Archiv der Kategorie: Galaterbrief

Sein Kreuz–mein Kreuz: Was es bedeutet, dass ich mit Christus gekreuzigt bin

cross-3080144_1920

Ich bin mit Christus gekreuzigt,

sagt Paulus in Galater 2,19. Und einige Kapitel später noch einmal (6,14):

Von mir aber sei es ferne, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.

Für mich war es lange ein Rätsel, was das bedeutet. Die Auslegungen, die ich dazu las, klangen für mich nach einer mystischen Erfahrung, sozusagen für Fortgeschrittene in der Heiligung, die es “schaffen”, in einer gewaltigen Anstrengung von Selbstverleugnung “ihr Fleisch zu kreuzigen”.

Ich glaube, das Problem war der Begriff “Kreuz”, der so sehr zur Metapher geworden ist, dass die Realität dahinter bisweilen verloren geht oder schwer zu fassen ist. Darum war es wie eine Erleuchtung für mich, als ich eines Tages für mich die Worte einsetzte, mit denen man diese Realität des Kreuzes ausdrücken kann.

Ich bin mit Christus hingerichtet … durch die Hinrichtung von Jesus ist die Welt für mich zum Tod verurteilt, und ich bin in den Augen der Welt zum Tod verurteilt.

Nimm täglich dein Kreuz auf? Nimm täglich dein Todesurteil an!

Auf einmal war alles einfach. Nicht von mystischen Erfahrungen und höheren Stufen ist die Rede, sondern von historischen Fakten. Als Christus am Kreuz hingerichtet wurde, war das die Vollstreckung meines Todesurteils. Ich war der Delinquent, Jesus war mein Stellvertreter. Aber nicht nur über mich, sondern über diese ganze verdorbene, gottlose, in Auflehnung befindliche Welt wurde da das Urteil gesprochen.

Das hat Konsequenzen. Wenn ich behaupte, dass ich dieses Todesurteil, diese Hinrichtung für mich annehme, dann kann ich die Dinge, über die das Urteil gesprochen wurde, nicht weiter tun. Dann kann ich mich nicht weiter dieser Welt zugehörig fühlen und bei ihren Bemühungen, autonom zu sein und sich selbst zu rechtfertigen, mitmachen. Dann muss ich akzeptieren, dass sie mich ausstößt als nicht zu ihr gehörig. Alles andere wäre ein schlechtes Zeichen.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, und seine Schmach tragen! (Hebräer 13,13)

Unser “alter Mensch” hat sein Todesurteil an diesem Kreuz empfangen. Wir sind freigesprochen, aber wir können auch nicht dahinter zurückgehen und diesem alten Menschen wieder zu leben erlauben. Tot ist tot (Römer 6)! Nachdem wir an Jesus geglaubt haben, ist die Taufe das öffentliche Zeichen unserer Zustimmung zu diesem Mitgestorben-Sein.

Nun war der Tod für Jesus nicht das Ende, und es wäre auch für uns zu wenig, wenn wir nur aufhören würden zu sündigen. Aber Jesus ist auferstanden, und so wie er uns an seinem Tod Anteil gibt, so auch an seinem Leben. Es geht nicht um eine Anstrengung, nun “besser zu werden”, sondern darum, uns seinem Leben von Gehorsam und Gerechtigkeit zur Verfügung zu stellen. Der Tod ist schon geschehen, aber ich muss täglich in dieses Todesurteil einwilligen. Das Leben ist schon da und vibriert und blubbert, aber ich muss mich ihm täglich zur Verfügung stellen. Und all das gilt für Anfänger und Fortgeschrittene und ist keine geistliche Geheimwissenschaft, aber wir  verstehen es immer besser und glauben es immer tiefer und wachsen darin – aber niemals darüber hinaus.

Predigt-Nachlese: Leben im Geist – ganz praktisch

Predigttext: Galater 6

Wir sind frei vom Gesetz und leben durch den Heiligen Geist. Aber wie sieht das im Alltag aus?

