Archiv des Autors: Ruth

Über Ruth

Bin ein bisschen Freak und ein bisschen Poet- und ich folge Jesus von Nazareth.

Der gute Hirte

Schafe sind ohne Hirten hilflose Tiere, schreckhaft, orientierungslos und verletzlich. Schon im Alten Testament vergleicht Gottes Volk sich selbst mit einer Schafherde:

Denn er ist unser Gott, und wir sind sein Volk. Er führt uns wie eine Herde und sorgt für uns wie ein Hirt. Psalm 95,7 (NeÜ)

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Um sein Volk zu weiden, hat Gott zu allen Zeiten “Unterhirten” eingesetzt: Könige (in Israel) und geistliche Leiter. Er erwartete von ihnen Fürsorge für sein Volk. Sie sollten dabei nicht eigene Machtgelüste befriedigen, sondern sich an den Bedürfnissen der Schafe orientieren: Sie mit Nahrung versorgen, die Schwachen stärken, die Kranken heilen, die Verirrten suchen und zurückholen.

Weil aber die Führer des Volkes genau das nicht getan haben, klagt er sie durch den Propheten Hesekiel leidenschaftlich an: Ihr Hirten habt nur euch selbst geweidet! Ihr habt die Milch getrunken, euch in die Wolle gekleidet, das Fleisch gegessen, aber euch nicht um die Schafe gekümmert. Statt dessen habt ihr mit Gewalt und Härte über sie geherrscht und sie nach Strich und Faden ausgenutzt. Wer dabei draufging, war euch egal! Darum sind sie eine verwirrte, vernachlässigte, zerstreute Herde, die den wilden Tieren zum Fraß ausgeliefert ist. – Gott hat genug von diesen Egomanen und Verbrechern! Er wird jetzt selber nach seinen Schafen schauen, und zwar durch den Sohn Davids, den Messias.

Wenn nun Jesus in Johannes 10 sagt: Ich bin der gute Hirte! – dann wussten seine Zuhörer, auf was er sich bezog: Er ist der Messias, der seine Herde den Dieben und Räubern entreißen wird. 

Was nun legitimiert ihn und unterscheidet ihn von den schlechten Hirten? Er hat sein Leben für die Schafe gelassen, und zwar völlig freiwillig. Niemand konnte sein Leben von ihm nehmen – er hat es gegeben. Die Schafe bedeuten ihm alles, denn es sind seine. Er macht nicht nur einen Job gegen Bezahlung. Er setzt sich ein mit allem, was er hat und ist und verteidigt sein Eigentum bis aufs Blut. Er setzt seine Schafe nicht auf magere Kost; er versorgt sie reichlich mit frischem Grün und Lebenswasser. Er will, dass sie aus dem Vollen leben! Das Herz seiner Schafe hat jeden Tag ein Fest!

Und die Schafe, seine Schafe, erkennen ihn. Sie kommen, wenn er ruft. Sie wissen, dass er der einzig Zuverlässige ist, und die ganzen anderen Stimmen identifiziert ihr geistliches Immunsystem als “fremd”: Das ist nicht der, der uns geliebt und sich selbst für uns gegeben hat!  Denn falsche Hirten sind immer noch unterwegs. Ihre Motivation hat sich nicht geändert – ihnen geht es um Macht, Geld und Ehre, kurz: um sich selbst. Sie kommen nicht durch die Tür, sondern über die Mauer, d.h. sie propagieren immer einen anderen Weg zur Erlösung als das Blut Jesu und die Gnade. Manchmal muss man schon sorgfältig hinhören, um den Unterschied zu erkennen. Einige predigen Gesetz, andere Gesetzlosigkeit, manche Selbsthilfe-Psychologie oder positives Denken … und alle haben sie ein Spendenkonto, auf dass sie mit subtilem Druck hinweisen. Es ist überlebensnotwendig, dass wir nahe bei unserem Hirten bleiben und uns durch sein Wort auf seine Stimme prägen lassen.

