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Jesus und die Ehebrecherin (Predigt-Nachlese)

Jesus und Ehebrecherin

Rembrandt [Public domain], via Wikimedia Commons

Predigttext: Johannes 7,53 – 8,12

Nachdem er am Laubhütten-Fest das große Angebot für alle Lebensdurstigen gemacht hatte, übernachtete Jesus auf dem Ölberg.  Aber noch vor Tagesanbruch war er wieder im Tempelvorhof, wo es auch morgens früh schon geschäftig zuging und alle möglichen Leute waren. Wie er es oft tat, setzte er sich und lehrte alle, die zuhören wollten.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber waren auch nicht gerade Schlafmützen, vor allem wenn es darum ging, den Sünden anderer Leute aufzulauern. Sie hatten irgendeine unglückliche Frau beim Ehebruch ertappt, und nun schleppten sie sie in den Tempel. Schließlich sahen sie sich als Hüter von Gesetz und Moral. Und gleichzeitig bot ihnen das eine wunderbare Gelegenheit, um Jesus so richtig in die Ecke zu drängen. Nun soll er doch mal zeigen, wie er zum Gesetz steht! Sie stellten die Frau vor ihn hin. “ Hier! Die haben wir auf frischer Tat ertappt! Mose hat uns geboten, solche zu steinigen. Und du? Was sagst du dazu?”

Ja, nun saß er in der Falle! Sagte er: “Steinigt sie!”, – was war dann all sein Gerede von Gnade und Barmherzigkeit wert? Waren doch viele gerade deswegen seine Anhänger, weil er ein Freund der Sünder war, der sich mit Zöllnern und Huren und ähnlichem Gesindel abgab. Die wäre er dann los. Sagte er aber: “Lasst sie laufen!”, dann hatte er ihnen den Beweis geliefert, dass er sich nicht ans Gesetz hielt, und sie hätten einen unanfechtbaren Anklagegrund.

Aber was tut er da? Er bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Was soll das? Er soll ihnen gefälligst antworten, damit sie ihn in die Pfanne hauen können! “Hallo! Wir haben dich was gefragt!”

Da richtet er sich auf und schaut sie an mit seinen reinen Augen. “Wer unter euch ohne Sünde ist, der kann den ersten Stein werfen!” Ja, diese Frau hat den Tod verdient. Er sieht das kein bisschen anders als das Gesetz Gottes. Jeder, der noch nie gesündigt hat, darf sie verurteilen. Und er bückt sich wieder und schreibt weiter auf die Erde. Denken sie jetzt an seine Worte: “Wer eine Frau auch nur mit einem Blick voller Begierde ansieht, hat im Herzen schon mit ihr die Ehe gebrochen” ? Das Licht Jesu scheint auf ihre Gewissen – und sie gehen raus, einer nach dem anderen. Sie könnten jetzt bekennen und sagen: “Ich bin der Sünder! Sei mir Sünder gnädig!” – aber sie bringen es nicht über die Lippen. Lieber entfernen sie sich aus dem Strahlkreis seines Lichtes als zuzugeben, dass ER Recht hat und sie im Unrecht sind.

Schließlich richtet er sich auf. Er ist allein mit der zitternden, verwunderten, wartenden Frau zurückgeblieben. Was nun? Jesus ist der einzige, der nie auch nur einen unreinen Gedanken hatte, der einzige, der den Stein werfen könnte. Er hat das Recht, sie zu verurteilen. Wird er es tun?

“Frau, wo sind sie? Hat dich niemand verurteilt?” “Nein, Herr, niemand!” Sie ist zerbrochen. Sie weiß, was sie verdient hat. Es ist kein Triumph für sie, dass ihre Ankläger unter demselben Urteil stehen. Sie denkt nicht: “Diese dreckigen alten Säcke, denen hat er´s aber gegeben! Die sind selbst nicht besser!” Sondern sie weiß, sie braucht jetzt eins: Gnade.

Und sie hört Jesus sagen: “So verurteile ich dich auch nicht.” Er ist der Gerechte, der Heilige, der zum Gericht Berechtigte. Wenn er sie nicht verurteilt, dann nicht, weil er Ehebruch für ein Kavaliersdelikt hält, sondern weil er selbst ihre Strafe auf sich nehmen wird. “Geh, und sündige in Zukunft nicht mehr!”

