Archiv der Kategorie: Die Lehren meines Vaters

Nachruf auf meinen Vater

sunset-100367_1920Vor gut drei Wochen ist mein Vater mit 92 Jahren heimgegangen zu seinem Herrn. Sein letztes halbes Jahr war gekennzeichnet von Demenz, einem zunehmendem Verlust von Orientierung und Kompetenzen, von  Stürzen, Schmerzen, Unruhe, von der Schwierigkeit, sich sinnvoll zu beschäftigen, weil Körper und Kopf nicht mehr mitmachten. Es war nicht leicht für ihn. Wir dachten oft: Wie lange wird das noch so gehen? Aber im Rückblick: Was ist ein halbes Jahr in Relation zu 92 Lebensjahren? Jetzt ist dieses letzte halbe Jahr noch so sehr präsent, wenn wir an Papa denken, aber was wird in 10 Jahren – wenn wir dann selbst noch hier sind – im Fokus unserer Erinnerungen stehen?

Erinnerungen sind eine merkwürdige Sache. Ich lese gerade in der Bibel die Geschichte Abrahams und bin heute bei seinem Tod angelangt. Abraham war nicht perfekt – mein Vater auch nicht (wie keiner von uns). Es gab Dinge, wo ich mir bis zum Schluss eine Änderung des Denkens gewünscht hätte. Die Bibel macht aus Abrahams Fehlern und Schwächen keinen Hehl, aber sie zieht ein Fazit, das über alles entscheidet, das den Grundtenor seines Lebens beschreibt:

Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. (Römer 4,3)

Das kann ich für meinen Vater auch ganz sicher sagen. Er glaubte Gott und verließ sich nicht auf seine eigene Gerechtigkeit. Als junger Mann in belgischer Kriegsgefangenschaft, als ihn seine Schuld quälte und er Vergebung suchte, hat er sein Vertrauen auf Jesus gesetzt, der ihn nie mehr losgelassen hat. Er strebte danach, diesen Glauben durch Gehorsam und Treue zu Gott zu zeigen. Ich bin Gott sehr dankbar für sein Leben und Vermächtnis. In der Auslegung der Bibel hatten wir in Nebenpunkten ein paar divergierende Auffassungen, aber er war immer mein Vorbild, was einen echten, authentischen und konsequenten Glauben betrifft.

Vermisse ich ihn? Unser irdisches Leben ist der Vergänglichkeit unterworfen. Das Sterben ist – das wurde mir in letzter Zeit deutlich – nicht nur ein Punkt, sondern ein Prozess, vor allem wenn man so alt wird. Es ist, wie wenn bei einer Lichterkette ein Licht nach dem anderen ausgeht. Papa hat seinen Auftrag auf Erden erfüllt. Er war “der Tage satt”. Er war bis zum Schluss selbst in seiner Demenz der Fürsorgliche, der morgens den Tisch decken wollte, aber manchmal wusste er nicht mehr, wer meine Mutter war. Die Zeit des Gebens und Sorgens, des Vermittelns und Beschützens ist jetzt ausgelaufen. Er hat für uns getan, was er konnte.

Ich weiß, dass er jetzt am Ziel seiner Sehnsucht ist: Er betet seinen Erlöser an. Das hat er schon immer  und bis fast ganz zum Schluss gerne getan. Jeden Tag hat er, zuletzt mit Unterstützung einer CD, Glaubenslieder gesungen. Ich denke, damit ist er jetzt voll beschäftigt, und das ist etwas, was wir immer noch gemeinsam tun: Er in der unmittelbaren Gegenwart Gottes und ich im Straßenstaub dieser Erde. Er ist jetzt Teil der “vollendeten Gerechten” (Hebräer 12.23).

Wir wünschen ihn nicht zurück. Ich bin dankbar für die Zeit, wo er mein Vater war und für viele prägende Erinnerungen. Jetzt ist er bei Christus, und das ist “weit besser” (Philipper  1,23).

Auch ich geh weiter, nur ein wenig weiter, geh in Gottes Freude, geh in Gottes Licht hinein. Ich war für ein paar Jahre dein Begleiter, doch nun geh ich weiter, um bei meinem Herrn zu sein.