Die Herde Jesu ist noch größer als das Gottesvolk des Alten Testamentes. Jesus hat noch “andere Schafe”, Menschen aus allen Völkern der Erde, die zu ihm gehören, die er ruft, die erkannt haben, dass er der einzige Weg ist. Und yeah! Ich darf auch dazugehören!

Wie man gesetzt ist, so läuft man

Sessel, Philadelphia, John, Pollard

Vor Kurzem haben wir uns beim Frauenfrühstück unsrer Gemeinde näher mit dem Epheserbrief beschäftigt. Das Schlüsselwort dieses Briefes ist in IHM.  Alles, was wir von Gott bekommen haben, haben wir in Christus. Was das bedeutet, kann man sich so vorstellen: Wenn du in einem Flugzeug sitzt, so geschieht alles, was mit dem Flugzeug geschieht, auch dir, Wenn es abhebt, hebst du ab. Wenn es in der Luft ist, bist du in der Luft. Wo es hinfliegt, fliegst du auch hin. Sobald du eingestiegen bist, ist dein Schicksal mit dem Schicksal des Flugzeugs untrennbar verbunden.

Und so sind wir mit Christus untrennbar verbunden, sozusagen verwachsen, wenn wir von Neuem geboren wurden. Es ist gestorben und für die Sünde verurteilt worden? Wir sind mitgekreuzigt und freigesprochen von der Sünde. Er ist auferstanden? Wir sind mitauferstanden. Er sitzt jetzt im Himmel zur Rechten Gottes? Dann sitzen wir dort mit ihm. Unsere Heimat und unsere Zukunft ist im Himmel, und das, obwohl wir von Natur tot waren in unseren Sünden wie alle anderen Menschen auch! 

All das, was wir gewonnen haben durch die geschenkte (!) Einheit mit Christus, ist Thema der ersten drei Kapitel des Epheserbriefs. Wir sind mit Christus gesetzt worden. Er sitzt, weil er sein Erlösungswerk vollendet hat. Da muss nichts mehr getan werden. Er sitzt, weil er gesiegt hat und jetzt regiert. Und wir sitzen mit. Wir müssen nicht mehr arbeiten für unsere Erlösung. Das ist alles fertig. Und wir dürfen jetzt ein siegreiches Leben führen – laufen!

Wenn man nicht weiß, wie man gesetzt ist, dann ist das Laufen schwer. Dann wird das nichts. Deswegen erklärt uns der Epheserbrief zuerst, wer wir sind, und wo wir sind, und dann fordert er uns auf, uns in dieser Welt so benehmen, wie es diesem Gesetztsein entspricht. Ihr habt den alten Menschen ausgezogen, sagt Paulus. Lebt euer neues Leben in Heiligkeit und Liebe! Wie das in den verschiedenen Alltagssituationen aussieht, führt er dann in Kapitel 4ff aus.

 

Schließlich geht es noch um das Stehen im geistlichen Kampf. Im Spannungsfeld vom Festhalten an dem, was wir in Christus haben, und den Ansprüchen, die der Satan immer noch an uns stellen will, muss unsrerseits ein Abwehrkampf gekämpft werden, ein Behaupten des Feldes. Den können wir aber ganz zuversichtlich angehen, weil uns die Waffenrüstung Gottes zur Verfügung steht.

Wie wichtig ist es doch, dass wir wissen, was Gott uns gegeben hat! Wer nicht versteht, dass er mitgestorben, mitauferstanden und mitgesetzt ist, wird große Probleme haben mit dem Laufen und Stehen und immer vergeblich versuchen, es selber hinzukriegen.

