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Das Gericht über alles Verborgene

Bild von Momentmal auf Pixabay

Als ich Kind war, gab es diese Kaugummi-Automaten. Die bunten Kaugummikugeln waren sehr begehrt; besonders Kunstfertige konnten phänomenale Blasen damit machen. Aber das Tollste an diesen Automaten war: Unter die Kaugummikugeln waren allerlei kleine Kostbarkeiten gemischt wie z.B. Ringe mit Glitzersteinchen, und wenn man Glück hatte, fiel so ein Ring heraus – für einen Groschen! Um unser Glück zu manipulieren, bumperten wir mit der Faust gegen den Automaten oder versuchten, den Drehknopf mit besonders viel Gefühl zu drehen, um an so einen wunderbaren Ring – fast echt Gold! – zu kommen.

Nun hatten wir nicht allzu viele Groschen und meistens kein Glück. Aber ich hatte da so eine Idee … Irgendjemand hatte meinem Bruder und mir mal altes Geld aus der Zeit vor der Währungsreform zum Spielen geschenkt. Und ich dachte: Woher weiß der Automat eigentlich, ob das ein echter Groschen ist oder ein ungültiger? Die Mechanik wirkte eigentlich recht unwissend (das war laaange vor dem elektronischen Zeitalter). Man könnte es ja mal versuchen …

Besagter Kaugummi-Automat hing an der Mauer neben einem kleinen Schreibwarenlädchen, wo der ganze Ort Hefte und Tinte erwarb – einen anderen gab es nicht. Wir fürchteten uns immer etwas vor der Besitzerin. Sie war nicht gerade ein Ausbund an Freundlichkeit. Aber der Automat gehörte nicht ihr sondern irgendeiner anderen Firma.

Gedacht – getan. Ich steckte meinen Fake-Groschen in die Münzöffnung und drehte den Hebel. Die Mechanik verkeilte sich, bewegte sich nicht vor und zurück. Ich hämmerte an den Automaten. Es bewegte sich immer noch nichts. Ich rüttelte verzweifelt am Hebel. Aber nicht nur kam nichts raus – ich hatte den Automaten betriebsunfähig gemacht.

Vermutlich war es der Lärm, der die Besitzerin aus dem Laden stürzen ließ. Sie war der Typ, dem kein Unrecht entgeht. Sie erfasste ziemlich schnell, was ich da verbrochen hatte. Und nachdem sie mich beschimpft hatte, versprach sie, das werde sie meiner Mutter sagen!

Dieses Gefühl des Ertapptseins, diese abgrundtiefe Scham darüber, als Betrügerin überführt worden zu sein, spüre ich noch heute, wenn ich daran zurückdenke. Dazu kam die Angst vor Strafe – obwohl ich nie mehr etwas davon hörte. Zwar kannte sie meine Mutter, aber ich merkte bei einer späteren Gelegenheit, dass sie mich mit einem anderen Kind verwechselte. Vielleicht hat ein anderes, unschuldiges Kind dafür Ärger bekommen, oder sie hat es vergessen. Meine Mutter hat es jedenfalls nie erfahren.

Was ist schon ein Groschenbetrug … das sind doch “kleine Fische”, könnte man sagen. Aber sie zeigten mir, wer ich war. Ich war eine Diebin. Wenn ich etwas unbedingt haben wollte, war ich bereit, dafür Unrecht zu tun. Und ich dachte,ich könnte es verborgen halten.

Ich wünschte, ich könnte sagen, das sei meine größte Sünde gewesen, aber da haben sich in den Jahren danach ganze Berge von Dingen angehäuft, die das Licht scheuten. Es kommt nicht darauf an, wie spektakulär unsere Sünde ist oder wie gesellschaftlich geächtet (was ja auch Wandlungen unterliegt), sondern was sie über unser Herz offenbart. Danach wird Gott uns eines Tages richten. Dann wird auch alles offenbar werden, wo hier zu unserer großen Erleichterung so viel Gras drüber gewachsen ist, dass wir es an den meisten Tagen vergessen können.

Gott wird jedes Werk, es sei gut oder böse, in ein Gericht über alles Verborgene bringen,

sagt Gottes Wort in Prediger 12,14.

Wenn wir unsere Sünden jetzt bekennen, vergibt Gott sie uns durch das Blut Jesu. Wenn wir sie belächeln, unter den Teppich kehren, verharmlosen, durch Vergleichen mit schlimmeren Sünden (die immer die anderen tun) zu relativieren versuchen, werden wir eines Tages vor ihm als unserem Richter erscheinen müssen. Und so wie mir damals wird uns nichts zur Entschuldigung einfallen – weil es nichts gibt.

