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Jesus und die Ehebrecherin (Predigt-Nachlese)

Jesus und Ehebrecherin

Rembrandt [Public domain], via Wikimedia Commons

Predigttext: Johannes 7,53 – 8,12

Nachdem er am Laubhütten-Fest das große Angebot für alle Lebensdurstigen gemacht hatte, übernachtete Jesus auf dem Ölberg.  Aber noch vor Tagesanbruch war er wieder im Tempelvorhof, wo es auch morgens früh schon geschäftig zuging und alle möglichen Leute waren. Wie er es oft tat, setzte er sich und lehrte alle, die zuhören wollten.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber waren auch nicht gerade Schlafmützen, vor allem wenn es darum ging, den Sünden anderer Leute aufzulauern. Sie hatten irgendeine unglückliche Frau beim Ehebruch ertappt, und nun schleppten sie sie in den Tempel. Schließlich sahen sie sich als Hüter von Gesetz und Moral. Und gleichzeitig bot ihnen das eine wunderbare Gelegenheit, um Jesus so richtig in die Ecke zu drängen. Nun soll er doch mal zeigen, wie er zum Gesetz steht! Sie stellten die Frau vor ihn hin. “ Hier! Die haben wir auf frischer Tat ertappt! Mose hat uns geboten, solche zu steinigen. Und du? Was sagst du dazu?”

Ja, nun saß er in der Falle! Sagte er: “Steinigt sie!”, – was war dann all sein Gerede von Gnade und Barmherzigkeit wert? Waren doch viele gerade deswegen seine Anhänger, weil er ein Freund der Sünder war, der sich mit Zöllnern und Huren und ähnlichem Gesindel abgab. Die wäre er dann los. Sagte er aber: “Lasst sie laufen!”, dann hatte er ihnen den Beweis geliefert, dass er sich nicht ans Gesetz hielt, und sie hätten einen unanfechtbaren Anklagegrund.

Aber was tut er da? Er bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Was soll das? Er soll ihnen gefälligst antworten, damit sie ihn in die Pfanne hauen können! “Hallo! Wir haben dich was gefragt!”

Da richtet er sich auf und schaut sie an mit seinen reinen Augen. “Wer unter euch ohne Sünde ist, der kann den ersten Stein werfen!” Ja, diese Frau hat den Tod verdient. Er sieht das kein bisschen anders als das Gesetz Gottes. Jeder, der noch nie gesündigt hat, darf sie verurteilen. Und er bückt sich wieder und schreibt weiter auf die Erde. Denken sie jetzt an seine Worte: “Wer eine Frau auch nur mit einem Blick voller Begierde ansieht, hat im Herzen schon mit ihr die Ehe gebrochen” ? Das Licht Jesu scheint auf ihre Gewissen – und sie gehen raus, einer nach dem anderen. Sie könnten jetzt bekennen und sagen: “Ich bin der Sünder! Sei mir Sünder gnädig!” – aber sie bringen es nicht über die Lippen. Lieber entfernen sie sich aus dem Strahlkreis seines Lichtes als zuzugeben, dass ER Recht hat und sie im Unrecht sind.

Schließlich richtet er sich auf. Er ist allein mit der zitternden, verwunderten, wartenden Frau zurückgeblieben. Was nun? Jesus ist der einzige, der nie auch nur einen unreinen Gedanken hatte, der einzige, der den Stein werfen könnte. Er hat das Recht, sie zu verurteilen. Wird er es tun?

“Frau, wo sind sie? Hat dich niemand verurteilt?” “Nein, Herr, niemand!” Sie ist zerbrochen. Sie weiß, was sie verdient hat. Es ist kein Triumph für sie, dass ihre Ankläger unter demselben Urteil stehen. Sie denkt nicht: “Diese dreckigen alten Säcke, denen hat er´s aber gegeben! Die sind selbst nicht besser!” Sondern sie weiß, sie braucht jetzt eins: Gnade.

Und sie hört Jesus sagen: “So verurteile ich dich auch nicht.” Er ist der Gerechte, der Heilige, der zum Gericht Berechtigte. Wenn er sie nicht verurteilt, dann nicht, weil er Ehebruch für ein Kavaliersdelikt hält, sondern weil er selbst ihre Strafe auf sich nehmen wird. “Geh, und sündige in Zukunft nicht mehr!”

