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Jesus und die Ehebrecherin (Predigt-Nachlese)

Jesus und Ehebrecherin

Rembrandt [Public domain], via Wikimedia Commons

Predigttext: Johannes 7,53 – 8,12

Nachdem er am Laubhütten-Fest das große Angebot für alle Lebensdurstigen gemacht hatte, übernachtete Jesus auf dem Ölberg.  Aber noch vor Tagesanbruch war er wieder im Tempelvorhof, wo es auch morgens früh schon geschäftig zuging und alle möglichen Leute waren. Wie er es oft tat, setzte er sich und lehrte alle, die zuhören wollten.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber waren auch nicht gerade Schlafmützen, vor allem wenn es darum ging, den Sünden anderer Leute aufzulauern. Sie hatten irgendeine unglückliche Frau beim Ehebruch ertappt, und nun schleppten sie sie in den Tempel. Schließlich sahen sie sich als Hüter von Gesetz und Moral. Und gleichzeitig bot ihnen das eine wunderbare Gelegenheit, um Jesus so richtig in die Ecke zu drängen. Nun soll er doch mal zeigen, wie er zum Gesetz steht! Sie stellten die Frau vor ihn hin. “ Hier! Die haben wir auf frischer Tat ertappt! Mose hat uns geboten, solche zu steinigen. Und du? Was sagst du dazu?”

Ja, nun saß er in der Falle! Sagte er: “Steinigt sie!”, – was war dann all sein Gerede von Gnade und Barmherzigkeit wert? Waren doch viele gerade deswegen seine Anhänger, weil er ein Freund der Sünder war, der sich mit Zöllnern und Huren und ähnlichem Gesindel abgab. Die wäre er dann los. Sagte er aber: “Lasst sie laufen!”, dann hatte er ihnen den Beweis geliefert, dass er sich nicht ans Gesetz hielt, und sie hätten einen unanfechtbaren Anklagegrund.

Aber was tut er da? Er bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Was soll das? Er soll ihnen gefälligst antworten, damit sie ihn in die Pfanne hauen können! “Hallo! Wir haben dich was gefragt!”

Da richtet er sich auf und schaut sie an mit seinen reinen Augen. “Wer unter euch ohne Sünde ist, der kann den ersten Stein werfen!” Ja, diese Frau hat den Tod verdient. Er sieht das kein bisschen anders als das Gesetz Gottes. Jeder, der noch nie gesündigt hat, darf sie verurteilen. Und er bückt sich wieder und schreibt weiter auf die Erde. Denken sie jetzt an seine Worte: “Wer eine Frau auch nur mit einem Blick voller Begierde ansieht, hat im Herzen schon mit ihr die Ehe gebrochen” ? Das Licht Jesu scheint auf ihre Gewissen – und sie gehen raus, einer nach dem anderen. Sie könnten jetzt bekennen und sagen: “Ich bin der Sünder! Sei mir Sünder gnädig!” – aber sie bringen es nicht über die Lippen. Lieber entfernen sie sich aus dem Strahlkreis seines Lichtes als zuzugeben, dass ER Recht hat und sie im Unrecht sind.

Schließlich richtet er sich auf. Er ist allein mit der zitternden, verwunderten, wartenden Frau zurückgeblieben. Was nun? Jesus ist der einzige, der nie auch nur einen unreinen Gedanken hatte, der einzige, der den Stein werfen könnte. Er hat das Recht, sie zu verurteilen. Wird er es tun?

“Frau, wo sind sie? Hat dich niemand verurteilt?” “Nein, Herr, niemand!” Sie ist zerbrochen. Sie weiß, was sie verdient hat. Es ist kein Triumph für sie, dass ihre Ankläger unter demselben Urteil stehen. Sie denkt nicht: “Diese dreckigen alten Säcke, denen hat er´s aber gegeben! Die sind selbst nicht besser!” Sondern sie weiß, sie braucht jetzt eins: Gnade.

Und sie hört Jesus sagen: “So verurteile ich dich auch nicht.” Er ist der Gerechte, der Heilige, der zum Gericht Berechtigte. Wenn er sie nicht verurteilt, dann nicht, weil er Ehebruch für ein Kavaliersdelikt hält, sondern weil er selbst ihre Strafe auf sich nehmen wird. “Geh, und sündige in Zukunft nicht mehr!”

Die Frau hatte einen “Vorteil” gegenüber den Pharisäern: ihre Sünde war offensichtlich. Sie konnte sich nicht in die eigene Tasche lügen. Sie aber hatten nach außen ein tadelloses Verhalten. Das erweckte in ihnen die Illusion, sie seien gerecht und Gott mit ihnen zufrieden. Während die Frau wusste, dass sie das Gesetz nicht halten konnte, meinten sie mit stolz geschwellter Brust: “Aber na klar doch!” – bis das Licht Jesu all ihre innere Schwärze offenbarte, und das ganz ohne  Geschimpfe und Geschrei.

Ich denke, die Frau ging frei und leicht nach Hause. Gott hatte ihr vergeben. Die Freundlichkeit Jesu hatte ihr Herz verändert, so dass sie seiner klaren Ansage folgen wollte: “Sündige nicht mehr!” Sie konnte die Sünde gar nicht mehr wollen, weil sie jetzt eine größere Liebe gefunden hatte, als die, die sie vergeblich und mit bösen Folgen gesucht hatte.

Was tun wir, wenn Jesu Licht auf uns fällt? Geben wir unsere Sünde zu und lassen uns ein neues Leben schenken? Oder gehen wir weg und bleiben im Dunkeln, damit unser Image gewahrt bleibt?

Und wenn wir seine Gnade erfahren haben – haben wir sie dann auch für andere? Oder hauen wir ihnen wieder das Gesetz um die Ohren? Dann haben wir vermutlich vergessen, wer wir eigentlich sind.