Ist Gott hart und Jesus soft?

opposites-489521_1920Irgendwie kommt es mir immer wieder unter in Gesprächen und auf Blogs: Viele sehen einen Gegensatz zwischen dem rachedurstigen, Gericht übenden Gott des Alten Testamentes und dem gnädigen, vergebenden Jesus. Irgendwie scheint dem modernen Menschen Jesus recht sympathisch, der AT-Gott aber passt, so meint man, nicht so ganz ins Bild.

Nun, das eine wie das andere beruht auf Unkenntnis, die daher rührt, dass man die Bibel nicht ganz liest, noch nicht einmal das Neue Testament. Zudem blendet diese Wahrnehmung das Selbstzeugnis Jesu total aus, denn er hat gesagt: Ich und der Vater sind eins.

Jesus ist eins mit dem Vater im Zorn gegen die Sünde. Das Buch der Offenbarung (das übrigens der Apostel Johannes geschaut und verfasst hat, den man oft den “Apostel der Liebe” nennt) zeigt Jesus als Richter über eine gottlose Welt. In großer Furcht flehen die Menschen die Berge und die Felsen an:

Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes. Denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen, und wer wird ihn überleben? Offenbarung 6,16.17

Der Vater ist eins mit Jesus im Willen, gnädig zu sein und zu retten. Schon immer, auch im Alten Testament, hat es Gott widerstrebt, den Sünder zu strafen. Er wünscht sich nichts mehr als seine Umkehr, damit er ihn begnadigen kann. Daher wurde innerhalb der dreieinigen Gottheit schon vor Grundlegung der Welt der Beschluss gefasst, dass der Sohn Mensch werden und für unsere Sünden sterben würde. Das Kreuz ist nichts, was Gott seinem Sohn “angetan” hat, sondern er hat es völlig freiwillig auf sich genommen. Und Gott hat den Sohn “gegeben” für eine feindselige Welt. So wie bei Abraham und Isaak, als sie zum Berg Morija gingen, kann man es von Gott und Jesus sagen: So gingen beide miteinander. Der Sohn hat sich geopfert. Der Vater hat den Sohn geopfert.

Einer meiner Lieblingsverse steht in Apostelgeschichte 20,28. Da ist die Rede davon, dass Gott sich die Gemeinde erkauft hat durch das Blut seines eigenen (Sohnes). In den englischen Übersetzungen steht durchgängig: durch sein eigenes Blut. Beide Übersetzungen sind möglich, denn das Wort Sohn ist nur ergänzt und steht nicht im Urtext. Auf jeden Fall ist klar: Da ist nicht ein unbeteiligter Gott, der fremdes Blut vergießt. Es hat Sohn und Vater alles gekostet. So groß ist ihr Zorn auf die Sünde. So groß ist ihre Liebe zu uns.

Es ist wahr: Ohne das Opfer Jesu hätte Gott unsere Sünde niemals vergeben können. Durch dieses Opfer können wir vor dem Zorn Gottes und des Lammes gerettet werden. Aber es gibt zwischen Gott und seinem Sohn keine Meinungsverschiedenheiten – weder in der Gnade noch im Gericht. Wir können nun Gott so nehmen, wie er sich offenbart hat – oder ihn ablehnen. Was wir nicht können, ist Jesus annehmen und den richtenden Gott ablehnen. Diese Option ist nicht existent.

Gott hat die Welt geliebt – aber liebt er auch mich persönlich?

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In einem Gespräch ist diese Frage neulich aufgetaucht. Wenn es heißt, dass Gott die Welt liebt, was bedeutet das? Liebt er sie sozusagen “Im Kollektiv”? Heißt das vielleicht einfach nur, er hätte sie gerne zurück, darum will er sie retten? Was bedeutet es, dass Christus die Gemeinde liebt und sich für sie gegeben hat? Meint er mich denn auch persönlich? Ist es so, wie es in einem alten Lied heißt:

Ewig soll er mir vor Augen stehen,
wie er als ein stilles Lamm
dort so blutig und so bleich zu sehen,
hängend an des Kreuzes Stamm,
wie er dürstend rang um meine Seele,
dass sie ihm zu seinem Lohn nicht fehle,
und dann auch an mich gedacht,
als er rief: „Es ist vollbracht!“

Nun ist ein Lied kein biblischer Beleg. Aber es gibt einen! Der Apostel Paulus war sich ganz sicher:

Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat. Galater 2,20

Gott kennt uns persönlich, Christus ist für jeden von uns persönlich gestorben. Er kümmert sich um jeden persönlich, fühlt mit uns, hört uns, sammelt unsere Tränen, weiß über uns, was keiner sonst weiß, will uns ganz persönlich in seiner Familie haben. Er spricht durch sein Wort zu uns persönlich, er erzieht uns persönlich. Zu jedem von uns hat er eine so einzigartige Beziehung wie der unverwechselbare Fingerabdruck, den er uns zugeteilt hat. Er ruft uns bei unserem Namen. Damit ist nicht nur der Name gemeint, den uns unsere Eltern gaben. Den gibt es vermutlich mehr als einmal auf der Welt, und er sagt wenig darüber aus, wer wir sind. Aber Gott kennt unser innerstes Wesen und unsere Bestimmung, das, was er aus uns machen kann: Er macht aus einem Abram einen Abraham, aus einer Sarai eine Sarah, aus einem Jakob einen Israel, aus Simon einen Petrus und aus einem Saulus einen Paulus.

So, wie er jeden persönlich liebt, so ist ihm auch jeder persönlich verantwortlich, und so, wie er uns angenommen hat in unserer Verschiedenartigkeit, sollen auch wir uns gegenseitig annehmen. Und dann sind wir miteinander seine geliebte Familie, die ihn mit einem Herzen und einem Sinn preist!

Zeit der Gnade

Momentan lese ich durch den Propheten Jesaja, und heute kam ich zum Kapitel 61. Dort steht in den ersten Versen:

Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste …

Viele Jahre später liest Jesus diese Verse in der Synagoge in seiner Heimatstadt Nazareth vor und bezieht sie auf sich selbst. Aber da gibt es ein interessantes Detail. Er stoppt nach dem “Gnadenjahr”. Den “Tag der Vergeltung” erwähnt er nicht. Dann macht er das Buch zu und gibt es dem Synagogendiener und sagt: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Wollte er nun damit sagen, dass Gott kein Gericht üben wird? Ganz bestimmt nicht! Jesus selbst hat oft vom Gericht gesprochen, und er hat ausdrücklich betont, dass alles im Alten Testament volle Gültigkeit hat. Was er sagen will: In IHM ist dieses Gnadenjahr angebrochen. Gott will nicht richten, er will retten, und er hat uns einen Retter gesandt. Das Herz Gottes ist auf Vergebung und Versöhnung gerichtet – wenn wir es denn annehmen wollen.image

Unser Gott liebt seine Feinde. Das ist mir vor Kurzem auch im Matthäusevangelium ganz neu bewusst geworden. Da sagt Jesus:

Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

Gott tut das “Unnormale”, das Besondere, und er möchte, dass wir als seine Kinder es ihm nachmachen. Das Normale ist, dass man seine Freunde liebt und seine Feinde hasst, aber Gott möchte aus Feinden Freunde machen. Er geht auf sie zu und erzeigt ihnen unverdiente Freundlichkeit. Er sendet ihnen Jesus, um für ihre Sünden zu sterben, um ihnen einen Weg zu bahnen in seine Gegenwart. Er hebt das Gericht nicht auf, aber er räumt ihnen ein Gnadenjahr ein, um umzukehren.

Er hat das auch für mich getan, und wie froh bin ich dafür! Und auch für dich gilt dieses Angebot!  Schlag es nicht aus!