Die Frau hatte einen “Vorteil” gegenüber den Pharisäern: ihre Sünde war offensichtlich. Sie konnte sich nicht in die eigene Tasche lügen. Sie aber hatten nach außen ein tadelloses Verhalten. Das erweckte in ihnen die Illusion, sie seien gerecht und Gott mit ihnen zufrieden. Während die Frau wusste, dass sie das Gesetz nicht halten konnte, meinten sie mit stolz geschwellter Brust: “Aber na klar doch!” – bis das Licht Jesu all ihre innere Schwärze offenbarte, und das ganz ohne  Geschimpfe und Geschrei.

Ich denke, die Frau ging frei und leicht nach Hause. Gott hatte ihr vergeben. Die Freundlichkeit Jesu hatte ihr Herz verändert, so dass sie seiner klaren Ansage folgen wollte: “Sündige nicht mehr!” Sie konnte die Sünde gar nicht mehr wollen, weil sie jetzt eine größere Liebe gefunden hatte, als die, die sie vergeblich und mit bösen Folgen gesucht hatte.

Was tun wir, wenn Jesu Licht auf uns fällt? Geben wir unsere Sünde zu und lassen uns ein neues Leben schenken? Oder gehen wir weg und bleiben im Dunkeln, damit unser Image gewahrt bleibt?

Und wenn wir seine Gnade erfahren haben – haben wir sie dann auch für andere? Oder hauen wir ihnen wieder das Gesetz um die Ohren? Dann haben wir vermutlich vergessen, wer wir eigentlich sind.

Haus der Barmherzigkeit – Hoffnung für Hoffnungslose

Pool_of_Bethesda_ruins_2272_(516919910)   Ruinen des Teiches von Betesda, Bildquelle:  By James Emery from Douglasville, United States – Pool of Bethesda ruins_2272, CC BY 2.0, Link

38 Jahre – für die Gesunden und Lebenslustigen fliegen sie schnell vorbei. Sie arbeiten, sie heiraten, sie kriegen Nachwuchs und haben alle Hände voll zu tun. Der Tag ist immer zu kurz für alle Pläne.

Bei ihm war das anders. Er war behindert. Sein Alltag war gekennzeichnet von Einschränkung, Armut, Nutzlosigkeit und Langweile. Und von quälenden Fragen: Was hatte  ihm diesen Fluch eingebracht? Ja, er hatte gesündigt, das wusste er. Ging es ihm deshalb so? Würde Gott ihm jemals vergeben?

Manchmal wunderte er sich selbst, dass die Hoffnung nicht sterben wollte. Immer wieder schleppte er sich in die Säulenhallen an diesem Teich, wo er auch heute lag. Allein der Name dieses Ortes klang wie Musik in seinen Ohren: Betesda, “Haus der Barmherzigkeit”. Barmherzigkeit, das war das, was er brauchte, für seinen Leib und für seine Seele. Er war nicht der einzige: Hier war es voll mit Kranken, Blinden, Gelähmten und anderen Behinderten. Viele kamen mit ihren Verwandten. Denn hier erhofften sie Heilung. Ab und zu bewegte sich das Wasser, und wer dann als erster hineinstieg, wurde gesund. Eine wunderbare Sache für den, der dieser Erste war – und eine schreckliche Enttäuschung für alle anderen. Und für ihn eben das: Enttäuschung auf Enttäuschung auf Enttäuschung. War es früher Zorn auf sich selbst, weil er durch seine Lähmung nicht schnell genug sein konnte, und Neid auf all die, die Verwandte oder Freunde hatten, die ihnen halfen, so war es jetzt nur noch ein tiefes Gefühl der Verlassenheit. Trotzdem kam er immer wieder hierher. Wer weiß, vielleicht gab es ja doch noch irgendwie, irgendwann Barmherzigkeit und Vergebung für ihn? Er hatte auch gar keine andere Wahl, als weiter zu hoffen. Auf jeden Fall hatte er nichts zu verlieren.