Wir werden immer noch versucht und können von der Sünde überrascht und überrannt werden. Niemand sollte denken, dass ihm das nicht passieren kann! Wir brauchen dann weder jemand, der unsere Sünde kleinredet oder ignoriert, noch jemand, der noch drauftritt, wenn wir am Boden liegen. Wir brauchen jemand, der uns zurechthilft, und das braucht manchmal Zeit. Und deswegen müssen wir auf der einen Seite wachsam sein und beten, dass wir nicht selbst versucht werden, und auf der anderen Seite bereit sein, dem beizustehen, der in Sünde gefallen ist. Allerdings setzt das voraus, dass derjenige das auch will und nicht etwa an seiner Sünde festhält und einen Friedensvertrag mit ihr geschlossen hat.

Das Gesetz Christi ist sein neues Gebot der Liebe zueinander. Dazu gehört, dass man das mit trägt, was der Bruder oder die Schwester alleine nicht tragen kann. Allerdings muss man sich vor dem Umkehrschluss hüten, dass die anderen für meine Probleme zuständig und sozusagen verpflichtet sind, mir zu helfen, und ich das fordern könnte. Das Evangelium befreit von dieser “Ich-im-Zentrum”-Perspektive. Wir können die sein, die damit anfangen, uns nach hinten zu stellen und den Nächsten nach vorn!

Was uns daran hindert, ist unser Stolz. Sind wir uns zu gut, um anderen zu dienen? Unser Stolz ekelt Gott – er ist ihm widerlich. Stolz ist der Grund, warum Menschen in die Hölle gehen. Den Ungläubigen hindert er, seine Verlorenheit und Schwachheit anzuerkennen und zu Jesus um Hilfe zu schreien.  Aber auch wir Gläubigen können geistlichen Stolz entwickeln, und das war das Problem der Galater. Stolz macht uns blind für unsere eigene Sünde und lässt uns auf denen herumhacken, die unsere Gesetze nicht befolgen. Wenn wir mal genau in den Spiegel gucken, werden wir unsere Schwachpunkte schon sehen, und dann haben wir genug an der Verantwortung für unsere eigenen Fehler und können uns über niemanden erheben.

Die Liebe gebietet uns auch, die zu unterstützen, die uns das Wort Gottes lehren. Sie nehmen damit eine gewaltige Verantwortung auf sich, denn Gott verlangt von ihnen Rechenschaft für das, was sie sagen (oder nicht sagen). Deswegen ist das auch nichts, worum man sich reißen sollte! Hier ist vor allem an materielle Güter gedacht, aber auch an geistliche Gemeinschaft, an Fürbitte, an das Abnehmen von Tätigkeiten, die den  zum Lehrdienst Beauftragten an seiner eigentlichen Aufgabe hindern (vgl. Apg.6).

Unser ganzes Leben funktioniert eigentlich nach dem Natur-Prinzip von Saat und Ernte. Wenn du Weizen säst, wächst kein Mais. Aus Apfelkernen entsteht kein Kartoffelbaum. Wer auf seine eigene Natur sät, wird von ihr den Tod ernten. Wer auf den Geist Gottes sät, wird von ihm das ewige Leben ernten. Das was du erntest, wird wesensmäßig dem entsprechen, was du gesät hast. Wir denken da oft unlogisch. Wir leben unserer eigenen Lust und wundern uns, dass wir die Gemeinschaft mit Gott verlieren. Wenn wir jede Gelegenheit ergreifen, um Gutes zu investieren, vor allem in die Gemeinde, die Familie Gottes, dann wächst auch Gutes. Wenn wir uns gehen lassen und unsere eigenen Interessen verfolgen, wird eine vergiftete Atmosphäre das Ergebnis sein.

