Ein schwarzer Tag

Ein schwarzer Tag. Leah kommt und berichtet mir, dass Dina vergewaltigt wurde. Der Täter ist der liebestolle Sichem, ein junger kanaanitischer Prinz, der wohl die Einstellung hat, dass man sich einfach nimmt, was man begehrt. Sie hatte sich mit seinen Schwestern getroffen, wie die jungen Mädchen das so tun. Vielleicht hätte ich diesen Umgang verhindern müssen, aber sie ist immer so allein als einziges Mädchen unter 12 Brüdern. Jetzt ist es passiert.
Ich fühle mich überwältigt. Das ist ein Problem, das mir noch nie zuvor begegnet ist. Was soll ich tun? Tiefe Trauer erfüllt mich um die Unberührtheit meiner Tochter. Ein unwiederbringlicher Verlust – niemand kann sie ihr wiedergeben.
Sichem ist verliebt; er hofft, die Sache gerade zu biegen, und er hält Dina fest.Er schickt Hamor, seinen Vater, zu mir, um um Dinas Hand anzuhalten. Vermutlich hat er sich von Anfang an gedacht, dass er auf diesem schändlichen Weg am ehesten zum Ziel kommt. Denn natürlich hätte ich ihm Dina niemals freiwillig gegeben.

Hab ich noch eine Wahl? Ist es nun mein Schicksal, mich mit den Kanaanitern zu verschwägern, um unsere und die Ehre meiner Tochter wieder herzustellen? Ich will mich jedenfalls zuerst mit meinen Söhnen beraten.
Die sind noch mit dem Vieh unterwegs, aber endlich kommen sie heim. Ich erkläre ihnen die Lage und wünsche mir, dass wir das Für und Wider erwägen. Aber sie sind so aufgebracht, dass ein vernünftiges Reden nicht möglich ist. Sie schreien:“ So verfährt niemand mit unserer Schwester! Die können was erleben! Was sind das für Dreckskerle!“
Ich wünschte, sie würden einen kühlen Kopf bewahren. Ich wünschte, sie würden sich um eine Lösung bemühen. Und plötzlich bin ich außen vor und sie sagen, sie regeln das schon.
Ich gehe Hamor holen und lasse ihn seine Bitte vortragen. „ Es tut mir leid, was passiert ist, aber wir wollen es in Ordnung bringen. Mein Sohn liebt eure Dina wirklich. Gebt sie ihm doch zur Frau. Lasst euch doch hier bei uns nieder; ihr seid dann in ihrer Nähe und werdet sehen, dass es ihr gut geht bei uns. Vielleicht ergeben sich noch weitere Verbindungen – da sind wir wirklich offen. Wir sind euch sehr zugetan.“
Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Allmächtige genau das nicht will, denn diese Leute sind Götzendiener.
Hamor sieht unser Zögern. Er erhöht sein Angebot. Das Glück seines Sohnes und der Friede zwischen unseren Stämmen scheint ihm viel zu bedeuten. Er bietet Geld und noch mehr Geld und Geschenke über Geschenke.

Meine Söhne ziehen sich zurück, und ich bleibe da mit Hamor sitzen, der Vater einer großen Sippe, der offensichtlich nicht mehr über seine eigene Tochter zu entscheiden hat. Ich wollte sie einbeziehen, und sie schließen mich aus. Und das bedeutet wohl, sie wissen, dass ich nicht einverstanden sein werde.
Es ist nicht Sitte in Israel, eine Frau zu vergewaltigen, haben sie gesagt. Aber es ist offensichtlich Sitte, seinen Vater auszutricksen.

Plötzlich verstummt mein innerer Protest. Ein Bild steigt vor mir auf: Mein Vater, alt und blind, und ich mit einer Schüssel voll Lammfleisch, das ich ihm als Wildbraten andrehe, und lächerlichen Fellbezügen um meine Arme. Eine Welle von Scham überrollt mich. Was soll ich sagen? Ich ernte nur meine Saat.

Dinas Brüder haben einen Beschluss gefasst, der sich gar nicht so übel anhört. Sie schlagen Hamor vor, sich und alle seine Männer beschneiden zu lassen, um sich uns anzugleichen. Dann könne Sichem Dina haben. Ich wundere mich eine bisschen über ihre plötzliche Kompromissbereitschaft, aber Hamors Vater ist begeistert. Wenn es weiter nichts ist! Dann werden sie das tun, damit sein Prinz das begehrte Mädchen bekommt.
Ich ahne allerdings, dass irgendwas hinter diesem Vorschlag steckt, das mir nicht gefallen wird.

Hamor hat nun die Aufgabe, alle Männer seiner Stadt von diesem Vorschlag zu überzeugen, aber da er großen Einfluss hat, bringt er sie dazu, mitzumachen. Er malt ihnen auch die wirtschaftlichen Vorteile vor Augen, die diese Stammesverbindung für sie alle haben wird. Meine Söhne haben ihn wirklich von ihren freundlichen Absichten überzeugen können.

Am 3. Tag nach der Massenbeschneidung haben alle Männer Sichems Wundschmerzen und können nicht ans Laufen denken, geschweige denn ans Kämpfen. Da nehmen sich Simeon und Levi jeder sein Schwert und richten unter den wehrlos Vertrauensvollen ein Blutbad an. Nicht genug damit, dass sie ihr Mütchen gekühlt und ihre Schwester befreit haben, ihre übrigen Brüder nehmen noch die Stadt auseinander und alles mit, was sie irgendwie gebrauchen können, Gegenstände, Vieh, Nahrungsmittel, Frauen, Kinder…..

Ich habe mit alledem nichts zu tun, aber was hilft mir das? Wir sind alle höchst gefährdet. Ob die Nachbarstämme da einfach zusehen? Wir sind ein kleiner Haufen; wenn sie uns angreifen, weiss ich nicht, wie wir uns verteidigen sollen – sie können uns den Garaus machen. Und Dina hilft das alles auch wenig; wie es aussieht, wird sie kaum noch eine gute Partie machen können…..wenn ich überhaupt eine Ehemann für sie finde.

Ich bin es müde, die Verantwortung zu tragen, wenn die Jungen doch ihre eigenen Entscheidungen durchziehen. Dieser gewalttätigen Brut bin ich nicht gewachsen.

Aber trag ich die Verantwortung? Ist da nicht ein Höherer, der alles in Händen hält? Der Segen beschlossen hat, so dass Furcht nicht angebracht ist? Und am Ende hat er mich durch meine Söhne vor dem Fehler bewahrt, der unsere Identität zerstört hätte?

Wer weiss.

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