Plötzlich bleibt ein Mann bei ihm stehen. Der Mann sieht ihn an, und sieht mitten in sein Herz und sein Leben. Er sieht die ganzen langen 38 Jahre Elend und Traurigkeit, und obwohl der Kranke es noch nicht weiß und versteht, ist hier auf einmal wirklich ein “Haus der Barmherzigkeit”. Der Unbekannte stellt eine ganz einfache Frage: “Willst du gesund werden?”

Ja, wenn das so einfach wäre! “Mein Herr, ich habe keinen Menschen! Ich bräuchte jemand, der mich in den Teich wirft! Die anderen sind immer schneller als ich!” Wie gut es tut, dass einer ihn freundlich ansieht, dass einer ihn mal fragt, dass er seine Not und Hilflosigkeit jemandem sagen kann! Aber die eigentliche Frage hat er gar nicht beantwortet, denn das Gesundwerden, das will er schon, aber er wüsste nicht, wie?!

Es geht diesem Kranken wie mir oft: Ich kann mein Problem gut beschreiben, nur die Lösung kenne ich nicht!

Nun sagt der Mann mit großer Autorität: Steh auf, nimm deine Matte und laufe herum! In diesem Moment versteht der Kranke: Da spricht die Barmherzigkeit Gottes! und steht auf und wickelt seine Matte auf und läuft herum. Er läuft hin, und er läuft her … und das Wunder und die Verwunderung über das Gefühl von Füßen, die stabil auf der Erde stehen, und über Beine, die tragen, ja, mit denen man sogar springen und hüpfen und rennen kann!! … all das breitet sich wellenartig in seinem Körper und seinem Kopf und seinem Herzen aus. Als er sich davon so langsam erholt, guckt er sich nach seinem Wohltäter um, aber der ist nicht mehr da.

Dafür sieht er andere Leute, und die Sorte kennt er. Es sind die Superheiligen, für die er immer außerhalb der Reichweite der Gnade Gottes gelegen hat. Ärger liegt in der Luft, denn sie sind immer auf Fehlersuche, und schon haben sie ihn gesehen: “Warum läufst du mit dieser Matte herum? Heute ist Sabbat!”

Ja, tatsächlich, heute ist Sabbat, aber ein ganz besonderer Sabbat! Heute ist ihm die Barmherzigkeit Gottes begegnet, und so zieht er das Genick nicht ein und senkt die Augen wie sonst, sondern antwortet: “Der Mann, der mich geheilt hat, sagte zu mir: Nimm deine Matte und geh!“ Es steht für ihn außer Frage, dass der, der ihn geheilt hat, eine höhere Autorität ist als diese Sabbatwächter, auch wenn er weder weiß, wer er ist, noch wie er heißt. Und ihre Reaktion ist sehr aufschlussreich. Sie interessieren sich nicht im Geringsten dafür, dass er gesund geworden ist, sie sehen keinen Anlass, ihm zu seinem Glück zu gratulieren, sondern sie bellen: “Wer war dieser Mann, der das gesagt hat?” Aber er kann ihnen dazu leider keine Auskunft geben.

Später trifft er ihn wieder. Der Geheilte ist in den Tempel gegangen, um Gott zu danken. Dort findet ihn Jesus. Jesus weiß, dass die Hilfe noch eine tiefere Dimension haben muss. Der Körper ist geheilt, aber die Seele braucht auch Heilung. Sie müssen über Sünde, Vergebung und Umkehr sprechen. “Du bist jetzt gesund geworden. Sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres passiert!“

Nun weiß er es: Das war Jesus. Das muss er diesen Neunmalklugen sagen. Der Messias, der Retter der Welt, hat ihn gesund gemacht, sich  von allen Leuten am Teich Betesda ausgerechnet um ihn gekümmert und ihn dann nochmal im Tempel gesucht, um ihm zu helfen, dass er von jetzt an ein neues Leben lebt.

Diese Geschichte steht im Johannesevangelium im 5. Kapitel.

