Großvater Abraham

Vater und Onkel Ismael begraben den Großvater. 15 waren wir da, noch Kinder, aber ich empfand tief, wer er gewesen war. Er war ein umsichtiger Mann, würdevoll, alt, erfahren. Ich war immer stolz auf die Achtung, die ihm jeder entgegenbrachte – für uns alle fiel davon etwas ab.

Großvaters Geschichten – nicht dass ich viel davon begriffen hätte, aber doch genug, um zu erkennen, dass er ein besonderes Verhältnis zum Allmächtigen hatte. Mochte er für die Leute, sonderlich die in den Städten, nur einer von den vielen Nomaden sein, auf die sie herabsahen – wer ihn näher kennenlernte, spürte recht bald diese Aura einer unsichtbaren Gegenwart um ihn und hütete sich im Allgemeinen, ihn anzugreifen.

Wir Kinder, immer brav im Hintergrund, wenn die Erwachsenen sich unterhielten, lauschten atemlos seinen Erzählungen von dem Ruf des großen Gottes, in ein unbekanntes Land zu ziehen, von den Abenteuern unterwegs, von dem Besuch Gottes in seinem Zelt und der wunderbaren Geburt unseres Vaters. Und dann diese Geschichte, bei der uns immer eine Gänsehaut über den Rücken lief, in der Gott von unserem Großvater verlangte, seinen geliebten Sohn zu opfern, und die beiden auf den Berg Morija gingen, um dieses Opfer zu bringen. Wie atmeten wir auf (immer wieder), dass es dann doch nicht zum Letzten, zur Schlachtung, kam, weil alles nur eine Prüfung war und Großvater seine Treue zu Gott unter Beweis gestellt hatte.

Bis in meine Träume verfolgte mich das Bild: Vater, ein Knabe wie ich, auf das Holz auf dem Altar gebunden, und Großvater, das Messer in der Hand, bereit zuzustoßen – und dann im allerletzten Moment Gottes Stimme vom Himmel her, die Einhalt gebietet. Der  rasende Puls fällt plötzlich  ins Nichts und setzt kurz darauf langsamer fort – da erscheint auch schon der Widder, der sich im Gebüsch verfangen hat und wird an des Kindes Statt geopfert.

Oft bewegte mich die bange Frage: Was, wenn Gott von meinem Vater ähnliches verlangte?  Das waren die Male, wo es mir gut erschien, dass meines Vaters Herz mehr an meinem Bruder Esau hing – also würde Gott Esau von ihm verlangen, nicht wahr? Und überhaupt hatte ja Gott gar kein Kinderopfer gewollt, sondern nur Großvaters Vertrauen…..Es würde nicht mehr vorkommen.

Allerdings schien mein Vater auch nicht einfach nur der Liebling meines Großvaters zu sein. Im Gegenteil, man erzählte sich, es habe Großvater fast das Herz gebrochen, als er Onkel Ismael wegschicken musste. Und doch machte er Vater zum Erben all seiner Besitztümer und fand die Söhne seiner 2. Frau ab und wies sie in entferntere Gebiete, obwohl er sie doch auch liebte – aber mein Vater war der von Gott Gesegnete, der Träger der Verheißungen.

Wir sind halt keine Familie wie alle anderen. Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass das nicht daran liegt, dass wir eine bessere Familie sind. Bei Großvater konnte einem das nämlich manchmal so vorkommen, wenn man ihm begegnete. Aber nach und nach erfuhr ich, dass auch er viele Fehler gemacht hat und nicht immer der Held war, für den mein junges Herz ihn gerne gehalten hätte.

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