Archiv der Kategorie: Identität in Christus

Wer bin ich?

baby-1181335_1920Vor einiger Zeit stieß ich in einem alten Artikel der Jüdischen Allgemeinen darauf, dass das (orthodoxe) Judentum keine Adoption kennt. Das hängt damit zusammen, dass allein die biologische Abstammung darüber entscheidet, ob z.B. jemand Priester oder Levit sein kann mit den entsprechenden Pflichten und Privilegien. Insofern begründet eine zivilrechtliche Adoption nie ein echtes verwandtschaftliches Verhältnis.

Das hat in mir die Frage aufgeworfen, ob es eigentlich stimmt, wenn wir sagen, dass Gott uns adoptiert hat. In gewisser Weise ist das ein schönes Bild: Jemand, der ursprünglich nicht dazugehört, der allein und verloren ist, wird in die Familie aufgenommen und erhält alle Privilegien und das Erbrecht. Wie kommt allerdings der Adoptionsgedanke in die Bibel, wenn das Judentum ihn überhaupt nicht kennt? Es wäre natürlich noch das römische Adoptions-Konzept in Betracht zu ziehen, zumal die betreffenden biblischen Briefe an Christen aus den Heiden geschrieben waren. Dort war Adoption vor allem in der Oberschicht beliebt. Es war sowohl möglich, Jungen oder auch erwachsene Männer zu adoptieren, um Erben zu haben und den Einfluss der Familie zu sichern, als auch überzählige eigene Söhne als Adoptivkinder zu verkaufen. Es gab einige Kaiser, die Adoptivsöhne waren, was natürlich ein gutes Beispiel dafür ist, was Adoption aus einem machen kann!

Es gibt einige Verse, in denen die englische King James Bibel den Ausdruck “adoption” benutzt,  so in Römer 8,15, Epheser 1,5 und Galater 4,5. In der Elberfelder und der Schlachter-Bibel steht an all diesen Stellen das Wort “Sohnschaft”. Ich bin leider des Griechischen nicht mächtig, um die wirkliche Bedeutung des Wortes im Urtext beurteilen zu können. Trotzdem scheint mir, dass zumindest unsere heutige Vorstellung von Adoption dem, was mit uns passiert ist, nur teilweise gerecht wird.

Denn (fast) jedes Adoptivkind stellt sich irgendwann die Frage: Wer bin ich? Wer sind meine biologischen Eltern? Woher hab ich die Nase und die Augen, die Begabungen und die Schwächen? Nicht alles lässt sich ja auf das Umfeld zurückführen.

Und so stellt sich auch für uns als Christen die Frage: Wer bin ich eigentlich? Was ist meine Abstammung? Was unsere natürliche Herkunft betrifft, so wissen wir: Wir waren Sünder. Wir gehörten zum Reich der Finsternis. Wir waren tot in Sünden und Vergehungen. Aber wir sind  nicht einfach die Alten in einem neuen Zuhause, sondern wir sind von Neuem geboren worden. Wir haben einen neuen Geist bekommen, und dieser Geist ruft in uns: “Abba, Vater! “ Wir haben Anteil an seiner göttlichen Natur und Wesensart bekommen, völlig “begabt”, um dieses neue Leben zu leben. Wir sind eine neue Schöpfung, etwas, was vorher nicht da war. Durch diese Neuschöpfung haben wir eine neue Abstammung: 

Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem. Aus diesem Grund schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen (Hebräer 2,11).

Durch Christus, der Fleisch und Blut angenommen hat und der uns heiligt, sind wir zu Menschen geworden, die von Gott “abstammen”, nicht in dem Sinn, dass wir zu Göttern werden, aber dass wir wieder das Bild dessen tragen, der uns erschaffen hat.

Ach, sagst du, schöne Theorie! In der Praxis merke ich wenig davon!

Das muss aber nicht so bleiben. Gott will, dass wir unser neues Leben auch leben. Dazu müssen wir aber bereit sein, unser altes Leben loszulassen. Die Bibel spricht vom “Ausziehen” des alten Menschen. Das bedeutet: 1. dass ich die alten Lumpen nicht mehr haben will und sie bewusst ausziehe, indem ich meine Sünden anerkenne, bekenne und lasse, sooft das nötig ist, und 2. meine neue Identität von ganzem Herzen im Glauben umarme, mit all den Konsequenzen an Leiden, die das in dieser Welt mit sich bringt. Da wir noch hier leben, werden wir abgelehnt und missverstanden und vielleicht verfolgt werden wie der Gott, dessen Kinder wir sind. Wenn wir mitleiden, werden wir miterben. Eine halbe Kindschaft gibt es nicht.

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Der Psalm 91 wurde in letzter Zeit sehr viel zitiert. Was bedeutet es, wenn Gott uns verspricht, dass uns kein Unglück begegnen wird? Heißt das, das Christen gegen Leid und Katastrophen und Pandemien immun sind? Wie passt das zusammen mit anderen Bibelversen, die von Leid, Bedrängnis und Verfolgung sprechen? Mit dieser Frage befasst sich dieser Artikel von John Piper.

Mehr Toleranz oder mehr Konsens? Was dient der Einheit? Dr.Markus Till hat seine Gedanken dazu bei der Leiterkonsultation des Netzwerks Bibel und Bekenntnis dargelegt. Ein wichtiger Artikel, der zeigt, dass die Bezeichnung “evangelikal”  nicht mehr ausreicht, um unsere Einheit in Christus zu begründen. Der Liberalismus hat längst mitten unter uns Fuß gefasst. Es ist Zeit, aufzuwachen und zur Grundlage christlicher Einheit zurückzukehren.

Livestream-Gottesdienste sind besser als nichts, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, aber wir sollten a) richtig – nicht wie Konsumenten – damit umgehen und uns b) das Unbehagen bewahren und uns nicht häuslich darin einrichten. Kai Soltau hat einen offenen Brief an seine Gemeinde verfasst. Auch wenn unsere Situation im Moment nicht so restriktiv ist wie in Österreich durchaus bedenkenswert. Und besonders liegt mir persönlich sein Schluss am Herzen: “Ich höre von so vielen Gemeinden, die sich wegen der Entscheidungen, die zur Zeit getroffen werden, gespalten haben. Brüder und Schwestern, dies ist keine Zeit in der Gemeinde zu kämpfen. Dies ist nicht die Zeit für Stolz. Dies ist die Zeit für das Gebet. Dies ist die Zeit für die Einheit.”

Lebst du ein revolutionäres Leben?  Rahel Fröse will uns ermutigen, unsere Identität nicht in Erfolg, Karriere und Materialismus zu finden, sondern in Jesus und der Zugehörigkeit zu ihm.