Vielleicht drückt dich auch schon lange eine Schuld, ist dein Leben voller Not und Elend, und du hast keine Kraft, etwas daran zu ändern. Zu allem Überfluss musst du sagen: Ich habe keinen Menschen! Dann ist Jesus auf der Suche nach dir und fragt dich: Willst du gesund werden? Er ist nicht nur voller Mitgefühl, sondern er hat auch die Kraft, deine Sünden zu vergeben und dein Leben neu zu machen. Schütte dein Herz vor ihm aus, schenk ihm dein Vertrauen, nimm seine Barmherzigkeit an und kehre um von deinen eigenen Wegen, und du wirst gerettet und neu gemacht!

Von Wundern und Glauben

Ein ganzes Dorf im von den Juden verpönten Samaria hatte sich überzeugen lassen: “Dieser Jesus ist  wahrhaftig der Retter der Welt.” Und dabei hatte Jesus dort kein einziges Wunder getan, außer einer Frau ihr verpfuschtes Leben auf den Kopf zuzusagen und ihr das Wasser des Lebens zu geben. Ihre Erfahrung mit dem Messias war wie ein Stein gewesen, der ins Wasser fällt und Kreise zieht.

Dann reiste Jesus weiter nach Galiläa. Dort hatte er schon mal eine negative Erfahrung gemacht. In Nazareth, seiner eigenen Heimatstadt, hatten sie ihn steinigen wollen, weil ihnen nicht gepasst hatte, was er gesagt hatte. Jetzt aber schienen sie begeistert, dass er kam, denn viele hatten ihn am Passafest in Jerusalem erlebt und zeigten sich doch ziemlich beeindruckt von seinen Wundern und Fähigkeiten. Vielleicht konnten sie auch Nutznießer davon werden? Vielleicht konnten sie hier bei sich zuhause auch so etwas erleben? Das Übernatürliche hat immer eine gewaltige Faszination, aber Jesus will uns nicht faszinieren, sondern er will unser völliges Vertrauen in sein Wort, das zu Gehorsam und Lebensveränderung führt.  Religiöse Erlebnisse, ja, aber Buße und Umkehr und ein Bekenntnis zum Sohn Gottes? So weit wollten die Galiläer nicht gehen.

life-saving-swimming-tube-737370_1280In Kana gab es einen Mann mit einem großen, herzzerreißenden Problem. Er war ein “Königlicher”, ein Regierungsbeamter, und vermutlich auch irgendwie mit dem königlichen Haus blutsverwandt. Aber für seine gegenwärtige Not nützte ihm das alles nichts. Sein Sohn war todkrank, und niemand konnte ihm helfen. Da hörte er, dass Jesus gekommen sei – und wusste: Das ist die Rettung! Und so suchte er ihn auf und bat ihn zu kommen.

Die Antwort Jesu durchsuchte die Motive seines Herzens:

Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehr, so werdet ihr nicht glauben.

War das so bei ihm? Brauchte er ein Zeichen, um Jesus zu glauben, oder kam er, weil er wusste, dass durch Jesus die Barmherzigkeit und Hilfe Gottes vom Himmel gekommen war? Nein, ihn trieb nicht Sensationslust! Er wusste, dass Jesus helfen konnte, und dass er seine einzige Hoffnung war. Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!  Wie konnte er beweisen, dass er ohne zu sehen und zu fühlen an ihn glaubte?

Da gab Jesus selbst ihm eine Möglichkeit dazu: Geh heim, sagte er. Dein Sohn lebt!

Er wusste: Wenn Jesus das sagte, dann war sein Sohn gerettet. Er musste ihn nicht am Arm zu sich nach Hause schleppen. Er hatte die Vollmacht, auch unspektakulär und von ferne zu heilen. Mit dieser Gewissheit machte er sich auf den Heimweg.

Unterwegs kamen ihm seine Knechte entgegen mit der guten Nachricht: Dein Sohn lebt! Es geht ihm wieder gut.  – Wann ist das passiert? fragte er. Gestern Mittag  um eins sank das Fieber, erzählten sie. Da erfüllte ihn eine große Freude. Sein Vertrauen war nicht enttäuscht worden! Das war genau die Zeit, als Jesus ihm sein Versprechen gegeben, und er sich darauf verlassen hatte!

