)Im Tempel schüttet Hanna ihr Herz vor Gott aus. Sie lässt alles herausfließen, Worte und Tränen, alles, was sich in ihr aufgestaut hat über die Jahre, die Traurigkeit, die Verletzung, die Bitterkeit, die Sehnsucht, die Fragen …Es ist eine Sache zwischen ihr und Gott, nichts wo einer zuhören sollte, viel zu privat und intim, viel zu schmerzhaft, viel zu flehentlich. Deshalb spricht sie nicht laut, sondern bewegt nur die Lippen. Ganz innerlich, das geht auch nicht, sonst fühlt sie sich am Ende doch wieder alleine mit ihren Gedanken und Gefühlen. Sie muss sie in Worte fassen, aussprechen, und sich nachher ganz sicher sein: Das habe ich zu Gott gesagt. Das hat er von mir gehört. Denn das, was sie schließlich verspricht, das soll sie auch binden:

Herr der Heerscharen, wenn du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deine Magd nicht vergessen wirst und deiner Magd einen Sohn geben wirst, so will ich ihn dem Herrn geben, so lange er lebt, und kein Schermesser soll auf sein Haupt kommen.

Während ihr Herz ganz absorbiert ist von ihrem Gespräch mit Gott, wird sie etwas schroff von hinten angesprochen. Der alte Priester Eli sitzt an der Tür und hat sie jetzt schon eine Weile beobachtet. Diese Frau muss besoffen sein! Heult, brabbelt in sich hinein, wird gar nicht fertig. Am hellen Tag! Das ist hier, bitteschön, der Tempel Gottes! Das kann er nicht länger mit ansehen. “Wie lange willst du dich hier so aufführen? Du bist offensichtlich betrunken!”

Was hätte Hanna ihm alles antworten können! Hast du sonst keine Probleme? Kehr mal vor deiner eigenen Tür! jeder weiß, was deine Söhne hier treiben, und dass du nicht eingreifst! Aber lieber attackierst du eine Frau, die einfach nur beten will! Selbstgerechter alter Heuchler!

Aber ihr kommt noch nicht einmal der Gedanke. Sie sagt einfach:

„Nein, mein Herr! Ich bin nicht betrunken, ich bin nur eine unglückliche Frau und habe Jahwe mein Herz ausgeschüttet. Denk nicht so schlecht von deiner Dienerin. Denn aus großem Kummer und lauter Verzweiflung habe ich so lange gebetet.”

Der große Gott hat sie angehört. Es gibt keinen Grund zum Streiten. Sie rechtfertigt sich ganz ruhig und sachlich. Eli ist der Priester Gottes, und sie respektiert seine Sorge für das Haus Gottes. Er hat sich nur geirrt, die Dinge sind anders, als er denkt. Man kann es spüren, dass alle Bitterkeit aus Hannas Herzen verschwunden ist. Wer von Gott gehört und angenommen ist, den kann kein Mensch mehr durch harte Worte aus der Bahn werfen.

Eine sanfte Antwort besänftigt den Zorn, heißt es in Sprüche 15,1. Eli sieht, dass er im Unrecht war. Der Weg ist frei, dass Hanna ausgerechnet durch ihn die Zusage Gottes empfangen kann:

„Geh in Frieden! Der Gott Israels wird deine Bitte erfüllen.“

Was für eine Freude! Gott hat auf sie, Hanna, die Gedemütigte, die Versagerin, gehört. Man kann den Frieden, der sich in ihrem Herzen ausbreitet auf ihrem Gesicht sehen. Sie muss sich nicht mehr mühen, quälen, rechtfertigen. Der Allmächtige höchstpersönlich hat ihre Sache in die Hand genommen.

Die Geschichte findest du in der Bibel in 1.Samuel 1

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