Die Frau hatte einen “Vorteil” gegenüber den Pharisäern: ihre Sünde war offensichtlich. Sie konnte sich nicht in die eigene Tasche lügen. Sie aber hatten nach außen ein tadelloses Verhalten. Das erweckte in ihnen die Illusion, sie seien gerecht und Gott mit ihnen zufrieden. Während die Frau wusste, dass sie das Gesetz nicht halten konnte, meinten sie mit stolz geschwellter Brust: “Aber na klar doch!” – bis das Licht Jesu all ihre innere Schwärze offenbarte, und das ganz ohne  Geschimpfe und Geschrei.

Ich denke, die Frau ging frei und leicht nach Hause. Gott hatte ihr vergeben. Die Freundlichkeit Jesu hatte ihr Herz verändert, so dass sie seiner klaren Ansage folgen wollte: “Sündige nicht mehr!” Sie konnte die Sünde gar nicht mehr wollen, weil sie jetzt eine größere Liebe gefunden hatte, als die, die sie vergeblich und mit bösen Folgen gesucht hatte.

Was tun wir, wenn Jesu Licht auf uns fällt? Geben wir unsere Sünde zu und lassen uns ein neues Leben schenken? Oder gehen wir weg und bleiben im Dunkeln, damit unser Image gewahrt bleibt?

Und wenn wir seine Gnade erfahren haben – haben wir sie dann auch für andere? Oder hauen wir ihnen wieder das Gesetz um die Ohren? Dann haben wir vermutlich vergessen, wer wir eigentlich sind.

Der Realismus der Bibel

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Ich liebe die Bibel nicht zuletzt darum, weil sie nichts weichzeichnet, auch und vor allem dann nicht, wenn es um das Volk Gottes geht. Ich habe gerade das Buch der Richter durchgelesen. Es ist so realistisch, dass es einem fast übel wird: Ein Gideon, der so gut anfängt und dann selbst die Tür zum Götzendienst wieder aufstößt, Mord und Totschlag unter seiner Nachkommenschaft, ein triebgesteuerter Held Gottes wie Simson, der schließlich blind und gefangen das Mühlrad dreht, synkretistische Kulte in Privatheiligtümern, käufliche Priester, die sich dem Meistbietenden verdingen, Massenvergewaltigung  – eine Abwärtsspirale von  zunehmendem Götzendienst und geistlicher Verwirrung bis dahin, dass sie sich schlimmer aufführen als die Völker um sie her und jegliche Vollmacht verlieren, im Namen ihres Gottes zu handeln.

Was mich so betroffen macht, ist wie “klein” das ganze Elend anfängt: Ein bisschen Trägheit, ein bisschen Vergesslichkeit. Hier ein paar Kanaaniter übrig gelassen und da ein paar Götzen nicht umgehauen …. so wie wir uns manchmal mit “kleinen” Sünden und Halbheiten arrangieren, bis wir sie nicht mehr als solche empfinden. Wenn wir dann Konsequenzen erfahren müssen, heulen, und wenn Gott uns rausgehauen hat, weitermachen wie gehabt. Der Prozess ist nicht plötzlich, sondern schleichend. Irgendwann findet man seinen Zustand normal und fürchtet den Retter mehr als den Feind. Hauptsache, es wird nicht ungemütlich!

So realistisch, wie das Elend und das Böse geschildert werden, so realistisch wird auch die mitleidige Geduld Gottes beschrieben, der es nicht lassen kann, diesem Volk immer wieder Retter zu schicken. Die sind selbst unvollkommene, verdrehte Persönlichkeiten, die neben Gutem fast noch mehr Falsches tun.

Ach, das kommt mir doch alles irgendwie bekannt vor! Gibt es nicht auch unter uns Praktiken und Lehren, bei denen die Grenzen zum Aberglauben und zur Sünde sich immer mehr verwischen, bis wir manchmal schlimmer sind als die Welt? Wir sollten  uns keine Illusionen machen: Gott übt auch an seinen eigenen Leuten Gericht und hasst die Sünde bei Israel nicht weniger als bei den Kanaanitern! Er liebt die, die er erwählt hat, mit einer feuerspeienden Eifersucht – und mit einem unerschütterlichen Erbarmen. Er macht definitiv einen Unterschied zwischen “fremden” und eigenen Kindern: Wenn Gott euch nicht mit strenger Hand erziehen würde, wie er das bei allen macht, dann hätte er euch nicht als Kinder anerkannt (Hebräer 12,8).  Zu ihm zu gehören ist zugleich gefährlich und sicher. Aber nicht zu ihm zu gehören, ist hoffnungs- und heimatlos und endet in einem Gericht, aus dem es keine Rettung mehr gibt.