Bei den Galatern gab es solche Menschen, die die ganze Gemeinde durcheinander brachten. Paulus deckt hier ihre wahren Motive auf. Sie wollen Ansehen in der jüdischen Community, und dafür opfern sie die Freiheit der anderen und drängen sie, sich beschneiden zu lassen. Sie wollen die Verfolgung und das Ärgernis des Kreuzes vermeiden. Der Teufel will uns immer einreden, es ginge auch ohne das Kreuz, und mit ein paar Kompromissen könnten wir die Härten entspitzen und das Ansehen der Gesellschaft gewinnen. Für Paulus dagegen ist das Kreuz die Mitte seines Lebens und seiner Botschaft. Es verurteilt sowohl die zügellose Sünde als auch die selbstgerechte Religiosität. Diese Dinge liegen hinter ihm; er ist ihnen gegenüber tot. Er weiß, dass vor Gott nicht zählt, wer wir sind und was wir tun, sondern nur die neue Schöpfung, Gottes eigenes Werk. Gottes Gnade genügt uns, und auf diesem Weg ist Frieden und Barmherzigkeit. Für diese Erkenntnis und für dieses Evangelium hat er so viel gelitten, und darum wünscht er sich nichts sehnlicher, als dass die Galater und auch wir fest dabei bleiben!

Predgt-Nachlese: Freiheit – aber nicht zum Egoismus

Predigttext: Galater 5,13-26

Freiheit hat uns Gott geschenkt – das ist die Botschaft, die Paulus den Galatern deutlich machen will. Sie haben diese Freiheit des Evangeliums verlassen und sich neu der Einhaltung von Regeln und Gesetzen verschrieben, um das Wohlgefallen Gottes zu erlangen – ein völlig aussichtsloses Unterfangen!

Wir sind frei vom Gesetz – was bedeutet das? Können wir nun tun und lassen, wozu immer wir Lust haben? Tatsache ist: Wenn wir unseren egoistischen Wünschen und Begierden folgen, so ist das nur eine andere Art von Gefangenschaft. Die Freiheit, die Paulus meint, ist die Freiheit zur Liebe und zum Dienen.

Leider ist das Leben in dieser Freiheit oft nicht die Realität christlicher Gemeinden. Statt dessen verhalten wir uns eher “tierisch”. Wenn ihr euch aber kratzt und beißt, dann passt nur auf, dass ihr euch nicht gegenseitig auffresst, muss Paulus die Galater warnen. Woran liegt es, dass wir oft so handeln, obwohl wir Kinder Gottes sind? Die menschliche Natur (das Fleisch) widerstrebt dem Geist Gottes und der Geist Gottes ebenso der menschlichen Natur. Beide stehen gegeneinander, damit ihr nicht einfach tut, was ihr wollt, erklärt er ihnen. Ähnliches finden wir in Römer 7,18: Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meiner Natur, nichts Gutes wohnt. Es fehlt mir nicht am Wollen, aber ich bringe es nicht fertig, das Gute zu tun. Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht will.

Wenn wir in der biblischen Freiheit leben wollen, müssen wir beständig wählen: Das “Fleisch”, unsere sündige, egoistische und eigenwillige Natur, ist mit Christus gekreuzigt. Wir sollen sie so ansehen, als gerichtet und erledigt. Wir sollen sie nicht nähren und pflegen und ihr irgendwelche Rechte einräumen! Statt dessen sollen wir das Auferstehungsleben Jesu, das der Heilige Geist uns vermittelt, wirksam werden lassen. Der Geist Gottes soll euer Leben bestimmen, dann werdet ihr den eigenen Begierden widerstehen können.

Was uns regiert, das zeigt sich an den “Früchten”, die wir bringen. Das sündige Natur bringt die Werke des Fleisches hervor. Sie beinhalten alles, was das Wesen dieser Welt ausmacht:  Ehebruch und alle Arten von ungeordneter Sexualität bis hin zu Orgien und wilden Partys, fehlgeleitete Religiosität wie Götzendienst (alles, was sich nicht Jesus unterordnet) und Zauberei (Esoterik und Drogen sind wieder groß in Mode), unmäßiger Alkoholgebrauch, um die Sinnlücke im Leben zu füllen, und alle Arten von lieblosem und selbstsüchtigem Verhalten. Wer darin lebt, der hat keinen Anteil am Reich Gottes.

