Lieblinge

Mama und ich – Vater und Esau.
Man sollte denken, wenn bei zwei Söhnen jeder Elternteil ein Lieblingskind hat, dann ist für alle gesorgt.
Aber so einfach ist das nicht.
Denn Liebling und Liebling ist nicht dasselbe.

Mama und ich holen Wasser und sie erzählt mir, wie sie Eliesers Kamelen in Haran Wasser gab. Sie erklärt mir, warum Großvater unbedingt ein Mädchen aus Haran wollte für seinen Sohn, wie dieses selbstverständliche Verhältnis Eliesers zu Gott sie anzog, wie sie spürte, dass das die Familie war, zu der sie gehören wollte. Sie erzählt mir die Geschichten, die schon in Haran über Abraham im Umlauf waren, wie er den lebendigen Gott seiner Verwandtschaft und allen Sicherheiten vorgezogen hatte.
Sie zeigt mir, wie man Feuer macht und kocht, wie man ein Lamm ausnimmt oder ein Huhn, wie man Schafe und Ziegen melkt, wie man Brot backt und Käse macht. Und dabei reden wir über den Segen, was er bedeutet,und dass Gott ihr versprochen hat, dass ich ihn bekomme. Sie schenkt mir ihre Weisheit und Zuneigung, ich setze meine Kraft für sie ein. Auch die Arbeit in Haus und Hof ist oft schwere Arbeit, und ich bin dabei ihre rechte Hand.

Vater und Esau – das ist etwas anderes. Papa mag Esau, weil der stark und mutig und geschickt ist. Und vor allem ist Esau ein guter Jäger, und Vater liebt nun mal Wild. Vaters Anerkennung macht Esau glücklich.
Aber Vater prägt Esau nicht. Wie auch? Esau ist immer unterwegs. Als Bub ist ihm kein Spiel zu wild und kein Abenteuer zu waghalsig. Sein Leben spielt sich draußen ab. Still sitzen und zuhören ist was für Schwächlinge, meint er. Ein echter Mann verlässt sich auf seine Kraft und nimmt sich, was er braucht. Ein echter Mann braucht niemand um Erlaubnis zu fragen.

Und so heiratet er einfach die erstbesten Frauen, die ihm gefallen. Er weiss es gar nicht, dass meine Eltern keine kanaanitischen Schwiegertöchter wollen und noch weniger versteht er, warum. Und als er dann zu spät erfährt, dass sein geliebter Vater seine Ehen missbilligt, heiratet er noch eine Ismaelitin dazu, weil er denkt, dass das vielleicht besser gefällt. Er hat einfach keine Ahnung.

Seine Schwächen, die er für seine Stärken hält, kenne ich nur zu genau. Und weil ich ein sicheres Gefühl habe für meinen Vorteil, nutze ich das weidlich aus. Wenn ich etwas habe, was Esau will – und wenn er etwas will, dann immer hier und jetzt und sofort -, dann weiss ich, dass ich ihn in der Hand habe. Und so kaufe ich ihm eines Tages , als er halb verhungert heimkommt, sein Erstgeburtsrecht gegen eine Linsenmahlzeit ab.

Ich habe mich oft gefragt, wieso er auf diesen Handel eingegangen ist. War er wirklich so hungrig – kann man überhaupt so hungrig sein, dass man sein Erstgeburtsrecht verkauft? Oder dachte er, dass er es mir einfach wieder abnimmt oder sich durchsetzt oder das Vater sich um unseren Handel eh nicht scheren wird – oder dachte er einfach gar nichts?

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