Aus seinem Glauben wurde ein festerer, tieferer, bestätigter Glaube. Sein ganzer Haushalt wurde davon angesteckt. Er hatte bei Jesus Rettung gesucht, er hatte ein Wort der Zusage bekommen, und nun hatten er und viele andere erlebt, dass sein Wort zuverlässig ist. Jesus war der Messias!

Die Geschichte steht in Johannes 4.

Der Durst nach Leben kann gestillt werden

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Es ist 12 Uhr mittags. Jetzt bleibt man am besten im Haus, im Schatten. Und doch kommt hier in Sychar eine einsame Frau zum Wasserholen an den Brunnen. Sie hat die ungünstige Zeit mit Bedacht gewählt, denn ihr ist nicht danach, die anderen Frauen des Ortes zu treffen. Sie sind nicht gut auf sie zu sprechen. Lieber geht sie allein zur Quelle, als diese abfälligen Blicke und das Getuschel auszuhalten.

Aber da sitzt schon jemand am Brunnen, ein Mann, der sehr müde wirkt. Wahrscheinlich ist er schon länger unterwegs und macht hier eine Pause. Es ist ganz offensichtlich ein jüdischer Rabbi – das sieht man an seiner Kleidung. Was macht der hier auf samaritischem Gebiet? Die Juden machen normalerweise lieber einen Riesenumweg, als sich durch den Kontakt zu Samaritern zu besudeln!

Der Mann spricht sie an. “Gib mir doch etwas zu trinken!” – Das ist so ungewöhnlich, dass sie herausplatzt: “Du bist ein Jude und bittest mich, eine samaritische Frau, dir etwas zu trinken zu geben?” Noch nie hat ein Jude – und gar ein Rabbi! – ein freundliches Wort zu ihr gesagt. „Wenn du wüsstest, welche Gabe Gott für dich bereit hält, und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken! –  dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben,“ sagt der Mann. Er ist ein Rätsel und er redet in Rätseln. Von was für einem Wasser spricht er? Mit was will er es schöpfen? Er hat doch nichts, sonst hätte er sie ja nicht um einen Schluck Wasser gebeten. Wer ist er? “Woher willst du denn das Quellwasser haben? Bist du etwa größer als unser Stammvater Jakob, der uns diesen Brunnen hinterließ? Kannst du uns besseres Wasser geben, als das, was er mit seinen Söhnen und seinen Herden trank?” Ja, jetzt hat sie es gewagt und die Frage gestellt: Wer bist du überhaupt? Er antwortet ihr: „Jeder, der von diesem Wasser hier trinkt, wird wieder durstig werden. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst bekommen. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm eine Quelle werden, aus der Wasser für das ewige Leben heraussprudelt.“

Ein ein-für-allemal- Wasser? Nie mehr Durst? Ewiges Leben? Das wäre nett. Dann bräuchte sie sich nicht mehr jeden Mittag allein hierher zu quälen. “Herr, gib mir dieses Wasser!” “Geh, ruf deinen Mann!” O nein! Warum muss er jetzt nach ihrem Mann fragen? “Ich habe keinen Mann,” antwortet sie. “Das stimmt,” sagt er. “Du hast keinen Mann. Fünfmal warst du verheiratet, und jetzt lebst du mit einem Mann zusammen, der nicht dein Mann ist.”

Er kennt ihre Schande! Er hat es die ganze Zeit gewusst, und doch mit ihr gesprochen! Er hat sie sogar um Wasser gebeten, sich nicht abgewandt oder vor ihr ausgespuckt! Er muss dieses Wissen von Gott haben. “Ich sehe, dass du ein Prophet bist!” Wenn er ein Prophet ist und weiß, wer sie ist und doch mit ihr spricht – heißt das am Ende, Leute wie sie können mit Gott noch etwas zu tun haben? Kann er ihr vielleicht die Frage beantworten, über die sie schon oft nachgedacht hat: Was ist die richtige Art der Gottesverehrung? Denn es gibt offensichtlich verschiedene Religionen. Die Samariter beten seit Generationen auf dem Berg Garizim an, und die Juden sagen: Nur in Jerusalem darf man Gott anbeten. Und eigentlich können ja nicht beide Recht haben. Was ist nun die Wahrheit?

