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Das schwierige Hier und Jetzt und der Blick auf das Ziel

Photo by <a href="https://unsplash.com/@yosef_fxum?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText">Yosef Futsum</a> on <a href="https://unsplash.com/s/photos/goal?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText">Unsplash</a>Ich habe gerade eine Biografie Hudson Taylors gelesen. Was mich am meisten beeindruckt hat – neben dem Glauben dieses Mannes – , war sein großes Durchhaltevermögen trotz all des Widerstandes aus den Reihen seiner Mitgläubigen und der häufigen Machtkämpfe und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Mission. Das alles kann man nur aushalten, wenn man 1. Gott vertraut, dass sich sein Plan trotzdem erfüllt, und 2. einen Blick weit darüber hinaus hat, eine Hoffnung und ein Ziel.

Nun ist mir heute in meiner stillen Zeit das gleiche Motiv wieder begegnet. Ich bin mit meiner Bibellese gerade im Lukasevangelium bei dem letzten Passafest, das Jesus mit seinen Jüngern feiert.

Sie sind die Menschen, die Gott ihm gegeben hat, die er so sehr liebt, in die er Tag und Nacht investiert hat, mit denen er Großes vorhat. Er hat sich von ganzem Herzen danach gesehnt, dieses Passa zum letzten Mal in dieser Welt mit seinen Freunden zu feiern. Er sieht klar, was vor ihm liegt:  die volle Entladung von finsterstem Hass, Verleumdung, falsche Anklage, offener Rechtsbruch, Folter, Tod und Schande. Wenn man jemals Freunde bräuchte, dann jetzt. Er weiß auch, dass einer von ihnen sein Verräter sein wird, aber das weiß er schon länger. Aber nun … fangen diese Freunde, mit denen er gerade versucht hat, über diesen Verrat und seinen Tod zu sprechen, einen Streit an: Wer unter uns ist denn der Wichtigste? Wer ist hier der Chef? Und nachdem Jesus ihnen geduldig und mit Beispiellektion noch einmal erklärt hat, wie sie eigentlich denken und handeln sollten, sagt er ihnen, wo er diese Chaoten in der Zukunft sieht: Auf zwölf Thronen in seinem Reich als Richter über die zwölf Stämme Israels.

Aber im Hier und Jetzt wird Petrus ihn erst mal verleugnen. Diesen Nazarener? Kenn ich nicht. Keine Ahnung, hab ich nichts mit zu tun! Was sagt Jesus ihm? Das wirst du tun, aber du wirst zurückkommen zu mir und deinen Brüdern eine große Hilfe sein.

Dann hat Jesus noch einen großen Kampf auszufechten. Er muss sich gegen seine Angst ganz dem Willen des Vaters übergeben, und auch wenn er das nur allein tun kann, so wäre es doch schön, wenn seine Freunde mit ihm wachen würden. Aber sie sind einfach nur schwache Menschen, sie schaffen es nicht. Die Depression umfängt ihre Seele, und sie flüchten vor der harten und unausweichlichen Realität in den Schlaf, statt sich ihr zu stellen. Sie verstehen nicht, wie man geistlich kämpft, sie verstehen sich nur auf fleischliches Kämpfen, und den Schaden, den Petrus mit seiner “Hilfe” anrichtet, muss Jesus dann auch noch reparieren.

Und ach! ich erkenne mich so sehr selbst in ihnen, und ich erkenne meine Brüder und Schwestern. Wir neigen ja dazu, wenn Leute uns auf die Nerven gehen, ihre Echtheit anzuzweifeln und von “sogenannten Gläubigen” zu sprechen (nur wir sind immer echte Gläubige). Jesus tut das nicht (Judas ist eine Ausnahme). Nein, er verordnet ihnen ein Reich, er betet für den schwachen Petrus, er macht aus Petrus’ blödsinniger Verteidigungsaktion ein Heilungswunder, und er geht seinen Weg geradeaus und allein und liebt sie trotzdem. Er sieht durch alle Offensichtlichkeiten hindurch: Von nun an wird der Sohn des Menschen sitzen  zur Rechten der Macht Gottes (Lukas 22,69).