(Manfred Siebald)

Altwerden und die Hoffnung festhalten – was ich von Simeon und Hanna lernen möchte

Aert de Gelder [Public domain], via Wikimedia Commons

Heute mal keine Predigt-Nachlese, sondern einige persönliche Gedanken zum Thema …

Simeon und Hanna sind meine Vorbilder, wenn ums Altwerden geht. Über beide hab ich schon öfters geschrieben –  hier z.B. und hier ausführlicher über Hanna. Die beiden sind lebende Illustrationen für den Vers, den ich gerade auswendig gelernt habe:

Lasst uns nun das Bekenntnis der Hoffnung unwandelbar festhalten, denn treu ist ER, der die Verheißung gegeben hat. (Hebräer 10,23)

Die Beiden hatten nicht nur eine Hoffnung – sie lebten darin. Man konnte das daran erkennen, wo sie sich aufhielten, wofür sie sich einsetzten, wovon sie sprachen. Wenn in einem Menschen die Hoffnung auf Christus lebt, dann kann das nicht unbemerkt bleiben! Ich stelle mir Simeon so ein bisschen vor wie meinen 88jährigen Vater. So oft wir telefonieren oder uns begegnen, landen wir bei einem Thema, der Wiederkunft des Herrn. Das ist der Fixpunkt, der sein Leben bestimmt, und deswegen kommt das aus allen Poren.  Da führt kein Weg dran vorbei (und nicht etwa, weil ihm sonst nichts einfällt – er liest noch viel, sogar englische Romane, um seine Sprachkenntnisse aufzubessern!). So ähnlich wird der alte Simeon immer zu einem Thema zurückgekehrt sein: Der Trost Israels kommt, und ich werde ihn sehen. Vielleicht hat seine Umgebung schon die Augen verdreht, aber er hielt unentwegt daran fest, weil er wusste, wer ihm das versprochen hatte!

Und dann ist da diese Hanna. Ich möchte gern so werden wie sie! Ich möchte  im Alter nicht darum kämpfen, aus diesem Leben noch so viel wie möglich rauszuholen. Für wie viele Menschen ist Krankheit und Tod deswegen so bedrohlich, weil sie sich nur am Leben fühlen, wenn sie Skiurlaub an Kreuzfahrt reihen können, wenn sie Geld genug haben für jeden Komfort. Man macht sich eine Bucket List von Dingen, die man unbedingt noch erleben und sehen muss, ehe man die Augen zumacht. Auf Hannas Bucket List standen drei Dinge: Auf den Erlöser warten, Hingabe an Gott mit Beten und Fasten, von Ihm reden. Mehr wollte sie nicht, und wer glaubt, ihr Leben sei leerer gewesen als das einer Weltreisenden, weil sie sich immer nur im Tempel in Jerusalem aufhielt, der hat vom Glück der Gegenwart Gottes noch nichts verstanden. Hanna hatte ein volles, gesegnetes Leben – in Hoffnung, in Selbstverleugnung und in voller Annahme der Beschränkungen, die das Leben ihr auferlegt hatte. Am Ende durfte sie den sehen, an den sie geglaubt hatte.

So möchte ich alt werden. Egal, was kommt, loben und danken und beten geht immer! Der Zutritt zum Heiligtum ist sogar für mich in noch vollkommenerer Weise offen wie für Hanna – ich brauche keinen irdischen Tempel mehr. Und wie Hanna werde ich die Hoffnung festhalten und alles auf eine Karte setzen. Am Ende werde ich IHN sehen.

Übrigens, die Geschichte von Simeon und Hanna ist in der Bibel hier zu finden.

Alt werden und glücklich sein

Mein Papa wird heute 88 Jahre alt. Am Donnerstag konnte ich ihn besuchen, und wir hatten einen langen Gedankenaustausch über das Kreuz Jesu: Was da geschehen ist, was es für Gott bedeutet hat, wie Jesus den Willen Gottes so vollkommen erfüllt hat. Als ich nach Hause fuhr, dachte ich: Wie viele alte Väter wird es wohl geben, deren Freude es ist, sich mit ihrer Tochter über dieses Thema zu unterhalten? Die die Heilige Schrift ein- und ausatmen? Die dankbar sind? Ich bekomme es manchmal bei Kollegen mit, wie unerträglich um sich selbst kreisend und dickschädelig alte Eltern sein können.

Es ist nicht so, dass ich meinen Vater idealisieren will. Aber so zu sein im Alter, genügsam, zufrieden und mit den Dingen Gottes in Herz und Sinn – das scheint mir ein erstrebenswertes Ziel.