Und Jesus – denn er ist es, der mit ihr redet – antwortet ihr: “Frau, glaube mir, es kommt eine Zeit, da werdet ihr den Vater weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten.” Vater? Ist Gott sein Vater? Er fährt fort: “Ihr Samariter betet einen Gott an, den ihr nicht kennt. Wir beten an, was wir kennen. Die Rettung kommt von den Juden. Es kommt aber eine Zeit – und sie ist jetzt – wo die wahren Anbeter Gott in Geist und Wahrheit anbeten werden. Der Vater sucht solche Leute als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn in Geist und Wahrheit anbeten.”

Dass die Rettung von den Juden kommen soll – das ist ihr bekannt. Ein Messias soll kommen, der Herzen verändern kann und die Beziehung zu Gott wieder herstellen. “Der bin ich,” sagt Jesus, “Ich, der hier mit dir redet.”

Der Messias ist da und redet mit ihr, die alle Menschen meiden?  Er hat ihr mitten ins Herz gesehen und  Lebenswasser angeboten für diesen unstillbaren Durst, der sie von einer löchrigen Zisterne zur anderen geführt hat. Am Ende war sie immer enttäuscht und leer und musste feststellen: Auch das ist nicht das, wonach ich mich gesehnt habe! Aber heute hat sie es gefunden! Ab jetzt wird sie zu diesen Anbetern gehören, die der Vater sucht.

Und das muss sie weitererzählen! Sie vergisst ihre Scham und Schande und Menschenfurcht und rennt in die Stadt: “Kommt mit und lernt einen Mann kennen, der mir alles ins Gesicht gesagt hat, was ich jemals getan habe! Könnte das vielleicht der Christus sein?” Und die Leute kommen, um Jesus zu sehen.

Jesus legt auch in meine und deine Wunde den Finger. Unsere dunklen Seiten müssen ans Licht, unsere Schuld muss vor ihm bekannt werden, damit er uns sein Lebenswasser geben kann, das er völlig frei an Unwürdige verschenkt. Sein Wasser stillt unseren Durst für immer. Er bringt uns in Gemeinschaft mit dem Vater. Einsamen und Verstoßenen und Verletzten und Missbrauchten gibt er eine Familie. Unsere Schande nimmt er weg, Sünder werden Anbeter in Geist und Wahrheit!

Die Geschichte steht in der Bibel in Johannes 4.

“Ich bitte dich, von wem spricht der Prophet hier?” Das Leiden Jesu im Alten Testamnent ((8)

Jesaja53Auf einer einsamen Straße zwischen Jerusalem und Gaza fährt eine Kutsche. Im Wagen sitzt ein dunkelhäutiger Mann, ganz vertieft in eine Buchrolle, aus der er murmelnd liest.  Auf seiner Suche nach Wahrheit ist er auf den Gott Israels gestoßen, und er hat Jerusalem besucht, um ihn anzubeten und mehr zu erfahren. Von dort hat er sich das Buch des Propheten Jesaja mitgebracht.

Er ist der Schatzmeister der Königin von Äthiopien, aber sein Herz ist auf der Suche nach mehr als Karriere und Reichtum. Er hat schon gelernt, dass der Gott Israels Gerechtigkeit und Sünde sehr ernst nimmt. Ständig werden Opfer im Tempel dargebracht, um Sühne zu leisten. Aber wie kann er, ein Heide, fern von israelitischem Boden, mit Gott versöhnt werden und Frieden haben?

Was er nun hier liest, ist interessant. Wenn er nur wüsste, um wen es geht! Da ist von einer Person die Rede, die ihr Leben als Schuldopfer gibt, und von anderen, die dadurch Frieden und Heilung bekommen. Aber wer ist diese Person? Spricht der Prophet hier von sich selber? Dann wäre es eine alte Geschichte … Wie er sich nach diesem Frieden sehnt! Er muss wissen, von wem hier gesprochen wird. Aber er kommt nicht weiter.

Ein Mann ist schon ein paar Meter neben seinem Wagen hergelaufen und hat seinem Lesen zugehört. Jetzt spricht er ihn an: “Verstehst du denn, was du liest?”  “Wie sollte ich, wenn es mir keiner erklärt!” Vielleicht hat dieser Mann Ahnung? Vielleicht hat Gott die Fragen seiner Seele gesehen und ihn geschickt? “Steig doch auf und setz dich zu mir!”  Und ohne weitere Höflichkeiten tauchen sie in den Text ein:

Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war.