Verachtest du etwa den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt? (Römer 2,4)

Jesus und die Ehebrecherin (Predigt-Nachlese)

Jesus und Ehebrecherin

Rembrandt [Public domain], via Wikimedia Commons

Predigttext: Johannes 7,53 – 8,12

Nachdem er am Laubhütten-Fest das große Angebot für alle Lebensdurstigen gemacht hatte, übernachtete Jesus auf dem Ölberg.  Aber noch vor Tagesanbruch war er wieder im Tempelvorhof, wo es auch morgens früh schon geschäftig zuging und alle möglichen Leute waren. Wie er es oft tat, setzte er sich und lehrte alle, die zuhören wollten.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber waren auch nicht gerade Schlafmützen, vor allem wenn es darum ging, den Sünden anderer Leute aufzulauern. Sie hatten irgendeine unglückliche Frau beim Ehebruch ertappt, und nun schleppten sie sie in den Tempel. Schließlich sahen sie sich als Hüter von Gesetz und Moral. Und gleichzeitig bot ihnen das eine wunderbare Gelegenheit, um Jesus so richtig in die Ecke zu drängen. Nun soll er doch mal zeigen, wie er zum Gesetz steht! Sie stellten die Frau vor ihn hin. “ Hier! Die haben wir auf frischer Tat ertappt! Mose hat uns geboten, solche zu steinigen. Und du? Was sagst du dazu?”

Ja, nun saß er in der Falle! Sagte er: “Steinigt sie!”, – was war dann all sein Gerede von Gnade und Barmherzigkeit wert? Waren doch viele gerade deswegen seine Anhänger, weil er ein Freund der Sünder war, der sich mit Zöllnern und Huren und ähnlichem Gesindel abgab. Die wäre er dann los. Sagte er aber: “Lasst sie laufen!”, dann hatte er ihnen den Beweis geliefert, dass er sich nicht ans Gesetz hielt, und sie hätten einen unanfechtbaren Anklagegrund.

Aber was tut er da? Er bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Was soll das? Er soll ihnen gefälligst antworten, damit sie ihn in die Pfanne hauen können! “Hallo! Wir haben dich was gefragt!”

Da richtet er sich auf und schaut sie an mit seinen reinen Augen. “Wer unter euch ohne Sünde ist, der kann den ersten Stein werfen!” Ja, diese Frau hat den Tod verdient. Er sieht das kein bisschen anders als das Gesetz Gottes. Jeder, der noch nie gesündigt hat, darf sie verurteilen. Und er bückt sich wieder und schreibt weiter auf die Erde. Denken sie jetzt an seine Worte: “Wer eine Frau auch nur mit einem Blick voller Begierde ansieht, hat im Herzen schon mit ihr die Ehe gebrochen” ? Das Licht Jesu scheint auf ihre Gewissen – und sie gehen raus, einer nach dem anderen. Sie könnten jetzt bekennen und sagen: “Ich bin der Sünder! Sei mir Sünder gnädig!” – aber sie bringen es nicht über die Lippen. Lieber entfernen sie sich aus dem Strahlkreis seines Lichtes als zuzugeben, dass ER Recht hat und sie im Unrecht sind.

Schließlich richtet er sich auf. Er ist allein mit der zitternden, verwunderten, wartenden Frau zurückgeblieben. Was nun? Jesus ist der einzige, der nie auch nur einen unreinen Gedanken hatte, der einzige, der den Stein werfen könnte. Er hat das Recht, sie zu verurteilen. Wird er es tun?

“Frau, wo sind sie? Hat dich niemand verurteilt?” “Nein, Herr, niemand!” Sie ist zerbrochen. Sie weiß, was sie verdient hat. Es ist kein Triumph für sie, dass ihre Ankläger unter demselben Urteil stehen. Sie denkt nicht: “Diese dreckigen alten Säcke, denen hat er´s aber gegeben! Die sind selbst nicht besser!” Sondern sie weiß, sie braucht jetzt eins: Gnade.