Der Durst nach Leben kann gestillt werden

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Es ist 12 Uhr mittags. Jetzt bleibt man am besten im Haus, im Schatten. Und doch kommt hier in Sychar eine einsame Frau zum Wasserholen an den Brunnen. Sie hat die ungünstige Zeit mit Bedacht gewählt, denn ihr ist nicht danach, die anderen Frauen des Ortes zu treffen. Sie sind nicht gut auf sie zu sprechen. Lieber geht sie allein zur Quelle, als diese abfälligen Blicke und das Getuschel auszuhalten.

Aber da sitzt schon jemand am Brunnen, ein Mann, der sehr müde wirkt. Wahrscheinlich ist er schon länger unterwegs und macht hier eine Pause. Es ist ganz offensichtlich ein jüdischer Rabbi – das sieht man an seiner Kleidung. Was macht der hier auf samaritischem Gebiet? Die Juden machen normalerweise lieber einen Riesenumweg, als sich durch den Kontakt zu Samaritern zu besudeln!

Der Mann spricht sie an. “Gib mir doch etwas zu trinken!” – Das ist so ungewöhnlich, dass sie herausplatzt: “Du bist ein Jude und bittest mich, eine samaritische Frau, dir etwas zu trinken zu geben?” Noch nie hat ein Jude – und gar ein Rabbi! – ein freundliches Wort zu ihr gesagt. „Wenn du wüsstest, welche Gabe Gott für dich bereit hält, und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken! –  dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben,“ sagt der Mann. Er ist ein Rätsel und er redet in Rätseln. Von was für einem Wasser spricht er? Mit was will er es schöpfen? Er hat doch nichts, sonst hätte er sie ja nicht um einen Schluck Wasser gebeten. Wer ist er? “Woher willst du denn das Quellwasser haben? Bist du etwa größer als unser Stammvater Jakob, der uns diesen Brunnen hinterließ? Kannst du uns besseres Wasser geben, als das, was er mit seinen Söhnen und seinen Herden trank?” Ja, jetzt hat sie es gewagt und die Frage gestellt: Wer bist du überhaupt? Er antwortet ihr: „Jeder, der von diesem Wasser hier trinkt, wird wieder durstig werden. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst bekommen. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm eine Quelle werden, aus der Wasser für das ewige Leben heraussprudelt.“

Ein ein-für-allemal- Wasser? Nie mehr Durst? Ewiges Leben? Das wäre nett. Dann bräuchte sie sich nicht mehr jeden Mittag allein hierher zu quälen. “Herr, gib mir dieses Wasser!” “Geh, ruf deinen Mann!” O nein! Warum muss er jetzt nach ihrem Mann fragen? “Ich habe keinen Mann,” antwortet sie. “Das stimmt,” sagt er. “Du hast keinen Mann. Fünfmal warst du verheiratet, und jetzt lebst du mit einem Mann zusammen, der nicht dein Mann ist.”

Er kennt ihre Schande! Er hat es die ganze Zeit gewusst, und doch mit ihr gesprochen! Er hat sie sogar um Wasser gebeten, sich nicht abgewandt oder vor ihr ausgespuckt! Er muss dieses Wissen von Gott haben. “Ich sehe, dass du ein Prophet bist!” Wenn er ein Prophet ist und weiß, wer sie ist und doch mit ihr spricht – heißt das am Ende, Leute wie sie können mit Gott noch etwas zu tun haben? Kann er ihr vielleicht die Frage beantworten, über die sie schon oft nachgedacht hat: Was ist die richtige Art der Gottesverehrung? Denn es gibt offensichtlich verschiedene Religionen. Die Samariter beten seit Generationen auf dem Berg Garizim an, und die Juden sagen: Nur in Jerusalem darf man Gott anbeten. Und eigentlich können ja nicht beide Recht haben. Was ist nun die Wahrheit?

Und Jesus – denn er ist es, der mit ihr redet – antwortet ihr: “Frau, glaube mir, es kommt eine Zeit, da werdet ihr den Vater weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten.” Vater? Ist Gott sein Vater? Er fährt fort: “Ihr Samariter betet einen Gott an, den ihr nicht kennt. Wir beten an, was wir kennen. Die Rettung kommt von den Juden. Es kommt aber eine Zeit – und sie ist jetzt – wo die wahren Anbeter Gott in Geist und Wahrheit anbeten werden. Der Vater sucht solche Leute als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn in Geist und Wahrheit anbeten.”

Dass die Rettung von den Juden kommen soll – das ist ihr bekannt. Ein Messias soll kommen, der Herzen verändern kann und die Beziehung zu Gott wieder herstellen. “Der bin ich,” sagt Jesus, “Ich, der hier mit dir redet.”

Der Messias ist da und redet mit ihr, die alle Menschen meiden?  Er hat ihr mitten ins Herz gesehen und  Lebenswasser angeboten für diesen unstillbaren Durst, der sie von einer löchrigen Zisterne zur anderen geführt hat. Am Ende war sie immer enttäuscht und leer und musste feststellen: Auch das ist nicht das, wonach ich mich gesehnt habe! Aber heute hat sie es gefunden! Ab jetzt wird sie zu diesen Anbetern gehören, die der Vater sucht.

Und das muss sie weitererzählen! Sie vergisst ihre Scham und Schande und Menschenfurcht und rennt in die Stadt: “Kommt mit und lernt einen Mann kennen, der mir alles ins Gesicht gesagt hat, was ich jemals getan habe! Könnte das vielleicht der Christus sein?” Und die Leute kommen, um Jesus zu sehen.