Im Gegensatz zu der guten Frau damals verwechselt Gott uns nicht. Aber er hat unsere Strafe auf Jesus gelegt, der sich freiwillig mit uns sozusagen “verwechseln” ließ. Wer seine Schuld zugibt und diese “Verwechslung” dankbar annimmt, wird von Schuld und Scham und vom Gericht befreit.

Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit. 1.Johannes 1,8.9

Wenn das Eisen stumpf geworden ist …

In letzter Zeit sehe ich um mich herum viel Erschöpfung, Burnout, Depression … und die  Fragen beschäftigen mich: Woran liegt das? Wie kann man helfen? Und wie kann man auf sich selbst achten, dass es einem nicht auch passiert? Kann man vorbeugen?

Da stoße ich heute morgen bei meiner Lektüre im Buch Prediger auf etwas, das sich wie eine Binsenweisheit anhört:

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Wenn das Eisen stumpf geworden ist und niemand die Schneide schleift, so muss man seine Kräfte mehr anstrengen. Aber ein Vorteil ist es, die Weisheit richtig anzuwenden. Prediger 10,10

 

Das ist ein interessantes Bild. Da macht jemand, was er immer schon gemacht hat, aber es wird anstrengender und  anstrengender, und er weiß gar nicht warum. Klar, mühsam ist Holzhacken immer, und deswegen merkt man den Unterschied am Anfang kaum. Aber irgendwann geht es einfach nicht mehr. Erschöpfung,  Wut auf die Axt und das Holz, Wut auf sich selbst, weil man es einfach nicht mehr schafft, Resignation, Depression … Was ist schief gelaufen?

Wir alle neigen dazu, Probleme zu übersehen und auszublenden. Wir versuchen, sie durch mehr Anstrengung zu kompensieren. Als Christen können wir dieses unweise Verhalten oft gut geistlich verbrämen als Treue und Ausharren.

Wenn du immer “Holz gehackt” hast (um im Bild zu bleiben), dann kommt noch dazu, dass deine Umgebung erwartet, dass du weiter Holz hackst, Du empfindest die Erwartung: Mach halt eine kurze Pause, und dann aber weiter! Oder auf “fromm”: “Schau auf Jesus! Gib nicht auf! Gott gibt den Müden Kraft!” Und weil das alles richtig und biblisch klingt, nimmst du nach einer kurzen Pause deine Axt wieder auf und hast vielleicht wieder Kraft für fünf Schläge, und dann brichst du völlig zusammen.

Weisheit, heißt es hier, muss man richtig anwenden. Es nützt nichts, ein Arsenal von Ermutigungssprüchen abzufeuern, wenn die Axt stumpf ist. Man muss das Problem richtig identifizieren und beseitigen, und man muss sich die Zeit nehmen, die man dafür braucht. Es ist gut investierte Zeit. Es ist normal, wenn die Axt irgendwann stumpf wird, wenn man viel arbeitet. Ein Fehler ist nur, wenn man, anstatt die stumpfe Axt zu schleifen, einfach weiterschuftet.

Wir brauchen also vor der Erschöpfung und erst recht, wenn sie da ist, regelmäßig Zeit und Ruhe, um unsere Axt zu inspizieren und wieder in Schuss zu bringen. Wir dürfen uns nicht weitertreiben lassen von eigenem oder fremdem Aktionismus und von Erwartungen. Wir müssen aufhören, Schwierigkeiten zu übergehen und halb schwindelig im Hamsterrad weiter zu rennen und eigene und fremde Erwartungen zu erfüllen, sondern die Probleme vor Gott bringen und seine Lösungen dafür suchen. Vielleicht brauchen wir Hilfe von jemand, der sich aufs Axtschleifen versteht und der mal einen Blick werfen sollte auf die tiefen Scharten in unserem Blatt und woher sie rühren.

Es sind zwei ganz verschiedene Dinge, in Schwierigkeiten in der Kraft Gottes auszuharren oder mit einer stumpfen Axt zu arbeiten zu versuchen. Wenn du in einem Zustand bist, wo du nur noch das Gefühl hast, funktionieren zu müssen, hast du eine stumpfe Axt, und einfach weiter zu hacken ist sinnlos. Mach eine Schleif-Pause, und mach sie früh genug!