Kann das nun einem Kind Gottes nicht passieren, dass es in so eine Sünde fällt? Und wenn doch, sind wir dann verloren? Wir kennen uns und unsere Fehlbarkeit ja nur zu gut! Auch wer Jesus liebt, kann noch sündigen, aber es ist nicht mehr sein Lebenselement. Er bereut es und bekennt es, und ihm wird vergeben. Aber: Wenn wir nun durch den Geist Gottes das neue Leben haben, so wollen wir es auch in diesem Geist führen! Dann wird auch die Frucht des Geistes in uns wachsen: Die Liebe, der Friede, die Freude, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Dann erfahren wir das Leben, von dem Jesus spricht: Wenn jemand mein Jünger sein will, dann muss er sich selbst verleugnen, er muss täglich sein Kreuz aufnehmen und mir folgen. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben meinetwegen verliert, der wird es retten. Das ist die wahre Freiheit und der Weg zu einem glücklichen und erfüllten Leben.

Predigt-Nachlese: Befreit leben

Predigttext: Galater 5

chain-297842_640Christus hat uns frei gemacht. Was bedeutet das? Wovon sind wir befreit und wozu? Das Wort Freiheit hat durch die Aufklärung eine Umdeutung erfahren im Sinn einer Befreiung von Regeln und Einschränkungen, damit man sich ausleben  und tun und lassen kann, was man will. Die biblische Definition ist aber eine andere!

Wovon sind wir befreit? Wir sind befreit von dem Todesurteil, das aufgrund unserer Sünde über uns gefällt war. Diese Freiheit wurde uns  als Geschenk ohne Verdienst oder Wiedergutmachung gegeben.  Dadurch sind wir auch frei von dem Druck, der in allen alten und neuen Religionen stets vorhanden ist: Was kann ich tun, um Gott zufrieden zu stellen? Wir wissen es schon: Nichts.

Und doch kann es passieren, dass wir das wieder vergessen, bzw. verwirrt werden wie die Galater. Zu ihnen kamen falsche Lehrer, die sagten: Der Sinn des Gesetzes ist, dass man es hält, um Gott wohlgefällig zu sein. Dafür ist es schließlich gegeben! Demgegenüber sagt Paulus: Der Sinn des Gesetzes ist es, uns unsere wurzeltiefe Unfähigkeit zu zeigen, dem Standard Gottes je zu genügen. Jesus hat das sogar noch deutlicher gemacht, indem er jeder oberflächlich-äußeren Auffassung vom Gesetz eine Absage erteilt hat: Ehebruch ist nicht erst die vollbrachte Tat, sondern schon der begehrliche Blick. Mord beginnt bei Hass im Herzen. Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist! Liebt eure Feinde! Damit stopft er unserem selbstsicheren “Das schaff ich schon!” den Mund. Und es kränkt unseren menschlichen Stolz zutiefst, dass wir zu unserer Erlösung nichts beitragen können! Genau das ist das “Ärgernis des Kreuzes”!

Den Galatern hatte man erzählt, sie müssten sich der Beschneidung unterziehen, um richtig zu Gott zu gehören. Dann müsst ihr es gleich komplett machen, sagt Paulus, und das ganze Gesetz halten! Das sagt auch Jakobus in seinem Brief (2,10): Denn wer das ganze Gesetz hält, aber in einem Punkt dagegen verstößt, der ist am ganzen Gesetz schuldig geworden. Es hat also gar keinen Zweck, es auf diese Weise zu versuchen.

Wie denn kann man Gott gefallen? Durch Glauben, durch das feste Vertrauen auf den unsichtbaren Gott, der uns verspricht, dass er uns das Opfer Jesu zurechnet und unsere Schuld vergibt. Jeder Versuch, unsere eigene Gerechtigkeit zu basteln, zeigt unsere Ablehnung seiner freien Gnade. Wenn ihr durch das Gesetz vor Gott bestehen wollt, habt ihr euch von Christus getrennt und die Gnade verloren. (Galater 5,4)

Aber wozu sind wir befreit? Um weiter zu sündigen? Um für uns selbst zu leben? Das wäre Undankbarkeit und Verachtung des Blutes Jesu! Gott hat uns befreit, um aus Liebe zu dienen. Wir sind frei, um uns ihm hinzugeben. Jesu Liebe will durch uns zueinander fließen. Wir sollen in seiner Liebe bleiben, und daran werden uns die Menschen als Jesu Jünger erkennen, nicht an unseren Regeln und Aktionen. Ein solches Leben ist Freiheit und Freude. Selbstbezogenheit dagegen lässt das Herz leer.