Jesus legt auch in meine und deine Wunde den Finger. Unsere dunklen Seiten müssen ans Licht, unsere Schuld muss vor ihm bekannt werden, damit er uns sein Lebenswasser geben kann, das er völlig frei an Unwürdige verschenkt. Sein Wasser stillt unseren Durst für immer. Er bringt uns in Gemeinschaft mit dem Vater. Einsamen und Verstoßenen und Verletzten und Missbrauchten gibt er eine Familie. Unsere Schande nimmt er weg, Sünder werden Anbeter in Geist und Wahrheit!

Die Geschichte steht in der Bibel in Johannes 4.

Der Kampf um das Selbstwert-Gefühl

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Im Jahr 2013 ist ein Bestseller auf den Markt gekommen. Der Titel lautet: „Heirate dich selbst: Wie radikale Selbstliebe unser Leben revolutioniert“. Ich habe es nicht gelesen, aber auf Amazon wird es mit folgendem Text beworben:

Mach Frieden mit dir. Nimm dich an. Begrüße deinen Schatten. Umarme deine Schwächen. Heile deine Wunden. Befreie deinen Geist. Lass los, was dir schadet. Wähle, was dich stärkt. Dieses JA! zu dir ist ein revolutionärer Akt. Sei Dir treu. Lerne dich in allen Facetten anzunehmen, deine Bedürfnisse zu achten und deine wahre Größe zu bejahen. Heirate dich selbst und du bist frei!

Das hört sich doch gut an, oder? Tatsächlich habe ich einige Pressemeldungen gelesen, von Frauen in verschiedenen Teilen der Welt – Asien, Amerika, Europa-, die sich ganz offiziell selbst geheiratet haben, mit Heiratsantrag, Ring, Brautkleid und Feier. Z.B. hat die Britin Grace Gelder sich im Oktober 2014 selbst das Jawort gegeben und ein Treueversprechen abgelegt und zum Schluss ihr Spiegelbild geküsst. Ein richtiger Hype, wenn auch noch nirgends legal als Ehe anerkannt. Aber wer weiß, vielleicht kommt das noch.

Nun, ehe wir da nur verwundert den Kopf schütteln, wollen wir fragen, was dahintersteckt. Da haben offensichtlich Leute – bis jetzt hauptsächlich Frauen, soweit ich das sehen konnte – ein Bedürfnis, das ihnen niemand zu erfüllen scheint. Sie haben die Nase voll von Selbstzweifeln und Selbstverachtung, von der Abhängigkeit von der Anerkennung von anderen. Sie wollen keinen Marktwert haben, sie wollen einen Selbstwert haben! Sie wollen sich was wert fühlen.

Ich habe mich gefragt, wie es dazu kommt, und ein bisschen über meine eigene Geschichte nachgedacht.

Als ich ein kleines Mädchen war, nannten mich die Leute “Rückstrahler”, weil ich immer so zurück beamte, wenn mich jemand anlächelte. Verständlicherweise fanden das alle ganz süß. Als ich dann älter wurde, hatte ich zwei reizende jüngere Brüder, die mir versicherten: Mit deinen Segelfliegerohren und dieser Nase bekommst du nie einen Mann! Das gab meiner Sicherheit einen Knacks, genauso wie die Tatsache, dass ich wegen meiner nicht vorhandenen Sportlichkeit immer die letzte war, die in die Mannschaft gewählt wurde. Irgendwann hat wahrscheinlich jede mal solche Erlebnisse. Wir werden konfrontiert mit der Tatsache, dass wir unvollkommen sind, und dass andere das sehen und uns irgendwie beurteilen (mit mehr oder weniger Zartgefühl). Es geht nicht nur ums Aussehen, obwohl das gerade bei Frauen oft der Fall ist. Es geht um all die Dinge, wo wir ungenügend sind. Es betrifft auch unser Wesen, unseren Charakter. Wir werden kritisiert, ob zu Recht oder zu Unrecht, und das ist schwer zu verkraften. Manchen trifft es mehr und manchen weniger, und verschiedene Leute trifft es an verschiedenen Stellen. Manche erholen sich davon ein bisschen nach der Pubertät – ein Rest bleibt immer. Manche Leute leiden ihr ganzes Leben extrem.

Ich will euch von einer Frau aus der Bibel erzählen, die es ganz besonders hart getroffen hat. Irgendwas war mit ihren Augen, das sie abstoßend machte; was genau es war, wissen wir nicht. Vielleicht fand man sie als Baby auch noch süß – bis sie eine kleine Schwester bekam. Und diese Schwester war hübsch und hatte den Charme, der ihr fehlte. Sie wuchsen heran, und niemand interessierte sich für Leah, die Ältere. Und das blockierte die Partnerfindung für ihre schöne Schwester, denn wie auch heute noch in manchen Kulturen, gab man die Töchter der Reihe nach weg. Und dann kam Jakob, der attraktive Cousin, und sah Rahel, und war hin und weg. Das war die Frau! Natürlich! Leah war wahrscheinlich für ihn so interessant wie ein Möbelstück.

Sie muss zuschauen, wie er sich 7 Jahre für Rahel abschuftet, weil das der Brautpreis ist, den ihr Vater festgelegt hat. 7 Jahre, in denen niemand vorbeikommt, der Leah auch nur mal länger anschaut. Aber weil Rahel heiraten will, muss sie auch heiraten, und so heckt ihr Vater den perfiden Plan aus, sie Jakob als Erstfrau heimlich unterzujubeln. So landet sie in einer dunklen Nacht in Jakobs Bett, und er merkt es nicht und denkt, sie sei Rahel.