Es gibt so viele verschiedene Arten, wie man alt werden kann. Man kann wie Salomo von einem weisen jungen Mann zu einem halbherzigen alten Synkretisten werden, oder wie Eli am Schluss feststellen, dass man schreckliche und unwiderrufliche Fehler gemacht hat. Man kann wie Mose bis zum letzten Tag im Dienst stehen und einen Nachfolger heranziehen oder wie Paulus, alt und im Gefängnis, immer noch vor Liebe zum Herrn und zu den Geschwistern brennen und sich für andere einsetzen. Wie Isaak kann man in “Torschlusspanik” versuchen, in seinem Testament den eigenen Willen durchzusetzen, oder sich wie Jakob dabei von Gott leiten lassen.

Wie wir alt werden, entscheidet sich in den meisten Fällen nicht von heute auf morgen. Salomos Abtrünnigkeit hat sich schleichend entwickelt, weil er Gottes Wort nicht beachtete. Der Eifer eines Paulus, die Treue eines Mose sind im Alter wie reife Früchte, die lange vorher geknospt und angesetzt haben. Jakob hat sich von Gott durch alle Nöte seines Lebens zum “Israel” formen lassen.  Aber auch das gibt es, dass ein alter Manasse sich noch bekehrt, selbst wenn der Schaden, den er angerichtet hat, nicht mehr zu kitten ist.

Der große Vorteil des Alters ist, dass die Dinge der Welt, wie Barsillai feststellte, “geschmacklos” werden. Wenn die Erde verblasst, wird der Himmel deutlicher und farbiger. Gebe Gott, dass wir keine selbstsüchtigen, egozentrierten alten Narren werden, die versuchen, aus dem letzten bisschen Erdenleben so viel Vergnügen wie möglich rauszuholen, sondern ihm in “Gottseligkeit mit Genügsamkeit” dienen bis zum Schluss!

Heile Welt? Noch nicht!

In Bezug auf “Die Lehren meines Vaters” hat sich jemand beschwert, ich zeichne eine heile Welt.

Ich habe darüber nachgedacht, aber ich glaube nicht, dass ich das tue. Wenn ich mich über die Gnade Gottes im Leben eines Menschen freue, dann bedeutet das nicht, dass ich sage: “Alles war immer nur gut.” Das war es auch tatsächlich nicht, so wie auch in meinem Leben vieles nicht gut ist.

Aber ich preise ja Gott auch über der Schönheit einer Blume, obwohl das Unkraut daneben wuchert. Ich bewundere die Pracht eines Sonnenuntergangs trotz Erdbeben und Sturmfluten. Ich danke für das tägliche Brot trotz Hungersnöten auf dieser Welt. Ich erkenne die wunderbare Erwählung Israels als das irdische Volk Gottes trotz Holocaust. Die Zeichen der Gnade abzulehnen aus Stolz, weil in unsrer Welt nach dem Sündenfall nicht alles so ist, wie ich das gerne hätte, wäre dumm.

Es wird eine wirklich heile Welt geben, wenn Jesus wiederkommt.

“Die gesamte Schöpfung wartet ja sehnsüchtig auf den Tag, an dem die Kinder Gottes in ihrer ganzen Herrlichkeit erkennbar werden. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden………Allerdings hat sie eine Hoffnung:  Auch die Schöpfung wird von der Versklavung in die Vergänglichkeit zur Herrlichkeit der Kinder Gottes befreit werden. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis heute unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen. Aber nicht nur das, auch wir selbst, denen Gott doch schon seinen Geist gegeben hat – als Vorschuss auf das künftige Erbe -, auch wir seufzen innerlich und warten sehnsüchtig auf das Offenbarwerden unserer Kindschaft: die Erlösung unseres Körpers.  Denn mit dieser Hoffnung sind wir gerettet worden. Aber eine Hoffnung, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Denn warum sollte man auf etwas hoffen, was man schon verwirklicht sieht? Wenn wir aber auf etwas hoffen, was wir noch nicht sehen können, warten wir geduldig, bis es sich erfüllt.” (Römer 8,19ff)

Noch ist nichts vollkommen. Noch leben wir vom Vorschuss auf das Erbe. Je nach Blickwinkel kommt einem das viel oder wenig vor. Wir Kinder Gottes sind noch angefochten, sind beschränkt in unserer Erkenntnis, haben verschiedene theologische Standpunkte, sündigen noch, werden krank, leiden unter psychischen Defekten und ihren Folgen. Und mitten in all diesen Umständen wirkt Gott. Er gibt Menschen erneuerte Herzen, löst Probleme, heilt, schenkt Glauben, lässt die Hoffnung in uns wachsen, baut seine Gemeinde. Beides besteht zur Zeit nebeneinander. Und die Bibel, die das realistischste Buch der Welt ist, rühmt fehlbare Glaubenshelden, ohne ihre Schwachheiten zu beschönigen. Wer Augen hat zu sehen, sieht die Gnade.