Paulus hat ziemlich harte Worte für die Irrlehrer, die die Galater so durcheinander gebracht haben. Das liegt daran, dass er die Gemeinde liebt!  Die falschen Verkündiger werden ihr Urteil bekommen. Die Galater (und wir) sind verantwortlich, jede Verkündigung darauf abzuklopfen, ob sie der ursprünglichen Botschaft entspricht und kein anderes Evangelium anzunehmen. Der Apostel spricht sein Vertrauen Gott gegenüber aus, dass er Einsicht bei ihnen bewirken wird – weil Gott sein angefangenes Werk nicht lässt, auch wenn wir uns manchmal verirren.

Bildquelle: pixabay.com

Predigt-Nachlese: Gesetzlichkeit – was steht auf dem Spiel?

Predigttext: Galater 4,1-20

In die Gemeinde der Galater war die Irrlehre eingedrungen. Das Opfer Jesu wurde als nicht ausreichend herabgewürdigt, während die Galater sich selbst aufwerteten als solche, die zu ihrer eigenen Erlösung beitragen konnten durch das Halten des Gesetzes.

Im Brief an die Römer hatte Paulus seine Theologie entfaltet: Das Gesetz hat uns nichts genützt, um vor Gott zu bestehen. Es hat uns nur davon überführt, dass wir schuldig sind. Gerettet werden wir nur durch den Glauben an das, was Jesus für uns getan hat. Den Galatern schreibt er: Das Gesetz war ein strenger Erzieher. Es verlangt Leistung, genau wie diese Welt. Das Prinzip ist: Du kriegst, was du verdienst. Bringst du trotz aller Anstrengung die Leistung nicht, dann hast du ein Problem und keine Chance, es zu lösen.

Aber dann kam Jesus und machte diesem Zustand ein Ende. Er wartete nicht auf unsere Vorleistung – er kannte ja unsere Ohnmacht, sie zu bringen – sondern starb für uns, seine Feinde. Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren … Denn durch den Tod seines Sohnes hat Gott uns ja schon versöhnt, als wir noch seine Feinde waren (aus Römer 5). Seine Liebe war schon da, ehe wir ihn überhaupt lieben konnten.

Er tat das, als die Zeit erfüllt war. Alles passte: Das politische und geografische Setting des römischen Reiches, das Nordafrika, Asien und Europa verband, die Dominanz und Verbreitung des Griechischen als Weltsprache – das alles machte die schnelle Verbreitung der guten Botschaft möglich und den Bau des Reiches Gottes aus Juden und Heiden, Sklaven und Freien, Männern und Frauen, die eins und gleichwertig sind in Christus. Gott macht sie alle zu Erben der Verheißung. Er gibt ihnen den Geist seines Sohnes, so dass sie ihn  vertrauensvoll mit “Abba” (Papa) anreden.

Nachdem Gott das alles getan hat, fragt Paulus, wollt ihr wirklich zurück zu diesem aussichtslosen Leistungsprinzip? Er ist richtig verzweifelt. Habe ich denn vergeblich an euch gearbeitet? Seid wie ich! Er hatte das alles hinter sich gelassen, als wertlosen Dreck erkannt. Nachdem er die Religion der Werke bis zum Extrem gelebt hatte, war er Jesus begegnet, und nun wollte er nichts anderes mehr als die zugesprochene Gerechtigkeit, die Gott dem Glaubenden gibt.

Er muss feststellen, wie sehr die Galater sich geändert haben. Als er ihnen das Evangelium verkündigt hatte, hatten sie es trotz seiner Schwachheit angenommen. Sie waren dankbar und voller Liebe ihm gegenüber gewesen. Jetzt sind  sie feindselig geworden und können die Wahrheit nicht ertragen. Gesetzlichkeit macht hart; sie ist ein Liebes- und Freudenkiller. Aber Paulus will sie all dem nicht überlassen. Er kämpft um sie! Er liegt sozusagen in Wehen, bis er wieder sieht, dass Christus in ihnen Gestalt gewinnt. Das sollten wir auch tun: Verirrte nicht einfach ziehen lassen, sondern um sie kämpfen mit Wahrheit und Liebe.