In Hebräer 12,1-3 wird uns das Geheimnis des Durchhaltens so beschrieben:

… lasst uns mit Ausdauer laufen in dem Kampf, der vor uns liegt,  indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete und dabei die Schande für nichts achtete, und der sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat.  Achtet doch auf ihn, der solchen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet und den Mut verliert!

In the morning when I rise …

… give me JESUS!

silhouette-3275055_1280Vor einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, meinen Tag mit einem oder mehreren Lobliedern zu beginnen, um meinen Fokus  gleich richtig zu setzen. Ganz besonders ermutigend finde ich dabei immer wieder die alten und gehaltvollen Lieder von Paul Gerhard, die so reich sind an Wahrheiten, an die man gar nicht oft genug erinnert werden kann. Natürlich gibt es auch neuere gute Jesus-zentrierte Lieder.

Aber gelegentlich möchte ich auch eigene Worte benutzen. Diese Woche hatte ich das Bedürfnis, mal aufzuschreiben, was Jesus alles  für mich ist. Um das bei meinem Morgenlob singen und mich daran freuen zu können, hab ich es ein bisschen “in Form gebracht”.

Du bist mein Schöpfer und der mich erhält.
Ehe die Welt war, hast du mich erwählt.
Du bist mein Retter, mein Erlöser und mein Heil,
du bist mein Erbe und mein ew’ges Teil.

Du, Gottes Liebling und eingeborner Sohn,
du König auf dem allerhöchsten Thron,
du kamst und gabst dich hin als Opferlamm.
Doch bist du Löwe auch aus Judas Stamm.

Du bist mein Arzt, mein Helfer und mein Freund,
hast dich in Fleisch und Blut mit uns vereint,
bist  wahrer Mensch, der uns seine Brüder nennt,
der unsere Schwachheit und Versuchung kennt.

Du bist der Auferstandene in Kraft,
der in uns das ihm Wohlgefällige schafft,
bist Herzenskenner, Hirte, der uns führt,
in uns das Feuer seiner Liebe schürt.

Du hast das Herz des Vaters uns gezeigt,
der sich dem Elenden entgegenneigt,
zu den Zerbrochenen sanftmütig und zart,
doch zu den Stolzen unnachgiebig hart.

Du bist der Richter über diese Welt,
wirst richten, was sich Gott entgegenstellt.
Du bringst die Wahrheit und das Recht ans Licht,
und was sich noch verbirgt, entgeht dir nicht.

Für die Gemeinde hier bist du das Haupt,
der den sie liebt, dem sie vertraut und glaubt,
der Bräutigam, dem sie entgegen geht,
um dessen Kommen sie beständig fleht:

Komm, Herr Jesus, komm!

Wer bin ich?

baby-1181335_1920Vor einiger Zeit stieß ich in einem alten Artikel der Jüdischen Allgemeinen darauf, dass das (orthodoxe) Judentum keine Adoption kennt. Das hängt damit zusammen, dass allein die biologische Abstammung darüber entscheidet, ob z.B. jemand Priester oder Levit sein kann mit den entsprechenden Pflichten und Privilegien. Insofern begründet eine zivilrechtliche Adoption nie ein echtes verwandtschaftliches Verhältnis.

Das hat in mir die Frage aufgeworfen, ob es eigentlich stimmt, wenn wir sagen, dass Gott uns adoptiert hat. In gewisser Weise ist das ein schönes Bild: Jemand, der ursprünglich nicht dazugehört, der allein und verloren ist, wird in die Familie aufgenommen und erhält alle Privilegien und das Erbrecht. Wie kommt allerdings der Adoptionsgedanke in die Bibel, wenn das Judentum ihn überhaupt nicht kennt? Es wäre natürlich noch das römische Adoptions-Konzept in Betracht zu ziehen, zumal die betreffenden biblischen Briefe an Christen aus den Heiden geschrieben waren. Dort war Adoption vor allem in der Oberschicht beliebt. Es war sowohl möglich, Jungen oder auch erwachsene Männer zu adoptieren, um Erben zu haben und den Einfluss der Familie zu sichern, als auch überzählige eigene Söhne als Adoptivkinder zu verkaufen. Es gab einige Kaiser, die Adoptivsöhne waren, was natürlich ein gutes Beispiel dafür ist, was Adoption aus einem machen kann!