Am nächsten Morgen möchte ich ja nicht dabei gewesen sein. Ich kann mir Jakobs Wut gut vorstellen, denn er fühlte sich betrogen. Aber was hat Leah wohl gefühlt? Hatte sie eine Wahl? Hat sie da freiwillig mitgemacht? Ich vermute, sie hat gehofft, dass Jakob sie vielleicht doch liebgewinnen kann, wenn er sie erst mal kennenlernt, aber das hat nun nicht besonders gut funktioniert. Sie hat genau eine Woche Zeit, um sich in sein Herz zu schleichen, aber es gelingt ihr nicht. Nach dieser Woche heiratet er die als Zweitfrau, die er eigentlich wollte, und dann darf Leah den verliebten Turteltäubchen zusehen. Wieder auf dem Abstellgleis!

Nun geschieht etwas, wozu wir alle tendieren, wenn wir uns als unwert empfinden. Wir versuchen zu kompensieren. Leah wird schwanger – in der Bibel steht ausdrücklich, dass Gott das tat, weil er ihre missliche Lage sah – und dadurch gewinnt sie an Status. Das ist so in vielen Kulturen. Als ich vor Jahren mit meiner Familie beim Botschafter von Sierra Leone zu Gast war, und er sah, dass ich 7 Kinder hatte, sagte er: Bei uns wärst du eine Göttin! (In Deutschland sagen die Leute eher: Bist du verrückt?) Aber so war das für Leah: Kinder waren gesellschaftliches Ansehen. Da warst du als Frau was wert. Es zerreißt einem fast das Herz, wenn sie sagt: Ja, der HERR hat mein Elend angesehen. Denn jetzt wird mein Mann mich lieben. Und dann kommt das 2. Kind – alles Söhne, das ist noch mal besser! – und sie hofft: Ja, der HERR hat gehört, dass ich zurückgesetzt bin, so hat er mir auch den gegeben. Und beim dritten: Diesmal endlich wird sich mein Mann an mich anschließen, denn ich habe ihm drei Söhne geboren.  Ganz offensichtlich hatte sich nichts geändert. Sie war jetzt mehr für die Gesellschaft, aber der, auf den es ihr ankam, den interessierte es nicht. Beim 4. Kind heißt es dann nur noch: Diesmal will ich den HERRN preisen! Aber bei Nummer 6 ist sie schon wieder am Hoffen: Mir hat Gott ein schönes Geschenk geschenkt; diesmal wird mein Mann mich erheben, denn ich habe ihm sechs Söhne geboren.  Es ist Wahnsinn, wie hartnäckig diese Sehnsucht ist, dass sie ihm was wert sein möge. Aber es ist ihr nie gelungen.

Viele Frauen haben Leahs Problem – auch gutaussehende. Das Leben ist ein Kampf um Wertschätzung. Jede macht das anders. Die eine kämpft um die gute Figur mit Sport und Diäten, die andere setzt sich in Szene mit Kleidung und Makeup, die nächste kriegt Kinder und wird eine furchtbar tüchtige Hausfrau, und wieder andere leisten beruflich Unglaubliches oder schaffen sich Statussymbole an. Andere fliegen von Bett zu Bett, die nächsten tun jedem jeden Gefallen und sind immer für andere da, weil sie hoffen, dafür Anerkennung zu ernten. Alles dient dazu, unseren Wert zu erhöhen in den Augen von anderen und auch in unseren eigenen. Und es funktioniert nie. Und dann kommt so ein Selbstwert-Guru und sagt: Du musst dich einfach selbst annehmen und selbst umarmen und dir die Treue schwören und selbst für dich sorgen, und dann hört der Kampf auf. Das klingt verlockend. Es gibt davon sogar eine „christliche“ Version. Sie sagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, bedeutet, dass du dich erst selbst lieben musst. Nimm dich wie du bist, denn du bist okay in Gottes Augen. Jede ist schön, sie muss sich nur an den Spiegel kleben, dass Gott sie wunderbar gemacht hat.

Die Sache hat nur einen Haken. Es ist eine Illusion. Denn unser Gefühl von Wertlosigkeit ist das Symptom einer viel tiefer liegenden Problematik. Es ist wahr, dass Gott alles wunderbar gemacht hat. Aber es ist nicht mehr alles wunderbar. Der Sündenfall hat einen ganz tiefgreifenden Schaden in uns hinterlassen, obwohl wir auch immer noch die Spuren dieses Wunderbaren an uns tragen. Aber es gibt seitdem einen tiefen Riss, eine tiefe Unzulänglichkeit in jedem von uns. Manchmal sieht man sie äußerlich, immer sieht man sie innerlich – wenn man sich traut, hinzugucken. Und alle sind wir immer am Arbeiten, dass man es möglichst wenig merkt, wir kompensieren, wir „bezahlen“ mit allem Möglichen, sogar mit guten Werken, um unseren Selbstwert wiederherzustellen. Und es funktioniert nie. Die Bibel sagt es so: „denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes.“ Römer 3,23

Wir haben die Herrlichkeit verloren, und nun stehen wir nackt da und fühlen Scham. Seit dem Sündenfall versteckt sich der Mensch vor Gott und voreinander – aus Scham. Und Menschen beschämen und bewerten sich gegenseitig und fügen sich viele Verletzungen zu.