Predigt-Nachlese: Gott bricht die Mauer ab

Predigttext: Apostelgeschichte 10,1-24

Die Gemeinde, an Pfingsten durch den Heiligen Geist “geboren”, wuchs durch die Verkündigung der Apostel in Jerusalem. Als dann eine heftige Verfolgung ausbrach, und die Jesus-Leute sich überallhin zerstreuen mussten, wurde die Botschaft unter den Juden in anderen Städten verbreitet, und auch dort kamen viele zum Glauben. Schließlich hörte auch das Mischvolk der Samariter von Jesus; auch dort erkannten Menschen die Wahrheit, ließen sich taufen und empfingen den Heiligen Geist. Damit wurden sie hineingepflanzt in das neue Volk Gottes. Aber noch fehlten die Heiden. Jesus hatte zwar gesagt: Verkündigt das Evangelium allen Völkern!, aber um das zu verwirklichen, mussten die Herzen seiner Mitarbeiter einem Prozess des Umdenkens unterzogen werden.

Bei Petrus war da schon einiges geschehen, sonst hätte er nicht bei einem Gerber wohnen können. Aber er sah sich immer noch als Juden. Er hatte die Gnade erfahren, aber das Gesetz Israels war für ihn Teil seiner Identität. Die Speisegesetze z.B.zogen eine scharfe Linie zwischen Juden und Heiden, Gesetze die Gott einst erlassen hatte, um sein Volk aus seiner heidnischen Umwelt auszusondern und als heilig zu kennzeichnen. Durch diese und andere Vorschriften war eine Mauer zwischen dem auserwählten Volk und dem Rest der Welt, die für eine Zeit einen Sinn hatte, aber jetzt abgebrochen werden musste, weil die Gläubigen durch Tod und Auferstehung Jesu eine neue, gemeinsame Identität bekamen. Den Heiden-Christen in Ephesus schreibt Paulus später (Epheser 2,11ff): Ihr wart damals von Christus getrennt, vom Bürgerrecht Israels ausgeschlossen und standet den Bündnissen Gottes und den damit verbundenen Zusagen als Fremde gegenüber. Ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt. Doch jetzt seid ihr, die ihr damals Fernstehende wart, durch die Verbindung mit Jesus Christus und durch sein Blut zu Nahestehenden geworden. Denn er selbst ist unser Friede, er, der aus beiden eine Einheit gemacht und durch sein körperliches Sterben die Mauer der Feindschaft niedergebrochen hat.

In unserem Text sehen wir nun, wie Gott zwei Männer vorbereitet und zusammenbringt, um seinen Plan umzusetzen.

  • Da ist Cornelius, ein heidnischer Hauptmann, an dessen Herzen er schon gewirkt hat. Cornelius ist ein gottesfürchtiger Mann: Er hat den heidnischen Götzenkult hinter sich gelassen, er betet zum Gott Israels, er ist freigebig, er sucht den wahren Gott aus ganzer Seele. Gott, der ihn erwählt hat, ist schon dabei, ihn zu sich zu ziehen. Nun ist die richtige Zeit gekommen: Ein Engel erscheint ihm, ermutigt ihn und sagt ihm, wo der Mann zu finden ist, den er holen soll, damit er ihm die Worte sagen kann, nach denen er sich schon lange sehnt.
  • Dieser Mann ist Petrus. Auch Petrus hat eine Erscheinung, während er betet. Ein Tuch mit unreinen Tieren kommt aus dem Himmel herunter, und er wird aufgefordert, zu schlachten und zu essen. Aber das kann er doch nicht tun! Was verlangt Gott denn da von ihm? Nie im Leben hat er so etwas angerührt! Da wird ihm erklärt: Was Gott für rein erklärt hat, halte du nicht für unrein. Das passiert dreimal und lässt ihn ziemlich verwirrt zurück. Dann stehen die Boten von Cornelius vor seiner Tür, und der Heilige Geist spricht zu ihm: Da sind drei Männer, die dich suchen. Steh auf und geh nach unten! Du kannst ihnen ohne Bedenken folgen, denn ich habe sie geschickt. Die Männer tragen das Anliegen von Cornelius vor, und er nimmt sie in das Haus auf, isst mit ihnen, und zieht am nächsten Tag mit ihnen fort.