Es gibt einige Verse, in denen die englische King James Bibel den Ausdruck “adoption” benutzt,  so in Römer 8,15, Epheser 1,5 und Galater 4,5. In der Elberfelder und der Schlachter-Bibel steht an all diesen Stellen das Wort “Sohnschaft”. Ich bin leider des Griechischen nicht mächtig, um die wirkliche Bedeutung des Wortes im Urtext beurteilen zu können. Trotzdem scheint mir, dass zumindest unsere heutige Vorstellung von Adoption dem, was mit uns passiert ist, nur teilweise gerecht wird.

Denn (fast) jedes Adoptivkind stellt sich irgendwann die Frage: Wer bin ich? Wer sind meine biologischen Eltern? Woher hab ich die Nase und die Augen, die Begabungen und die Schwächen? Nicht alles lässt sich ja auf das Umfeld zurückführen.

Und so stellt sich auch für uns als Christen die Frage: Wer bin ich eigentlich? Was ist meine Abstammung? Was unsere natürliche Herkunft betrifft, so wissen wir: Wir waren Sünder. Wir gehörten zum Reich der Finsternis. Wir waren tot in Sünden und Vergehungen. Aber wir sind  nicht einfach die Alten in einem neuen Zuhause, sondern wir sind von Neuem geboren worden. Wir haben einen neuen Geist bekommen, und dieser Geist ruft in uns: “Abba, Vater! “ Wir haben Anteil an seiner göttlichen Natur und Wesensart bekommen, völlig “begabt”, um dieses neue Leben zu leben. Wir sind eine neue Schöpfung, etwas, was vorher nicht da war. Durch diese Neuschöpfung haben wir eine neue Abstammung: 

Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem. Aus diesem Grund schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen (Hebräer 2,11).

Durch Christus, der Fleisch und Blut angenommen hat und der uns heiligt, sind wir zu Menschen geworden, die von Gott “abstammen”, nicht in dem Sinn, dass wir zu Göttern werden, aber dass wir wieder das Bild dessen tragen, der uns erschaffen hat.

Ach, sagst du, schöne Theorie! In der Praxis merke ich wenig davon!

Das muss aber nicht so bleiben. Gott will, dass wir unser neues Leben auch leben. Dazu müssen wir aber bereit sein, unser altes Leben loszulassen. Die Bibel spricht vom “Ausziehen” des alten Menschen. Das bedeutet: 1. dass ich die alten Lumpen nicht mehr haben will und sie bewusst ausziehe, indem ich meine Sünden anerkenne, bekenne und lasse, sooft das nötig ist, und 2. meine neue Identität von ganzem Herzen im Glauben umarme, mit all den Konsequenzen an Leiden, die das in dieser Welt mit sich bringt. Da wir noch hier leben, werden wir abgelehnt und missverstanden und vielleicht verfolgt werden wie der Gott, dessen Kinder wir sind. Wenn wir mitleiden, werden wir miterben. Eine halbe Kindschaft gibt es nicht.

Risiken und Nebenwirkungen

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Wir haben das Leben gern glatt und freundlich, die Pläne gelingend, die Beziehungen harmonisch, den Weg ohne Stolpersteine. Oft denken wir, dass sei ein Zeichen für den Segen Gottes. Aber der Alltag mit Gott ist manchmal ungemütlich, herausfordernd und verwirrend. Es gibt unangenehme Überraschungen. Manchmal sind wir sehr allein. Manchmal bringt es uns Vorwürfe und Unverständnis ein. Menschen fühlen sich verletzt, ohne dass wir das ändern könnten.

Ein paar kleine Beispiele aus den Evangelien, die mir in den letzten Tagen untergekommen sind:

Zebedäus ist mit seinen Söhnen Johannes und Jakobus und einigen Tagelöhnern dabei, die Fischernetze ihres kleinen Familienbetriebs zu reparieren, als Jesus vorbeikommt und die beiden ruft: “Kommt, folgt mir nach!” Gucken sie Zebedäus noch mal an und er nickt und sagt: “Geht nur, Jungs!”, oder starrt er ihnen mit offenem Mund hinterher und schreit dann: “He! Wir haben alle Hände voll zu tun, ihr könnt jetzt hier nicht einfach abhauen! Ich kann nicht noch mehr Leute einstellen!” ? Wir hören von dem Vater weiter nichts mehr. Seine Frau hat sich jedenfalls auch Jesus angeschlossen.

