Archiv der Kategorie: Alltagstheologie

Tipps fürs innere Gleichgewicht (3)

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Es kommt nicht mehr so oft vor wie früher, aber ab und zu bin ich auch mal so richtig durcheinander. Das kann viele Gründe haben: Entscheidungen, die man ins Ungewisse treffen muss, Unsicherheit, ob man in einer Situation richtig gehandelt oder geredet hat, Stress in Beziehungen, Enttäuschungen, Ängste, zerschlagene Pläne, Flashbacks von schmerzhaften Erlebnissen … jeder von uns kennt seine eigenen Trigger, die plötzlich die endlose, fruchtlos kreisende innere Diskussion im Kopf lostreten, deren man nicht mehr Herr wird.

Was kann man da tun?

Für mich hat sich nur eins bewährt: Gott das Herz auszuschütten. Damit meine ich kein kurzes Stoßgebet (das hat auch seinen Platz) , auch kein vorformuliertes Gebet aus einem Gebetbuch, sondern ein ganz persönliches und gründliches Ausbreiten des Problems vor Gott, wo nichts zurückgehalten wird, weder Gefühle noch Gedanken noch Fragen noch die Schuld, die mich vielleicht drückt. Es muss alles zur Sprache kommen – Gott will es hören. Tränen sind okay. Es ist gut, wenn irgend möglich, laut zu beten. Wenn das nicht geht, dann betet man vielleicht wie Hanna in der Bibel, die nur ihre Lippen bewegte. . Aber du musst dir sicher sein, dass du nicht nur Gedanken hin- und herschiebst, sondern wirklich mit Gott sprichst.

Ich schütte meine Klage vor ihm aus und verkünde meine Not vor ihm.Wenn mein Geist in mir verzagt ist, so kennst du doch meinen Pfad … Psalm 142,3

Und dann wird er antworten. Dafür musst du nicht “in dich hineinlauschen”. Du musst es nur im Glauben annehmen, dass er sich drum kümmern wird. Vielleicht werden dir gleich Dinge klar, vielleicht erfährst du die Antwort durch eine Predigt oder beim Lesen in Gottes Wort oder durch ein seelsorgerliches Gespräch, vielleicht durch praktische Lösungen, die sich plötzlich auftun. Es gibt auch Antworten, die Jahre brauchen, weil unser Herz dafür noch nicht bereit ist, weil wir noch mehr Selbst- und Sündenerkenntnis brauchen, weil wir noch falsche Haltungen ablegen müssen, weil uns noch Erkenntnis fehlt. Aber Gott wird die Sache in die Hand nehmen und das alles in die Wege leiten. Du darfst nach diesem Ausschütten des Herzens in Frieden weggehen wie ein Kind, das dem Papa das kaputte Spielzeug oder die verknotete Schnur gebracht hat und weiß: Er kümmert sich drum. Er kann das reparieren.Er kann die Knoten entwirren. Ich kann ihm vertrauen. Und du kannst davonhüpfen, frei und unbelastet.

Und dann denkst du nur: Warum habe ich das nicht gleich gemacht?

Ich gehöre zur Risikogruppe

Photo by Nelly Antoniadou on Unsplash

Die letzten Wochen mussten wir uns mit Gottesdienst im Livestream begnügen. Das bedeutet, man sieht das Lobpreisteam online und kann, wenn man will, zuhause mitsingen und –beten … wenn die Technik und die Internetverbindung mitspielen. Ich hatte leider sehr oft diesen frustrierenden kleinen Kreis im Bild, was die Freude am Mitsingen nicht gerade fördert. Aber es ist schön, wenn man sieht, wie viele User zugeschaltet sind – man weiß, die Mehrzahl der Gemeinde ist “da” und auch noch einige Gäste, und es ist gut, dass so das Evangelium gepredigt werden kann.

Mitte der Woche kam dann die Meldung: Am Sonntag wird wieder Gottesdienst sein. Fleißige Köpfe und Hände setzten die Vorgaben für Abstände und andere Hygienemaßnahmen um, und wir bekamen eine Liste mit Regeln geschickt. Als ich sie sah, rutschte mir das Herz in die Hose. Wie wird das sein, wenn man Abstand halten soll, niemand die Hand geben, niemand um den Hals fallen, danach sofort nach Hause gehen muss, die Familien mit Kindern nicht dabei sein können … und dann: Angehörigen der Risikogruppe wird geraten, zu Hause zu bleiben. Ich befand mich zwischen Tränen und Trotz.

Risikogruppe – was für ein Wort! Ich bin 67 Jahre alt. Soll ich daraus schließen, dass ich jetzt nur noch auf einen risikolosen Tod warten und mich deswegen aus dem Leben zurückziehen soll? Da ich ja gesund und kein Risiko für andere bin und mein eigenes, theoretisches, aller Wahrscheinlichkeit nach sogar sehr geringes Risiko gerne in Kauf nehme, beschloss ich, dennoch zum Gottesdienst zu gehen. Ich dachte bei mir, selbst wenn so ein “Corona-Abstands-Gottesdienst” vielleicht eine frustrierende Erfahrung werden sollte, so möchte ich doch die Gelegenheit wahrnehmen, meinen Gott öffentlich anzubeten.