Gott hätte Cornelius ja auch gleich das Evangelium “verraten” können, aber er benutzt Petrus dazu. Es ist ein wunderbares Privileg, in seine Pläne eingebunden zu werden. Er will sie durch menschliche Instrumente ausführen, und er will die die Einheit seiner Gemeinde deutlich machen.

Wenn Gott uns aus unseren Traditionen und tief verwurzelten Denkmustern (die auch nicht immer komplett falsch sein müssen) herauslöst, um uns in der Gnade zu verankern, läuft das nicht immer komplikationslos. Wir sehen auch im Lauf der Jahre, dass Petrus da leicht zu verunsichern war und dem Druck der Gestzestreuen nicht immer stand hielt. Auch in unserem Leben bleibt es ein ständiger Kampf, für unsere Annahme bei Gott nicht auf Regel- und Gesetzeserfüllung zu vertrauen, sondern allein auf die Reinigung durch das Blut Jesu.

Predigt-Nachlese: Gestorben, um zu leben

“Wir sind frei vom Gesetz,” sagen die Liberalen ,”wir können tun und lassen, was wir wollen, und die Gnade ist uns sicher.” “Von wegen,” sagen die Konservativen, “Jesus hat gesagt, dass am Gesetz kein Abstrich gemacht werden darf! Er ist gekommen, um das Gesetz zu erfüllen! So leicht können wir es uns nicht machen.”

Wer hat nun recht?

Alle Christen sind sich eigentlich einig, dass wir Sünder sind und das Gesetz Gottes nicht halten können. Deswegen ist Jesus gestorben. Wir kommen zu ihm und bitten um Vergebung. Aber dann – wie geht es weiter? Müssen wir uns danach nicht anstrengen, jetzt besser zu leben?

Das Gesetz des Alten Testamentes ist Gottes gerechtes, unwiderrufliches Gesetz. Es hat eine Hauptfunktion: Uns zu zeigen, dass wir Sünder sind, die den Maßstäben und Forderungen Gottes nie gerecht werden können. Es spricht uns das Todesurteil.

Jesus hat das Gesetz bestätigt und erfüllt bis zu diesem bitteren Ende: Unser Todesurteil ist an ihm vollstreckt worden.

Hat das Gesetz nach dem Todesurteil noch eine Funktion? Nein! Da ist niemand mehr, den es verurteilen könnte! Paulus sagt: Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben…..ich bin mit Christus gekreuzigt. Im Römerbrief erklärt er es am Beispiel einer verheirateten Frau: So lange der Mann lebt, ist sie an ihn gebunden. Wenn er gestorben ist, kann sie heiraten, wen sie will. Das Gesetz und wir haben keine Beziehung mehr zueinander. Wir sind jetzt frei, eine neue Verbindung einzugehen! Wir gehören jetzt Jesus, damit wir für Gott Frucht bringen.

Nachdem nun unser Gott-loses, ichsüchtiges Leben (in biblischer Terminologie der alte Mensch oder das Fleisch mit seinen Begierden und Lüsten) am Kreuz hingerichtet ist, gibt Gott uns seinen Geist für ein neues Leben. So wie der Tod Jesu unser Tod war, so wird jetzt sein Leben unser Leben. Jesus wird also kein “Zubehör” in unserem Leben, sondern der, von dem alles ausgeht und der alles bestimmt. In der Praxis unseres Lebens ist das zuerst eine Grundentscheidung und dann ein wachstümlicher Prozess: Immer weniger Ich und immer mehr Er.

Dabei besteht immer die Gefahr, vor der uns der Galaterbrief warnen will: Dass wir vergessen, dass sowohl unsere Errettung als auch unsere Heiligung nicht unser Werk sind. Wir können Gott nichts bringen; wir sind immer auf der Empfängerseite und zu 100% auf den Tod Jesu für uns und sein Leben in uns angewiesen.

Der Predigttext war Galater 2,193,5

andere relevante Bibelstellen Römer Kapitel 6, 7 und 8