Aber nun will ich euch noch eine zweite Frau vorstellen. Gott beschreibt Jerusalem in einer symbolischen Geschichte als Frau, aber wir können das auch auf uns anwenden. Ich habe dazu eine ganz persönliche Beziehung, und das kommt so: Als ich noch ein junges Mädchen und noch kein Christ war, habe ich mal ein Gedicht geschrieben über ein Kind, das man vor seiner Geburt weggeworfen hatte. Als eine Freundin mich fragte, ob das aussagen soll, dass ich gegen Abtreibung bin, brach ich in Tränen aus. Denn dieses Kind war auch ein Symbol, nämlich für mich selber. Ich fühlte mich genauso: Weggeschmissen, unwert, sinnlos, ungeliebt, und das, obwohl ich liebevolle Eltern hatte. Nachdem ich dann zum Glauben gekommen war, fand ich diese Passage in der Bibel, und war hin und weg! Da stand meine und Gottes Geschichte, schwarz auf weiß in Gottes Buch! Die Ausdrucksweise ist ein bisschen grafisch, und man muss das genau so sehen, wie es gemeint ist, nämlich symbolisch, um es nicht mißzuverstehen, aber ich möchte das mal ein bisschen aufschlüsseln und auf uns beziehen, denn es geht um ein Grundprinzip von Erlösung und beschreibt wunderbar, wie Gott das mit uns macht.

Aus Hesekiel 16:

So spricht der Herr, HERR, zu Jerusalem: Deine Herkunft und deine Abstammung sind aus dem Land der Kanaaniter; dein Vater war ein Amoriter und deine Mutter eine Hetiterin.

Wir sind fern von Gott geboren, unpassend, unzulänglich, verdorben, und haben eigentlich mit ihm nichts zu tun.

Und was deine Geburt betrifft: an dem Tag, als du geboren wurdest, wurde deine Nabelschnur nicht abgeschnitten, und du wurdest nicht mit Wasser abgewaschen zur Reinigung und nicht mit Salz abgerieben und nicht in Windeln gewickelt. Niemand blickte mitleidig auf dich, um dir eines dieser Dinge aus Mitleid mit dir zu tun, sondern du wurdest auf die Fläche des Feldes geworfen, aus Abscheu vor deinem Leben, an dem Tag, als du geboren wurdest.

Wir sind unversorgt und ungereinigt, ausgestoßen und allein. Keiner will uns wirklich. Keiner erbarmt sich über uns. -Dann kommt Gott vorbei.

Da ging ich an dir vorüber und sah dich in deinem Blut zappeln; und zu dir in deinem Blut sprach ich: Bleibe leben! Ja, zu dir in deinem Blut sprach ich: Bleibe leben, und wachse wie das Gewächs des Feldes!

 Er sieht, dass wir sterben würden, wenn er nichts für uns tut. Er wünscht uns das Leben. Wir haben keinen Wert, aber er misst uns einen Wert bei. Er sieht uns, längst ehe wir irgendetwas für ihn „leisten“ könnten – schwache, hilflose Geschöpfe. Er sieht in uns, was seine Gnade aus uns machen könnte.

Und du wuchsest heran und wurdest groß, und du gelangtest zu höchster Anmut; die Brüste rundeten sich, und dein Haar wuchs reichlich; aber du warst nackt und bloß. Und ich ging wieder an dir vorüber und sah dich, und siehe, deine Zeit war da, die Zeit der Liebe; und ich breitete meinen Gewandzipfel über dich aus und bedeckte deine Blöße. Und ich schwor dir und trat in einen Bund mit dir, spricht der Herr, HERR, und du wurdest mein.

Er liebt uns, obwohl, wie wir gleich sehen werden, unser Zustand noch deutlich sichtbar ist. Er beschließt, einen Bund mit uns einzugehen. Er schwört uns sogar, er wird es nicht zurücknehmen! Du wurdest mein! sagt er. Und dann wird er aktiv.

Und ich wusch dich mit Wasser und spülte dein Blut von dir ab und salbte dich mit Öl. Und ich bekleidete dich mit Buntwirkerei und beschuhte dich mit Delfinhäuten, ich umwand dich mit Byssus und bedeckte dich mit Seide. Und ich schmückte dich mit Schmuck: ich legte Spangen um deine Handgelenke und eine Kette um deinen Hals, und ich legte einen Reif an deine Nase und Ringe an deine Ohren und setzte eine prachtvolle Krone auf deinen Kopf. So legtest du goldenen und silbernen Schmuck an, und deine Kleidung bestand aus Byssus, Seide und Buntwirkerei. Du aßest Weizengrieß und Honig und Öl. Und du warst sehr, sehr schön und warst des Königtums würdig. Und dein Ruf ging aus unter die Nationen wegen deiner Schönheit; denn sie war vollkommen durch meinen Glanz, den ich auf dich gelegt hatte, spricht der Herr, HERR.

Und dann macht er alles. Er reinigt uns durch das Blut Jesu. Er gibt uns den Heiligen Geist. Er schmückt uns mit dem Wesen Jesu. Er verleiht uns seine Identität. Er ernährt uns. Er krönt uns mit Gnade. Er macht uns würdig! Und ihm gefällt, was er sieht.

Das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Aber er kann das, weil er diesen Riss heilen kann, weil Jesus unsere Sünden weggenommen hat und uns vergeben wird. Ohne Sünde und schlechtes Gewissen gibt es keine Scham mehr in der Beziehung zu ihm. Seine vollkommene Liebe treibt unsere Furcht aus, und wir werden geadelt. Er legt seinen Glanz auf uns, er versetzt uns „in Christus“.

Wir müssen uns nicht selbst umarmen und annehmen. Uns ist etwas viel Besseres passiert! Wir sind umarmt und angenommen. Wir können relaxen.

Die Geschichte Jerusalems hat leider einen traurigen Ausgang. Sie wird zuerst stolz und dann untreu. Sie schreibt sich selbst das zu, was Gott für sie getan hat. Sie kehrt ihre Aufmerksamkeit von Gottes Liebe weg, und sucht die Anerkennung von Neuem bei den Falschen. Lasst uns nicht in diese Falle tappen, dass wir uns irgendwie einbilden, wir wären was in uns selber. Wir werden dann unser ganzes Glück verlieren und wieder einsteigen in den Run auf die Anerkennung, das ganze Elend, aus dem wir raus wollten und das uns umbringt! Stattdessen wollen wir IHM die Ehre geben für das, was er an uns getan hat.

