Predigt-Nachlese: Plötzlich hast du einen Bruder– wie das Evangelium Beziehungen verändert

Predigttext: Der Brief an Philemonimage

Seinen kürzesten Brief schrieb Paulus an Philemon, einen wohlhabenden Christen in Kleinasien, der auch Sklaven besaß. Der Anlass und Überbringer war Onesimus, Slave eben dieses Mannes, der ihm – warum und wann wissen wir nicht – weggelaufen war. Sklaven waren in der Antike rechtlos und abhängig in jeder Beziehung und schufteten oft in der Landwirtschaft der Großgrundbesitzer. Dass sie wegliefen, war an der Tagesordnung, Manchmal suchten sie Asyl in heidnischen Tempeln.

Onesimus hatte es aus unbekannten Gründen nach Rom und zu Paulus verschlagen, der sich dort als Gefangener aufhielt. Durch den Apostel hatte er Jesus kennengelernt. Ich habe ihn in meinen Fesseln gezeugt, sagt Paulus, und seine völlige Lebensveränderung beschreibt er in einem kleinen Wortspiel mit dem Namen Onesimus, was “nützlich” bedeutet: der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist.

Was uns verblüffen mag: Weder Jesus noch Paulus haben je ein Wort gegen Sklaverei gesagt. Zwar ermutigt Paulus Sklaven, die Freiheit anzunehmen, wenn sich ihnen die Möglichkeit bietet, aber ansonsten ermahnt er sie zu Respekt und Gehorsam gegen ihre Herren und guter Arbeitsmoral. Im Gegenzug werden die Herren aufgefordert, ihre Sklaven gut zu behandeln und ihnen nicht zu drohen. Es gab also keinen Aufruf zu sozialer Revolution und politischer Veränderung, sondern zur Buße und Herzensverwandlung! Das Evangelium hat nicht die Umgestaltung der Gesellschaft für die beschränkte Zeit auf dieser Erde im Fokus, sondern die unsterbliche Seele des Menschen. (Dennoch war das Christentum mitverantwortlich für die Abschaffung der antiken Sklaverei, weil es durch ein neues Menschenbild das Denken von innen heraus veränderte.)

So richtet Paulus auch an Philemon keinen moralischen Appell, die Sklavenhaltung aufzugeben, sondern er spricht ihn an als die neue Kreatur, die er in Christus ist. Er dankt Gott für ihn und erbittet und erwartet, dass das Gute, das durch Christus in ihn hineingelegt wurde, auch zum Ausdruck kommt. (Wie sprechen wir uns gegenseitig an, und haben wir eine positive Erwartungshaltung gegenüber unseren Geschwistern als durch Gott erneuerte Menschen?)

Und dann kommt er auf den Punkt: Onesimus war jetzt ein Bruder. Als Sklave hatte er an Wert verloren – weggelaufene Sklaven ließen sich nur unter Preis weiterverkaufen. Aber Jesus hatte einen Preis für ihn bezahlt – den gleichen wie für Philemon!

Paulus könnte es anordnen als Apostel, aber er bittet. Er will, dass echte Bruderliebe das Motiv ist. Onesimus ist sein Kind und sein Herz und er wünscht sich, dass Philemon ihn gleichermaßen als geliebten Bruder sieht. Er hat das Vertrauen, dass die Bruderschaft in Christus die scharfe gesellschaftliche Trennlinie zwischen Herrn und Sklaven aufheben wird, und er ist bereit, alles dafür zu tun, was er kann, auch eventuelle Schadensersatzforderungen zu begleichen.

Paulus wusste: Wenn er seine Autorität ausspielte, würde der Gehorsam vielleicht “die Liste abhaken”. Aber die Liebe weiß auch ohne Anweisung, was zu tun ist und kann des Guten gar nicht genug tun. Auf diese Liebe vertraut er bei Philemon, weil der Heilige Geist sie in sein Herz ausgeschüttet hat, und er deutet vorsichtig die Hoffnung an, dass die Bruderschaft sich zu einer Freilassung “auswächst”.

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