“Ich bitte dich, von wem spricht der Prophet hier?”

Die nun folgende Unterhaltung ist rekonstruiert. In der biblischen Geschichte steht nur, dass Philippus – so hieß der 2. Mann – ihm ausgehend von dieser Stelle das Evangelium erklärte. Das mag in etwa so ausgesehen haben:

Ich kenne den, von dem er spricht! Sein Tod hat vor noch nicht allzu langer Zeit Jerusalem erschüttert. Es ist Jesus, der Sohn Gottes. Er ist als Mensch auf diese Erde gekommen, um uns zu retten vor dem Zorn Gottes. Er ist der vor langer Zeit verheißene Messias Israels. Er hat all die Wunder und Zeichen des Messias getan: Er hat Lahme und Blinde geheilt, Dämonen ausgetrieben, Brot vermehrt, Stürme gestillt, und die gute Botschaft vom Reich Gottes verkündigt. Er hat Sünder angenommen und ihnen vergeben. Aber unsere Obersten hassten ihn, weil er ihnen die Wahrheit sagte über ihre Heuchelei, und weil sie eifersüchtig waren. Sie haben ihn unter falscher Anklage den Römern überliefert und seine Kreuzigung gefordert. Und er hat sich ohne Widerstand verhaften, foltern und töten lassen. Was damals niemand verstand, obwohl er es oft gesagt hatte, war, dass er sein Leben als Schuldopfer geben wollte. Er ist der, von dem hier die Rede ist: Das Lamm Gottes, das alle anderen Opfer für immer überflüssig macht. An diesem Kreuz hat Gott unser aller Schuld auf ihn gelegt, so wie es hier steht:

Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen.Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.”

“ Hm. Aber wenn er tot ist, wie kann er dann Nachkommen haben und in die Länge leben und das Licht schauen und all die Dinge, die hier sonst noch stehen? Und wie kann man wissen, dass Gott dieses Opfer angenommen hat?”

“ Ja, das Beste kommt noch! Nachdem er drei Tage im Grab lag – übrigens im Grab eines Reichen, so wie es hier steht! – ist er auferstanden. Er ist danach vielen Menschen erschienen, seinen Jüngern und mehr als 500 glaubwürdigen Zeugen, und er war noch über 40 Tage bei seinen Jüngern und hat sie unterwiesen. Dann ist er vor ihren Augen in den Himmel aufgefahren. Dort sitzt er jetzt zur Rechten Gottes. Von dort hat er auch allen, die an ihn glauben, den Heiligen Geist geschickt, der eine unerschütterliche Gewissheit in ihr Herz senkt, dass sie Gottes Kinder sind.”

Im Herzen des Schatzmeisters breitet sich eine große Hoffnung aus. Wenn Jesus auch für ihn das Opferlamm geworden ist und er diesen Heiligen Geist bekommen und mit nach Hause nach Äthiopien nehmen kann, dann will er das haben! Sofort! Dort hinten ist eine Wasserstelle, und er will getauft werden und seine Annahme dieses Opfers bekennen! “Gibt es ein Hindernis, dass ich getauft werde?”  “Glaubst du von ganzem Herzen?” “Ja!” Sie halten an, und Philippus tauft ihn ohne Zögern. Dann nimmt der Geist Gottes den Philippus weg. Er wird auch nicht mehr gebraucht, denn der Schatzmeister ist mit einer tiefen Freude  und Gewissheit erfüllt. Das Problem seiner Schuld ist gelöst, und er hat einen auferstanden Herrn im Himmel und den Heiligen Geist, der ihn leiten wird.

Die Geschichte steht in der Bibel in Apostelgeschichte 8; der Text aus Jesaja, der den Kämmerer beschäftigte, steht in Jesaja 53.

Bildquelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Isaiah_53#/media/File:Great_Isaiah_Scroll_Ch53.jpg  Isaiah 53 in the Great Isaiah Scroll, found at Qumran and dated to the 2nd century BCE, public domain

Das Leiden Jesu im Alten Testament (2)

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Das Alte Testament hat verschiedene Weisen, von dem kommenden Erlöser zu sprechen: in direkten Verheißungen, durch Schattenbilder (d.h. geistliche Realitäten haben symbolische vorläufige Entsprechungen im natürlichen Bereich wie die Opfer und der ganze Dienst im Tempel), und durch Typologie (d.h. das Leben von bestimmten Personen bildet in einigen Punkten Charakterzüge und Ereignisse ab, die wir auch bei Jesus sehen).

Bild: Von Michelangelo Merisi da Caravaggio – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=148766

Altwerden und die Hoffnung festhalten – was ich von Simeon und Hanna lernen möchte

Aert de Gelder [Public domain], via Wikimedia Commons

Heute mal keine Predigt-Nachlese, sondern einige persönliche Gedanken zum Thema …

Simeon und Hanna sind meine Vorbilder, wenn ums Altwerden geht. Über beide hab ich schon öfters geschrieben –  hier z.B. und hier ausführlicher über Hanna. Die beiden sind lebende Illustrationen für den Vers, den ich gerade auswendig gelernt habe:

Lasst uns nun das Bekenntnis der Hoffnung unwandelbar festhalten, denn treu ist ER, der die Verheißung gegeben hat. (Hebräer 10,23)

Die Beiden hatten nicht nur eine Hoffnung – sie lebten darin. Man konnte das daran erkennen, wo sie sich aufhielten, wofür sie sich einsetzten, wovon sie sprachen. Wenn in einem Menschen die Hoffnung auf Christus lebt, dann kann das nicht unbemerkt bleiben! Ich stelle mir Simeon so ein bisschen vor wie meinen 88jährigen Vater. So oft wir telefonieren oder uns begegnen, landen wir bei einem Thema, der Wiederkunft des Herrn. Das ist der Fixpunkt, der sein Leben bestimmt, und deswegen kommt das aus allen Poren.  Da führt kein Weg dran vorbei (und nicht etwa, weil ihm sonst nichts einfällt – er liest noch viel, sogar englische Romane, um seine Sprachkenntnisse aufzubessern!). So ähnlich wird der alte Simeon immer zu einem Thema zurückgekehrt sein: Der Trost Israels kommt, und ich werde ihn sehen. Vielleicht hat seine Umgebung schon die Augen verdreht, aber er hielt unentwegt daran fest, weil er wusste, wer ihm das versprochen hatte!

Und dann ist da diese Hanna. Ich möchte gern so werden wie sie! Ich möchte  im Alter nicht darum kämpfen, aus diesem Leben noch so viel wie möglich rauszuholen. Für wie viele Menschen ist Krankheit und Tod deswegen so bedrohlich, weil sie sich nur am Leben fühlen, wenn sie Skiurlaub an Kreuzfahrt reihen können, wenn sie Geld genug haben für jeden Komfort. Man macht sich eine Bucket List von Dingen, die man unbedingt noch erleben und sehen muss, ehe man die Augen zumacht. Auf Hannas Bucket List standen drei Dinge: Auf den Erlöser warten, Hingabe an Gott mit Beten und Fasten, von Ihm reden. Mehr wollte sie nicht, und wer glaubt, ihr Leben sei leerer gewesen als das einer Weltreisenden, weil sie sich immer nur im Tempel in Jerusalem aufhielt, der hat vom Glück der Gegenwart Gottes noch nichts verstanden. Hanna hatte ein volles, gesegnetes Leben – in Hoffnung, in Selbstverleugnung und in voller Annahme der Beschränkungen, die das Leben ihr auferlegt hatte. Am Ende durfte sie den sehen, an den sie geglaubt hatte.

So möchte ich alt werden. Egal, was kommt, loben und danken und beten geht immer! Der Zutritt zum Heiligtum ist sogar für mich in noch vollkommenerer Weise offen wie für Hanna – ich brauche keinen irdischen Tempel mehr. Und wie Hanna werde ich die Hoffnung festhalten und alles auf eine Karte setzen. Am Ende werde ich IHN sehen.

Übrigens, die Geschichte von Simeon und Hanna ist in der Bibel hier zu finden.