Fallt nicht rein auf dieses Selbstliebe-Zeug. Vielleicht wirkt es bis zur letzten Seite des Buches oder noch ein paar Tage länger, aber es beruht auf Illusionen und ist nicht tragfähig. Irgendwann fällst du wieder ins Loch. Das stillt deinen Durst nicht und gibt dir keinen Frieden.

Unser Grundproblem ist, dass wir so stolz sind. Wir wollen unseren Schaden nicht zugeben und Liebe einfach umsonst annehmen, ohne etwas dafür geleistet zu haben und ohne attraktiv zu sein. Das passt auch nicht in unsere Welt – das gibt es nur bei Gott. Hör auf, bei Menschen zu suchen, was sie dir nicht geben können. Hör auf, bei dir selbst zu suchen, was du nicht hast.

In einem haben die Selbstliebe-Leute recht: Wer sich geliebt weiß, kann besser lieben. Das merken wir auch, wenn wir uns von Gott lieben lassen. Dann fließt seine Liebe durch uns durch. Nur der Weg dahin, den sie vorschlagen, der führt da nicht hin.

Wenn du diesen Gott noch nicht kennst, der dich lieben und adeln will, indem er seinen Glanz auf dich legt, wenn du dir die Fruchtlosigkeit deiner eigenen Bemühungen, deine Verlorenheit und das hilflose Ausgeliefertsein an die Sünde eingestehen kannst, dann kannst du ihm heute begegnen. Sag ihm, dass du seine Liebe und alles, was er für dich hat, annehmen willst!

Altwerden und die Hoffnung festhalten – was ich von Simeon und Hanna lernen möchte

Aert de Gelder [Public domain], via Wikimedia Commons

Heute mal keine Predigt-Nachlese, sondern einige persönliche Gedanken zum Thema …

Simeon und Hanna sind meine Vorbilder, wenn ums Altwerden geht. Über beide hab ich schon öfters geschrieben –  hier z.B. und hier ausführlicher über Hanna. Die beiden sind lebende Illustrationen für den Vers, den ich gerade auswendig gelernt habe:

Lasst uns nun das Bekenntnis der Hoffnung unwandelbar festhalten, denn treu ist ER, der die Verheißung gegeben hat. (Hebräer 10,23)

Die Beiden hatten nicht nur eine Hoffnung – sie lebten darin. Man konnte das daran erkennen, wo sie sich aufhielten, wofür sie sich einsetzten, wovon sie sprachen. Wenn in einem Menschen die Hoffnung auf Christus lebt, dann kann das nicht unbemerkt bleiben! Ich stelle mir Simeon so ein bisschen vor wie meinen 88jährigen Vater. So oft wir telefonieren oder uns begegnen, landen wir bei einem Thema, der Wiederkunft des Herrn. Das ist der Fixpunkt, der sein Leben bestimmt, und deswegen kommt das aus allen Poren.  Da führt kein Weg dran vorbei (und nicht etwa, weil ihm sonst nichts einfällt – er liest noch viel, sogar englische Romane, um seine Sprachkenntnisse aufzubessern!). So ähnlich wird der alte Simeon immer zu einem Thema zurückgekehrt sein: Der Trost Israels kommt, und ich werde ihn sehen. Vielleicht hat seine Umgebung schon die Augen verdreht, aber er hielt unentwegt daran fest, weil er wusste, wer ihm das versprochen hatte!

Und dann ist da diese Hanna. Ich möchte gern so werden wie sie! Ich möchte  im Alter nicht darum kämpfen, aus diesem Leben noch so viel wie möglich rauszuholen. Für wie viele Menschen ist Krankheit und Tod deswegen so bedrohlich, weil sie sich nur am Leben fühlen, wenn sie Skiurlaub an Kreuzfahrt reihen können, wenn sie Geld genug haben für jeden Komfort. Man macht sich eine Bucket List von Dingen, die man unbedingt noch erleben und sehen muss, ehe man die Augen zumacht. Auf Hannas Bucket List standen drei Dinge: Auf den Erlöser warten, Hingabe an Gott mit Beten und Fasten, von Ihm reden. Mehr wollte sie nicht, und wer glaubt, ihr Leben sei leerer gewesen als das einer Weltreisenden, weil sie sich immer nur im Tempel in Jerusalem aufhielt, der hat vom Glück der Gegenwart Gottes noch nichts verstanden. Hanna hatte ein volles, gesegnetes Leben – in Hoffnung, in Selbstverleugnung und in voller Annahme der Beschränkungen, die das Leben ihr auferlegt hatte. Am Ende durfte sie den sehen, an den sie geglaubt hatte.

So möchte ich alt werden. Egal, was kommt, loben und danken und beten geht immer! Der Zutritt zum Heiligtum ist sogar für mich in noch vollkommenerer Weise offen wie für Hanna – ich brauche keinen irdischen Tempel mehr. Und wie Hanna werde ich die Hoffnung festhalten und alles auf eine Karte setzen. Am Ende werde ich IHN sehen.

Übrigens, die Geschichte von Simeon und Hanna ist in der Bibel hier zu finden.