Und ich hätte mich kaum mehr täuschen können! Es war herrlich, die Schwestern und Brüder zu sehen; es war vor allem wunderbar, miteinander zu singen und anzubeten. Es gibt einfach Dinge, die lassen sich von der physischen Präsenz anderer Christen nicht abkoppeln. Warum auch sonst würden Christen in der Verfolgung ihre Freiheit und ihr Leben riskieren, um sich mit ihren Glaubensgeschwistern zu treffen? Weil das auf Dauer durch nichts zu ersetzen ist.

Ich war nach dem Gottesdienst ganz brav und bin schnell nach Hause gegangen, aber ich fühlte mich wie “aufgetaut”. Heute Nachmittag hatte ich dann noch mal eine ausführliche Gebetszeit alleine und stellte fest, wie neu motiviert und gestärkt ich war.

Ich gehöre tatsächlich zu einer Risikogruppe – ich leide unter dem Risiko der erkaltenden Liebe, der geistlichen Stumpfheit, der falschen Zufriedenheit, der lauen Anbetung, der “Pflichterfüllung” im Gebet, des Schmorens im eigenen Saft. Damit meine Kohle am Brennen bleibt, braucht sie die Gemeinschaft eines “Kohlehaufens”, muss sie das Leuchten in den Augen der anderen sehen, wenn wir gemeinsam unseren wunderbaren Herrn loben.

Vielleicht lernen wir das alle jetzt ganz neu schätzen. Es soll unser Mitgefühl und unsere Gebete beflügeln für die, die aktuell weltweit in dieser Krise von der Gemeinschaft abgeschnitten sind und für die, die in Ländern leben, wo es ihnen immer schwer bis unmöglich gemacht wird, zum Gottesdienst zusammenzukommen. Es ist nicht unmöglich, als Christ alleine zu sein, aber es ist ein großer Verlust und ein Risiko für den Glauben.

Tipps fürs innere Gleichgewicht (1)

robin-2200574_1920Selbst für die unter uns, die sich gesund und munter fühlen, ist diese Corona-Krise nicht leicht zu ertragen. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. Die einen haben Angst, dass sie oder ihre Lieben sich anstecken und erkranken. Die nächsten können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen oder fürchten, dass es bald dazu kommen wird. Alle leiden in unterschiedlichem Ausmaß unter der Kontaktsperre, die einen wegen Einsamkeit, die anderen, weil sie von ständigem Aufeinanderhocken überfordert sind und Konflikte sich verschärfen und die Nerven blankliegen. Jeder  leidet auf die ein oder andere Weise  unter der Unnatürlichkeit unseres derzeit verordneten Verhaltens. Als Christen fehlen uns ganz besonders unsere Zusammenkünfte, die durch kein Livestreaming und keine Videokonferenz zu ersetzen sind (auch wenn das besser ist als gar nichts). Das alles ist an manchen Tagen wie ein schweres Gewicht, das uns runterziehen will.

Also brauchen wir ein Gegengewicht!

Ein praxiserprobtes altes Sprichwort sagt:

Danken schützt vor Wanken- Loben zieht nach oben!

Deswegen ist mein Tipp Nr.1, den ich selbst seit einiger Zeit praktiziere: Mach es wie die Vögel und starte den Tag mit einem Loblied! Wenn du ein Instrument spielen kannst, ist das schön, aber es geht auch ohne. Und wenn du befürchtest, dass du den Rest der Familie aufweckst, sing leise, aber von Herzen – oder animiere sie zum Mitmachen.

Dann hast du erstmal den richtigen Fokus. Und diese gute Gewohnheit kannst du dann auch über die Corona-Zeit hinaus bewahren.

Corona-Zeiten

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Ich liege wach. Die letzten Reste meines Tag-Nacht-Rhythmus sind wohl der Tasse Kaffee zum Opfer gefallen, die ich mir gestern Nachmittag wider alle Vernunft genehmigt habe. Ich grüble nicht, aber der Gedankenstrom plätschert so bilderweise vor sich hin und rekapituliert die letzten Tage.

Zuerst musste man sich mal in dieser neuen Wirklichkeit zurechtfinden. Wie ganz Deutschland hing ich an den Lippen der Nachrichtensprecher, um herauszufinden, was sich jeweils gerade vom noch-Dürfen zum nicht-mehr-Dürfen verwandelte. Was geht noch, was geht nicht mehr? Jetzt gibt es zumindest vorläufig Klarheit, und die Politiker sind erstmal mit dem Aufspannen von Rettungsschirmen für alle und jeden beschäftigt.

