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Aus dem Tagebuch von Petrus (1)

Eine  Nacherzählung

1.Eintrag

Ich verehre Jesus. Ich bin ihm von Anfang an gefolgt und habe seitdem die unwahrscheinlichsten Dinge gesehen. Vor allem aber bewundere ich seinen Charakter, wie er gleichzeitig so gerade und knallhart jedem die Wahrheit sagt und auf der anderen Seite so liebevoll und barmherzig mit den gebrochenen Herzen ist. Und ich bin überzeugt, dass er der Messias ist, auf den wir schon so lange warten. Aber ganz ehrlich – in letzter Zeit verstehe ich ihn einfach nicht mehr.

Er redet jetzt dauernd davon, dass sie ihn töten werden. Ich merke natürlich auch, wie sich die Feindseligkeit um uns zusammenballt, wie die Pharisäer uns hassen. Ich kann mir schon vorstellen, dass sie ziemlich üble Pläne schmieden, denn sie haben einfach die Nase voll davon, wie er ihr Ansehen beim Volk demontiert. Aber dann ist da ja auch noch das Volk – die meisten lieben ihn sehr; schließlich hat er ihnen nur Gutes getan, und sie rennen ihm ständig hinterher. Wir sind froh, wenn wir mal zum Schlafen und Essen kommen. Sie wollen Hilfe, Heilungswunder und Brot, aber sie sind auch beeindruckt von seiner Persönlichkeit, der Liebe und Autorität, die er ausstrahlt. Wenn die Pharisäer ihn festnehmen würden – das gäbe einen Volksaufstand. Das können die sich gar nicht leisten. Und dass Gott seinen Messias einfach so umbringen lässt, ist ja wohl auch eine absurde Idee.

Als er das zum ersten Mal gesagt hat, habe ich versucht, mit ihm unter vier Augen darüber zu reden. „Auf keinen Fall,“ sagte ich ihm, „darf Gott das zulassen!“ und da antwortete er mir in einem ganz scharfen Tonfall: „Geh weg von mir, Satan! Du denkst menschlich und nicht göttlich!“ Ich war erschrocken und verwirrt – denn so redet er sonst nicht mit mir – und traute mich nichts mehr zu sagen.

Ich hatte es gut gemeint, aber es war offensichtlich ein Faux pas. Anscheinend hat er mir aber nichts nachgetragen, denn nicht lange danach hat er mich und Jakobus und Johannes auf einen Berg mitgenommen, wo wir etwas erlebt haben, was ich nie, nie vergessen werden. Er wurde vor unseren Augen verändert, leuchtete plötzlich ganz übernatürlich, und dann waren da auf einmal Moses und Elia, und die Drei hatten so eine Art Besprechung. Man sollte denken, wir hätten da mit permanent offenem Mund gestanden und nur gestaunt, aber die Sache zog sich hin, und wir schliefen tatsächlich ein, denn wir waren todmüde. Wir wurden erst wieder wach, als Elia und Mose sich verabschieden wollten, und ich, verschlafen, dusselig und vorlaut wie immer, rief: „Lass uns doch hier drei Hütten bauen für dich und Elia und Moses!“ Da umschloss uns alle eine leuchtende Wolke, und aus der Wolke ertönte eine Stimme: „Dieser ist mein geliebter Sohn, mein Auserwählter. An ihm habe ich Freude! Hört auf ihn!“ Dann war nur noch Jesus da. Und nun sag mir: Wenn Gott vor meinen Augen und Ohren sowas tut und sowas sagt – da soll ich glauben, dass die Pharisäer Jesus umbringen könnten? Das macht doch keinen Sinn.