Hanna (2): Demut

file3821235526658 (2)Im Tempel schüttet Hanna ihr Herz vor Gott aus. Sie lässt alles herausfließen, Worte und Tränen, alles, was sich in ihr aufgestaut hat über die Jahre, die Traurigkeit, die Verletzung, die Bitterkeit, die Sehnsucht, die Fragen …Es ist eine Sache zwischen ihr und Gott, nichts wo einer zuhören sollte, viel zu privat und intim, viel zu schmerzhaft, viel zu flehentlich. Deshalb spricht sie nicht laut, sondern bewegt nur die Lippen. Ganz innerlich, das geht auch nicht, sonst fühlt sie sich am Ende doch wieder alleine mit ihren Gedanken und Gefühlen. Sie muss sie in Worte fassen, aussprechen, und sich nachher ganz sicher sein: Das habe ich zu Gott gesagt. Das hat er von mir gehört. Denn das, was sie schließlich verspricht, das soll sie auch binden:

Herr der Heerscharen, wenn du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deine Magd nicht vergessen wirst und deiner Magd einen Sohn geben wirst, so will ich ihn dem Herrn geben, so lange er lebt, und kein Schermesser soll auf sein Haupt kommen.

Während ihr Herz ganz absorbiert ist von ihrem Gespräch mit Gott, wird sie etwas schroff von hinten angesprochen. Der alte Priester Eli sitzt an der Tür und hat sie jetzt schon eine Weile beobachtet. Diese Frau muss besoffen sein! Heult, brabbelt in sich hinein, wird gar nicht fertig. Am hellen Tag! Das ist hier, bitteschön, der Tempel Gottes! Das kann er nicht länger mit ansehen. “Wie lange willst du dich hier so aufführen? Du bist offensichtlich betrunken!”

Was hätte Hanna ihm alles antworten können! Hast du sonst keine Probleme? Kehr mal vor deiner eigenen Tür! jeder weiß, was deine Söhne hier treiben, und dass du nicht eingreifst! Aber lieber attackierst du eine Frau, die einfach nur beten will! Selbstgerechter alter Heuchler!

Aber ihr kommt noch nicht einmal der Gedanke. Sie sagt einfach:

„Nein, mein Herr! Ich bin nicht betrunken, ich bin nur eine unglückliche Frau und habe Jahwe mein Herz ausgeschüttet. Denk nicht so schlecht von deiner Dienerin. Denn aus großem Kummer und lauter Verzweiflung habe ich so lange gebetet.”

Der große Gott hat sie angehört. Es gibt keinen Grund zum Streiten. Sie rechtfertigt sich ganz ruhig und sachlich. Eli ist der Priester Gottes, und sie respektiert seine Sorge für das Haus Gottes. Er hat sich nur geirrt, die Dinge sind anders, als er denkt. Man kann es spüren, dass alle Bitterkeit aus Hannas Herzen verschwunden ist. Wer von Gott gehört und angenommen ist, den kann kein Mensch mehr durch harte Worte aus der Bahn werfen.

Eine sanfte Antwort besänftigt den Zorn, heißt es in Sprüche 15,1. Eli sieht, dass er im Unrecht war. Der Weg ist frei, dass Hanna ausgerechnet durch ihn die Zusage Gottes empfangen kann:

„Geh in Frieden! Der Gott Israels wird deine Bitte erfüllen.“

Was für eine Freude! Gott hat auf sie, Hanna, die Gedemütigte, die Versagerin, gehört. Man kann den Frieden, der sich in ihrem Herzen ausbreitet auf ihrem Gesicht sehen. Sie muss sich nicht mehr mühen, quälen, rechtfertigen. Der Allmächtige höchstpersönlich hat ihre Sache in die Hand genommen.

Die Geschichte findest du in der Bibel in 1.Samuel 1

Hanna (1): Demütigungen

sad-505857_1280Zwei Frauen hat er, der gute Elkana. Er ist ein freundlicher Mann, aber nicht in der Lage, bei dieser unmöglichen Konstellation den Frieden in der Familie aufrecht zu erhalten, wie er das gerne würde. Peninna ist wichtig. Sie ist diejenige die für Nachwuchs sorgt, die den Erben geboren hat, den er braucht. Hanna dagegen ist die Frau seines Herzens. Peninna ist aber nicht damit zufrieden, eine “Funktion” zu haben. Trotz all ihrer Kinder und dem Status, den sie durch sie hat, ist sie eine zutiefst unglückliche Frau – und Hanna soll dafür büßen.

Man muss Hanna zeigen, dass sie ein Nichts ist – wenn schon Elkana das nicht kapiert. Eine Frau ohne Kinder ist eine Witzfigur, ein nutzloses Dekorationsobjekt. Wenn sie stirbt, bleibt nichts übrig. Und warum ist das so? irgendeine Leiche muss diese Frau im Keller haben, dass Gott sie so straft. Denn Kinder, das weiß jeder, sind eine Gabe Gottes, und wer keine hat, dem will Gott sicher aus gutem Grund nichts geben!

Peninna findet viele stichelnde Worte und viele kleine Hinweise und Aktionen, um Hanna Tag für Tag daran zu erinnern, was ihr fehlt. Aber am besten eignet sich das jährliche Familienevent, die Reise nach Silo, wo sie Gott anbeten und opfern. All die eingespielten Methoden, die man zu Hause entwickelt hat, um sich aus dem Weg zu gehen, greifen dann nicht mehr. Unterwegs kann man jeden, der einem begegnet, lautstark darauf hinweisen, dass alle Kinder dieser schönen großen Familie meine sind. Ja, Hanna, hat leider keine, wie schade aber auch für sie! Bei so viel schmucken Kindern keins von ihr dabei! Und ja, sie, Peninna, hat alle Hände voll zu tun. Was Hanna eigentlich den ganzen Tag macht? Keine Ahnung. Sich schminken, damit ihr Mann sie auch noch beachtet? Sie darf ihr gelegentlich ein bisschen helfen, denn alleine ist das ja alles kaum zu schaffen.