Und sie hört Jesus sagen: “So verurteile ich dich auch nicht.” Er ist der Gerechte, der Heilige, der zum Gericht Berechtigte. Wenn er sie nicht verurteilt, dann nicht, weil er Ehebruch für ein Kavaliersdelikt hält, sondern weil er selbst ihre Strafe auf sich nehmen wird. “Geh, und sündige in Zukunft nicht mehr!”

Die Frau hatte einen “Vorteil” gegenüber den Pharisäern: ihre Sünde war offensichtlich. Sie konnte sich nicht in die eigene Tasche lügen. Sie aber hatten nach außen ein tadelloses Verhalten. Das erweckte in ihnen die Illusion, sie seien gerecht und Gott mit ihnen zufrieden. Während die Frau wusste, dass sie das Gesetz nicht halten konnte, meinten sie mit stolz geschwellter Brust: “Aber na klar doch!” – bis das Licht Jesu all ihre innere Schwärze offenbarte, und das ganz ohne  Geschimpfe und Geschrei.

Ich denke, die Frau ging frei und leicht nach Hause. Gott hatte ihr vergeben. Die Freundlichkeit Jesu hatte ihr Herz verändert, so dass sie seiner klaren Ansage folgen wollte: “Sündige nicht mehr!” Sie konnte die Sünde gar nicht mehr wollen, weil sie jetzt eine größere Liebe gefunden hatte, als die, die sie vergeblich und mit bösen Folgen gesucht hatte.

Was tun wir, wenn Jesu Licht auf uns fällt? Geben wir unsere Sünde zu und lassen uns ein neues Leben schenken? Oder gehen wir weg und bleiben im Dunkeln, damit unser Image gewahrt bleibt?

Und wenn wir seine Gnade erfahren haben – haben wir sie dann auch für andere? Oder hauen wir ihnen wieder das Gesetz um die Ohren? Dann haben wir vermutlich vergessen, wer wir eigentlich sind.

Durst nach dem Wasser des Lebens? (Predigt-Nachlese)

Predigttext: Johannes 7,25-39

 

Es war Laubhütten-Fest in Jerusalem. Alle Welt strömte in die Stadt, um sich wie jedes Jahr nach der Ernte an der Güte Gottes zu freuen. Gleichzeitig erinnerte man sich an die Zeit des Auszugs aus Ägypten. Wie damals zeltete man für eine Woche in Hütten aus belaubten Zweigen. Es war ein symbolträchtiges Fest voller Jubel und fröhlichen Lärms und voller Verheißungen. Aber mitten unter all dieser Freude waberte ein Geraune von dunklen Plänen. “Hast du schon gehört? Sie wollen Jesus umbringen!”  “Was? Das kann nicht sein! Er redet doch hier öffentlich, und sie unternehmen nichts.” “Vielleicht haben sie es ja jetzt doch gemerkt, dass er der Messias ist? Schließlich tut er mehr Wunder als irgendjemand zuvor.” –  “ Aber heißt es nicht, wenn der Messias kommt, wird niemand wissen, wo er herkommt? Von Jesus wissen wir aber, wo er herkommt.” So war die Luft erfüllt von Hoffnungen, Spekulationen und theologischen Erwägungen einerseits und hasserfüllten Gedanken und finsteren Absichten andrerseits. Die brodelten in den Herzen derer, die sich durch Jesus bedroht sahen, weil er ihre Heuchelei, ihr Scheinen-statt-Sein angriff, und das sogar öffentlich. Dass er ihnen damit helfen wollte, verstanden sie nicht. Wie gerne hätten sie ihn sofort unschädlich gemacht, aber obwohl sie fast die Nerven verloren, war es keine gute Situation für ihr Vorhaben mit all den vielen Menschen, von denen man nicht genau wusste, auf welche Seite sie sich schlagen würden. Denn es gab durchaus viele, die an ihn glaubten.