Oder stell dir mal vor, du bist von Jesus so begeistert, dass du ihm dein Haus zur Verfügung stellst, um zu predigen und zu heilen. Und es wird voll und voller. Vor der Tür stapeln sich die Leute. Hoffentlich muss jetzt keiner aufs Klo … Auf einmal hörst du über dir was klopfen und scharren. Sand, Mörtel, Asche, Steine und Grasbrocken rieseln in die vielen Gesichter, die sich fragend nach oben wenden. “Was machen die da?”, fragst du dich entsetzt, während das Loch in deiner Decke sich Stück für Stück vergrößert, bis vier rotgeschwitzte Gesichter dadurch nach unten schauen. Jetzt haben sie Jesus erspäht, und jetzt wird auch klar, was sie vorhaben: An Seilen lassen sie den fünften Mann auf einer Matte hinunter, genau vor Jesu Füße. Und ja, es wird wunderbar und du erlebst die Kraft Gottes zu  vergeben und zu heilen, und zusammen mit der ganzen Volksmenge in deinem Haus bist du hin und weg und beeindruckt und glückselig. Komischerweise machen sie dem Geheilten dann Platz, als Jesus ihn heimschickt. Und da kommst du wieder zu dir und guckst leicht verzweifelt nach oben und denkst: “Hätten sie ihm nicht auch auf dem Hinweg Platz machen können? Dann wäre mir das erspart geblieben.” Ich frage mich immer, ob das vielleicht das Haus von Petrus war, und er daran denkt, wenn er schreibt: “Seid gastfrei ohne Murren!”

Aber wenn wir bei Petrus und seiner Frau sind: Die hatte öfter die Bude voll, und sicher hing auch ihr Herz an Jesus, spätestens seit er ihre Mutter geheilt hat. Aber ob sie und die Frauen der anderen Jünger immer begeistert waren, dass sie so viel allein waren? Dass die Papas sogar das Passafest nicht mit der Familie feierten, sondern mit Jesus? Ganz zu schweigen von den Ängsten, die sie um ihre Männer ausgestanden haben müssen als die Feindseligkeit gegen Jesus sich zusammenbraute. Und nach Pfingsten wurde es noch schlimmer.

Das Leben als Christ ist wunderbar, aber es hat ganz alltägliche Risiken und Nebenwirkungen, und wir sollten uns nicht darüber wundern, wenn wir auch solche Geschichten erleben. Sie bedeuten nicht, dass irgendwas verkehrt läuft.

Gnade und Recht: Von Gläubigern und Schuldnern

Diese Geschichte, die Jesus erzählt hat, ist sehr aufwühlend.

Zu Anfang ein Disclaimer: In Mathe war ich schon immer ganz schlecht. Wenn ich also hier irgendwas falsch berechne, dann bitte ich um einen freundlichen Hinweis.

Da war ein König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Nachdem alle Zahlen vorliegen, werden die Schuldner einbestellt. Nun wird ihm einer gebracht, der schuldet ihm 10.000 Talente. Ein Talent sind 6000 Drachmen oder Denare (je nachdem ob man in griechischer oder römischer Währung rechnet). Der Tageslohn eines Arbeiters betrug, wie wir aus einem anderen Gleichnis wissen, etwa 1 Denar. Dieser arme Mensch hatte sich also mit 60.000.000 ein bisschen übernommen. Wie er das geschafft hat, wissen wir nicht, vielleicht war er ein Trinker oder Spieler, vielleicht gab es mehrere Dürren, vielleicht hat er unkluge Investitionen getätigt oder war ein Angeber, der seinen Freunden imponieren wollte, vielleicht konnte er zu den Wünschen von Frau und Kindern nie nein sagen, oder oder … und nun sieht er sich dieser völlig überwältigenden Forderung gegenüber, das jetzt zurückzuzahlen. Und alles, was er dazu sagen kann, ist zitternd zuzugeben: „Ich habe es nicht.“

Nun setzt das Rechtssystem ein. Schulden sind Schulden und müssen bezahlt werden. Er ist verantwortlich. Also sollte sein Besitz verkauft werden, und er, seine Frau und seine Kinder sollten als Sklaven arbeiten, bis das alles abbezahlt wäre. Keine Ahnung, was sein Besitz wert war. Aber wenn wir das mal in Arbeitsleistung umrechnen, dann sieht das etwa so aus:

60.000.000 Denare : 1 Denar Tageslohn = 60.000.000 Arbeitstage : 313 Arbeitstage (ich gewähre den Sklaven mal auch einen Sabbat) sind 191.693 Jahre Arbeit. Nehmen wir mal an, der gute Mann hätte 10 Kinder, dann könnte man das durch 12 teilen und käme auf knapp 16.000 Jahre. Selbst wenn sein Grundbesitz noch etwas einbringt, ist klar: Es ist völlig aussichtslos. Sie würden niemals rausgekommen aus der Schuldenfalle, selbst wenn Kost und Logis frei wären.

Aber der Knecht versucht zu verhandeln. Er fällt vor dem König auf die Knie und bettelt: „Hab noch ein bisschen Geduld mit mir! Ich will dir alles bezahlen!“

Das ist natürlich ein Witz. Er weiß das. Der König weiß das. Der König weiß, dass er das weiß, und er weiß, dass der König das weiß. Aber vielleicht … lässt er ja mit sich reden?

Und ja: Der König sieht diesen armen Tropf da knieen, und der König ist reich, und er hat ein Herz. Er will diese Familie nicht ins Unglück stürzen, das macht ihm überhaupt keinen Spaß. Er ist nicht der Typ, der Leute gerne leiden sieht, und auch wenn er völlig im Recht ist, kann er auch ohne diese 60.000.000 Denare weiterleben. Er könnte jetzt wenigstens etwas herausholen, vielleicht aus pädagogischen Gründen, aber er will diesem Mann eine echte Chance geben, ihm Haus und Grundstück lassen, so dass er noch mal von vorne anfangen kann.

Er sagt: „Ich erlasse dir die ganze Schuld. Du kannst gehen.“

Der Mann geht heim wie im Traum. Er hat Gnade erfahren. Er ist auf Null und kann neu anfangen, am besten etwas verantwortlicher.

Da fällt ihm etwas ein. Der Fritz schuldet ihm noch 100 Denare. Die könnte er jetzt gut selber gebrauchen. Außerdem, hätte der Fritz, der Lump, nicht diese Schulden bei ihm, hätte er beim König nur 59.999.900 Denare Schulden gehabt. Wäre der Fritz nicht so ein unzuverlässiger Zahler … der Fritz ist an allem schuld! Den wird er sich vorknöpfen!

Er sucht den Fritz und findet ihn auch. Er packt ihn sich und würgt ihn, damit es völlig klar ist, dass er es ernst meint. „Zahle mir mein Geld zurück! Jetzt!“

Fritz kriegt Panik, denn er hat das Geld nicht. Und ob du 60.000.000 oder 100 Denare nicht hast – wenn du sie bezahlen musst, ist Nichts immer das gleiche Nichts und jede Forderung bedrohlich. Also fällt er auf die Knie und fleht: „Hab noch ein bisschen Geduld mit mir! Ich will dir alles bezahlen!“ – was uns irgendwie bekannt vorkommt und in diesem Fall vielleicht sogar nicht ganz so unrealistisch ist.

Aber sein Gläubiger kennt weder Barmherzigkeit noch Kompromisse. Er kann die Schuld des anderen auch beweisen, und so kommt der arme Fritz ins Gefängnis.

Nun haben einige Knechte des Königs das mitbekommen. Sie sind über dieses Verhalten sehr erschüttert und berichten es dem König. Den König packt der gerechte Zorn; er lässt den Mann herbeirufen und sagt: „Du böser Knecht! Ich hab dir diese Riesenschuld erlassen, und was machst du? Du hättest für deinen Mitknecht dasselbe Erbarmen haben sollen wie ich für dich! Ich nehme den Schuldenerlass zurück!“ Er überliefert den Mann den Folterknechten, bis alles bezahlt wäre (also für immer).

„Genauso wird mein himmlischer Vater es mit euch machen, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergebt“ sagt Jesus abschließend.

Man kann sich aussuchen, nach welchem Prinzip man leben will. Willst du aus Gnade leben, musst du auf dein Recht verzichten. Willst du dein Recht, dann gilt dasselbe für dich, dann besteht Gott auch auf dem Recht.

Die Geschichte steht in Matthäus 18,21—35.