Dann die gemeinsame Mahlzeit, bei der Peninna mit Vergnügen beobachtet, wie Hanna der Appeitit vergeht. Das Lamm wird verteilt. Sooo viele Stücke für Peninnas Seite! Kinder guckt nur, wie viel Fleisch wir brauchen, weil wir so viele sind! Hanna, wie gut, dass du keine Kinder hast, sonst hätten wir ja alle nur einen kleinen Happen! Aber Hanna, meine Liebe, warum weinst du denn? Du nimmst dir das doch nicht etwa zu Herzen? Der friedliebende Elkana macht einen gutgemeinten, aber untauglichen Ausgleichsversuch, indem er Hanna, die sowieso nichts essen mag, einen doppelten Anteil gibt. Tränen bei seiner geliebten Hanna mag er gar nicht! Weine doch nicht! Ich liebe dich doch! Bin ich dir nicht mehr wert als zehn Söhne? Nein, ob er es versteht oder nicht, er ist nicht das, was sie braucht.

Das Schlimmste ist, dass sie das Gefühl hat, dass Gott gegen sie ist. Elkana lässt sie ihr Versagen nicht fühlen, aber der Rest der Welt zeigt ihr ziemlich deutlich, dass mit ihr was nicht stimmen kann. Und Gott? Was hält er von ihr?

Sie weiß, dass sie eine Sünderin ist. An manchen Tagen kommt sie kaum an gegen die Schwärze ihres eigenen Herzens. Es ist nicht leicht, nicht zu hassen, wenn man so gequält wird. Aber sie liebt den Herrn, und er ist bekannt als ein Gott, der die Niedrigen tröstet. Sie ist niedrig. Sie hat versagt. Sie ist ein Nichts. Sie kann an ihrem Zustand nichts ändern, aber Gott, das weiß sie, ist gnädig. Und er kann!

Endlich ist sie vorbei, diese Mahlzeit der Grauens. Bald werden sie den Heimweg antreten. Sie hat einen Beschluss gefasst: Sie wird Gott ihr ganzes Elend vor die Füße kippen. Er ist ihre einzige Hoffnung und ihre letzte. Und sollte er sie erhören, dann will sie das Kind nicht für sich behalten, sondern dann soll es für ihn sein.

So, und jetzt wechseln wir mal zur “himmlischen Perspektive”. Gott zieht die Fäden von oben. Er hat tatsächlich Hannas Mutterleib verschlossen! Er erlaubt, dass sie gekränkt und gedemütigt wird. Er will aus ihr eine Frau formen, die ihn tiefer kennen lernen soll, die einen Propheten in die Welt setzen wird, die einen Lobpreis anstimmen wird, der durch die Jahrtausende hallen und in vielen Herzen ein Echo finden wird. Peninna, du findest dich toll und genießt deine Macht und weißt nicht, dass auch du letztlich Gottes Zwecken dienen musst … nicht deine Kinder werden für die Zukunft relevant sein, sondern Hannas Sohn. Und die Demütigung wird Hanna lehren, mit leeren Händen zu Gott zu kommen und zu sagen:

Es ist gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Anweisungen lerne … Die dich fürchten, werden mich sehen und sich freuen, denn ich hoffe auf dein Wort. Herr, ich weiß, dass deine Bestimmungen gerecht sind, und dass du mich in Treue gedemütigt hast. Lass doch deine Gnade mein Trost sein, nach deinem Wort an deine Magd! (nach Psalm 119, 71 ff)

Die Geschichte findest du in der Bibel in 1.Samuel 1

Martha, Maria und ich

Die Predigt handelte heute von der Auferstehung des Lazarus. Zum Hauptstrom der Geschichte habe ich aus dem Archiv den Post “Gottes perfektes Timing” ausgegraben, der vieles wiedergibt, was wir heute gehört haben. Bitte nachlesen! Ich möchte aber einiges hinzufügen, was mich heute besonders berührt hat.

Ich kenne diese Erfahrung so gut, die Martha und Maria gemacht haben: Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung und keine Vorstellung, was Gott jetzt noch tun könnte. Man weiß, man sollte auf Jesus schauen, aber was heißt das überhaupt konkret? Klar kann er alles. Das wusste Martha auch: “Ich weiß, dass er auferstehen wird am letzten Tag.” Aber jetzt? Was kann jetzt noch kommen?

Ich finde es so wunderbar, dass Jesus den Schwestern keinen Vorwurf macht, weil sie das trotz ihres Glaubens an ihn gerade nicht sehen können. Dass er Mitleid mit ihnen hat und ihre Not mitfühlt. Er hält sogar Marthas unqualifizierten Einwurf aus, als er befiehlt, das Grab zu öffnen: “Herr, er riecht schon!” Er handelt trotzdem in Vollmacht und offenbart ihnen dadurch die Kraft und Barmherzigkeit des Vaters, dessen Abdruck und Abglanz er ist.

So ist mein Gott! Wenn ich keine Perspektive mehr habe, hat er immer noch was “im Ärmel”. Er ist niemals ratlos. Er ändert die Situation, oder er ändert mich und meinen Blick auf die Situation. Und das alles tut er aus lauter Gnade, denn wenn es von meinem theologischen Verständnis oder meiner Glaubenskraft abhinge, dann wäre ich verloren! Aber er hat mich nie im Stich gelassen, und er wird das nie tun! Er hat es versprochen.

Und noch ein Gedanke hat mich sehr ermutigt: Zu wissen, dass Jesus die Auferstehung und das Leben ist, gibt mir auf jegliche “Katastrophen” dieses Lebens eine ganz andere Sicht. Denn ich bin mit ihm so fest eins und verbunden, dass mein ewiges Leben sicher ist. Was immer kommen mag – so schlimm kann es nie werden, dass ich das verliere! Ich werde sein, wo er ist!