Dann kam der größte, letzte Tag des Festes. An diesem Tag war es Brauch, dass der Hohepriester mit einer goldenen Kanne zur Quelle Siloah ging und von dort Wasser schöpfte. Damit ging er, begleitet von einer fröhlichen Prozession mit Laub-Sträußen, zum Tempel hinauf, wo er im Tempelhof Wasser und Wein über dem Altar ausgoss. Dazu rezitierte die Menge die Worte des Propheten Jesaja:

Voller Freude sollt ihr Wasser schöpfen, Wasser aus den Quellen des Heils.

Da ertönte ein lauter Ruf und setzte sich unüberhörbar gegen den ganzen Fest-Lärm durch:

“Wenn jemand Durst hat, soll er zu mir kommen und trinken! Wenn jemand an mich glaubt, werden Ströme von lebendigem Wasser aus seinem Inneren fließen, so wie es die Schrift sagt.“

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Die Stimme Jesu! Er hatte ihnen mehr zu bieten als Symbolik! Er wollte ihnen das echte Lebenswasser geben, das wahre Wasser aus den Quellen des Heils! Und dazu forderte er sie (und uns) auf:

 Durst haben: Wer Durst hat, richtigen Durst, der ist am Ende. Der braucht nur noch eins: Wasser! Und wer richtig am Ende ist mit sich selbst, wer seine Sünde erkannt hat und seine Unfähigkeit, jemals mit Gott ins Reine zu kommen – den dürstet nach Vergebung. Der hat Durst danach, dass er wieder in die Gegenwart Gottes kommen darf, von der die Sünde ihn ausschließt. Er verweigert sich der schrecklichen Wahrheit über sich selbst nicht. Er weiß, dass er verloren ist, und sein Herz schreit nur: “Frieden! Vergebung! Gemeinschaft mit Gott!” – Ohne das kann er nicht weiterleben.

Kommen: Das ist das Angebot, das Jesus hier macht, und er macht es allen. “Wenn jemand” … Jemand – da ist keiner ausgeschlossen. Das kannst du sein. Das bin ich. Wer kommt, der ist dabei! Und das ist das, was wir tun müssen: Kommen. Komm! Komm allein! Keiner kann dich hier vertreten. Es ist deine Entscheidung, und du musst sie ganz und für immer treffen. Wende dich weg von Welt und Sünde – das hast du ja zur Genüge ausgekostet, und du hast es satt – und wirf dich zu den Füßen deines Retters. Du musst nichts vorweisen, du musst nicht religiös sein – du musst nur Durst haben.

Trinken: Nimm an, was er dir gibt! Er reinigt dich von aller Schuld und gibt dir ein neues Herz mit einer neuen Neigung. Nimm es an, dass sein Blut dich von aller Sünde wäscht und loskauft, dass sein Wort dein Leben reinigt und deine Füße  auf den Weg der Heiligung setzt!

Jesus gibt uns den heiligen Geist. Er erwartet nicht, dass wir uns durch gute Vorsätze und harte Arbeit ändern. Er tut es selbst in uns durch seine Kraft. Unsere Umgebung wird es merken. Wir werden geistlich lebendig, und Ströme dieses Lebenswassers fließen von uns zu andern. Und alles, was wir tun müssen ist

Durst haben – kommen – trinken.

Wie damals, so polarisiert auch heute diese Aufforderung Jesu und teilt die Menschen in zwei Gruppen: In begnadigte Sünder und in die, die IHN nicht zu brauchen meinen. Wenn du ihm folgen willst, folgst du einem, den die Welt ans Kreuz schlug. Sie ist immer noch nicht begeistert von seinem Anspruch, der Sohn Gottes und der einzige Weg zum Vater zu sein. Die Nachfolge Jesu führt uns in die Gemeinschaft seines Kreuzes, aber sie verspricht uns völlige Freude und überfließendes Leben.