Es ist still geworden bei mir, wo sich sonst an manchen Tagen die Leute die Klinke in die Hand geben. Ich habe eigentlich mit dem Alleinsein keine Probleme, aber ich habe plötzlich eine Mini-Sinnkrise. Wozu soll ich mich ordentlich anziehen, wozu die Wohnung aufräumen, wenn keiner kommt, wozu kochen, wenn keiner mitisst? Und mir fehlt meine Gemeinde. Es gibt Gottesdienst im Livestream, und es ist zwar schön zu wissen, dass die anderen zuhause auch vorm PC sind und mitsingen und zuhören – aber dasselbe ist es nicht. Trotzdem: Ein Segen, dass es die Technik gibt: Mit meinen Freundinnen treffe ich mich per Videokonferenz zum Bibellesen, Deutsch-Unterricht geht auch per Whatsapp-Videotelefonie, und Facebook hat gerade Hochkonjunktur. Heute schließlich habe ich aus meinem großen Wohnzimmertisch die Platte rausgemacht und ihn zusammengeschoben in einer Art grimmigen Akzeptanz, dass wir da mittel- oder vielleicht auch langfristig nicht mehr dran sitzen werden.

Das alles rollt durch meinen Kopf, und dann denke ich noch mal über das alte Paul-Gerhard-Lied nach, das ich so liebe: “Warum sollt´ich mich denn grämen? Hab ich doch Christus noch – wer will mir den nehmen? Wer will mir den Himmel rauben, den mir schon Gottes Sohn beigelegt im Glauben?” Und eine große Freude kommt in mir auf,

Dann fällt mir ein, dass eine Freundin neulich Richard Wurmbrand erwähnt hat, und ich denke: Wenn du eh nicht schlafen kannst, kannst du den mal googeln, und stoße direkt auf Videos von ihm, in denen er erzählt, wie er im kommunistischen Rumänien um seines Glaubens willen viele Jahre völlig allein und isoliert in einer Zelle unter der Erde eingekerkert war. Er spricht davon, dass wir jeden Tag vor der Wahl stehen, unser Leben von den negativen Umständen bestimmen zu lassen oder uns in Gott zu freuen und ihn zu loben. Genau das habe ich jetzt gebraucht. Gott weiß schon, warum er uns manchmal nicht schlafen lässt. Wer was über Resilienz lernen will, sollte sich das Video mal anschauen https://youtu.be/yWUXQgLiabk.

So, jetzt habe ich das alles aufgeschrieben, und draußen fangen schon die Vögel an, ihr Morgenlied zu zwitschern. Sie sind so un-beunruhigt, und so darf ich auch sein. Und nun versuche ich mal, noch eine Kappe voll Schlaf zu kriegen.

Wofür beten – in der Corona-Krise

archeHerr, wir wissen, dass kein Unglück geschieht, das du nicht genehmigt hast. Wir bekennen, dass wir es verdient haben. Unsere Welt hat dich und dein Wort verworfen. In unserem Stolz und unserer Auflehnung haben wir alle deine Ordnungen über den Haufen geworfen. Wir selbst wollen bestimmen über unser Leben und über unser Sterben. Wir selbst wollen bestimmen, was Geschlecht und was Ehe ist. Wir stimmen als Gesellschaft der Tötung von Tausendenden von Ungeborenen zu und denken immer noch, wir seien gute, fortschrittliche Menschen. Wir machen unsere Pläne ohne dich. Unsere Herzen sind voller Unzucht und Habsucht. Wir sind nie zufrieden mit dem, was du uns zuteilst.

Vor allem haben wir dich nicht geliebt und geehrt mit unserem ganzen Herzen, mit unserem ganzen Verstand, mit unserer ganzen Kraft. Wir ehren uns selbst, beten den Konsum und die Sicherheit an und das, was wir für unsere Freiheit halten. Jetzt wirfst du alle unsere Götzen über den Haufen und zeigst uns, dass wir Staub sind.

Du tust das nicht, weil du Spaß daran hast, uns leiden zu sehen. In deiner Gnade rüttelst du uns wach. In deiner Gnade willst du uns zur Buße führen. Herr, vergib! Wenn wir unsere Sünden bekennen, reinige uns durch das Blut deines Sohnes, den du als Retter der Welt gesandt hast. Hilf uns, von ganzem Herzen zu dir umzukehren.

Schenk unseren Verantwortlichen, dass sie dich suchen und deine Weisheit und deinen Rat finden in ihrer Ratlosigkeit.  In deinem berechtigten Zorn lass dein Erbarmen überhand nehmen und sei uns gnädig. Hilf uns, einzeln und gemeinsam, einen Neustart zu machen mit dir.

Hilf uns als deiner Gemeinde, dass wir die Menschen genug lieben, um ihnen die Wahrheit zu sagen. Hilf uns, uns nicht zu fürchten. Erfülle uns mit deinem Frieden. Verwandle uns durch die Nöte, durch die wir gehen, immer mehr in das Bild deines Sohnes, und richte uns aus auf deine Zukunft.