Keine heile Welt – noch nicht. Während wir uns an der Anzahlung freuen, warten wir noch auf den vollen Betrag – mit Sehnsucht, Seufzen und Gewissheit.

Die Lehren meines Vaters (8)

Wir hatten mit unseren 7 Kindern endlich ein Haus zur Miete gefunden, das allerdings extrem herunter gekommen und renovierungsbedürftig war. Mein Vater war damals im vorzeitigen Ruhestand und konnte uns helfen. Tagelang klopfte er Schlitze, weil die ganze Elektrizität erneuert werden musste, kachelte Bad und Dusche und tat sonst was nötig war, obwohl er von Natur kein Mensch ist, dem das Handwerkliche liegt. Dabei hatte er solche Rückenschmerzen, dass er nicht gerade laufen konnte, aber die Sachen duldeten keinen Aufschub, weil wir nicht so viel Miete doppelt bezahlen konnten.

Wenn ich ihn anschaute, hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, ihm solche Lasten aufzubürden. Das sagte ich ihm auch, aber er lächelte nur und sagte: “Ach, für euch tu ich das doch gern!

Diese Worte gehören zu den Dingen, die ich nie vergesse, und in denen er mir ein Vorbild geworden ist.

Lehre Nummer 8: Wenn du für jemand ein Opfer bringst, lass ihn nicht spüren, was es dich kostet, sondern mach es ihm leicht, es anzunehmen.

Die Lehren meines Vaters (7)

Vor einigen Jahren hatte meine Vater eine schwere Operation, und danach eine lebensbedrohliche Komplikation, die eine zweite Operation erforderlich machte. Zweimal musste man ihn ins künstliche Koma legen. Als ich wir ihn besuchten, erkannte ich ihn tatsächlich nicht, so verändert war er, zusammengefallen, in jeder Körperöffnung einen Schlauch! Wir dachten nicht, dass er das überleben würde.

Er erzählte uns dann, wie Gott ihm in einem Zustand großer Schwäche mit einer Art Panoramaschau der himmlischen Herrlichkeit tröstete. Nicht etwa durch eine Vision, sondern indem sich in seinen Gedanken Bibelvers an Bibelvers fügte. Sein Geist war ganz eingehüllt in die Freude auf den Himmel.

Er hat sich immer viel mit dem Wort Gottes beschäftigt, und dadurch standen alle diese Bibelstellen in seiner Erinnerung parat. Sie waren sozusagen das “Rohmaterial” für den Heiligen Geist, der sie gemäß seinem aktuellen Bedürfnis benutzen konnte.

Lehre Nummer 7: Füll deinen Geist und Verstand mit der Wahrheit des Wortes Gottes, damit du dich in Zeiten der Not davon ernähren kannst!

Die Lehren meines Vaters (6)

In Psalm 84 sagt der Dichter: “Ich will lieber an der Schwelle stehen im Hause meines Gottes, als wohnen in den Zelten der Gesetzlosen.”

Mein Vater hatte seine eigene Art, das zu übersetzen.

An seinem 25. Dienstjubiläum (wenn ich mich recht erinnere) wollte sein Chef abends nach Dienstschluss für ihn eine kleine Feier ausrichten.

Da sagte Papa zu ihm: “Ach, Sie wissen doch, Herr B., an dem Abend gehe ich immer zur Gebetsstunde; da kann ich nicht.”

Ja, das wusste sein Chef, denn seine und unsre Familie wohnten beide auf dem Betriebsgelände, so dass wenig von unserem Privatleben verborgen blieb, und wir Kinder spielten auch zusammen.

Ob sein Chef das verstanden hat, weiß ich nicht, aber er hat es von seinem hochgeschätzten Mitarbeiter akzeptiert. Statt der Party gab es dann einen Scheck.

Lehre Nummer 6: Das Zusammenkommen der Gläubigen, sei es auch unscheinbar und schlicht, ist immer die bessere Feier, weil der Herr der Herren gegenwärtig ist!