Aber er sagt es immer wieder. Ich kann damit nichts anfangen. Die anderen auch nicht. Aber es macht uns depressiv. Er redet immer auch von Auferstehung, aber das sagt uns auch nichts. Und wir trauen uns irgendwie nicht nachzubohren – vielleicht wollen wir es auch gar nicht wissen. Wir haben alle Karten auf diesen Jesus gesetzt, wir haben unser ganzes Leben aufgegeben,und er hat uns zwar gewarnt, dass es schwierig werden wird, dass wir für ihn leiden müssen, und das ist auch okay, wir sind schließlich keine Weicheier, aber er hat uns ja auch was versprochen in seinem Reich, und wie, bitte, passt das alles zusammen, wenn wir nicht am Ende siegen?

Dieser Tage wurde er ganz ausführlich: “Sie werden mich verspotten, anspucken, auspeitschen und töten.” Wir sind jetzt auf dem Weg nach Jerusalem für die Festtage, und so langsam werden wir nervös; er macht uns wirklich Angst.

2.Eintrag

Heute stellt es sich heraus, dass der ganze Pessimismus grundlos war. Das palm-4934832_1920Volk ist absolut begeistert von ihm. Er ist auf einem Esel in Jerusalem eingeritten, und die Menschen haben ihm zugejubelt wie einem König. Männer, Frauen, Kinder – jeder war unterwegs, jeder pries ihn als den Messias. Voller Begeisterung warfen die Leute Kleider vor ihm auf den Weg, rissen Zweige von den Bäumen ab und feierten ihn. Viele dankten ihm für all die Wunder, die er für sie getan hat. Die werden ihn nicht so einfach fallen lassen. Das Volk steht hinter uns. Klar, die Pharisäer standen dabei mit finsteren verbissenen Mienen und versuchten, die Menge davon abzuhalten, forderten sogar Jesus auf, er solle den Leuten Einhalt gebieten. Aber das ging gar nicht, und Jesus wollte es auch nicht.

Danach tat er gleich noch etwas, was die Pharisäer noch mehr verärgert hat. Er ging in den Tempel und warf die ganzen Händler raus. „Ihr habt Gottes Haus zu einer Räuberhöhle gemacht!“, sagte er. Ich denke, die kleinen Leute fanden das alle gut, denn diese Händler nutzen ihr Verkaufsmonopol für die Opfertiere schamlos aus, vor allem für die Tauben, die die armen Leute kaufen müssen, die sich kein Lamm leisten können. Und natürlich stecken, wie immer, wenn’s ums Geld geht, die Pharisäer im Geschäft mit drin, und das hat ihnen jetzt gar nicht gefallen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie innerlich kochen und darüber brüten, wie sie ihn aus der Welt schaffen können. Gleichzeitig versuchen sie, öffentlich mit ihm zu diskutieren und ihm Fallen zu stellen, damit sie dem Volk beweisen können, dass er kein Mann Gottes und schon gar nicht der Messias sein kann, aber er antwortet ihnen immer so klug und lässt sie mit ihren Spitzfindigkeiten auflaufen, dass ihre Absichten ins Gegenteil verkehrt werden und sie nicht wirklich einen Anklagegrund finden.

Fortsetzung folgt

Zachäus und ich

bible-2695615_1280Dass er immer einen Kopf kleiner war, als die anderen, mag ihm in seiner Jugend manche Hänselei eingetragen haben. Aber er hatte es ihnen allen gezeigt. Die Römer hatten ihn mit der Macht eines Ober-Zolleinnehmers ausgestattet, und er hatte sich damit ein privates kleines Imperium aufgebaut. Die “Sonder- und Strafgebühren”, die in seine eigene Tasche flossen, hatten ihn reich gemacht. Wie alle anderen Zolleinnehmer war er im Volk unbeliebt, weil er mit der verhassten Besatzungsmacht nicht nur kooperierte, sondern seine Position schamlos ausnutzte.

Er hatte von Jesus gehört. Ein interessanter Mann. Manche hielten ihn für den Messias. Er heilte und sprach vom Reich Gottes. Wie man hörte, mied er die Zöllner und Sünder nicht und predigte gegen die Heuchelei und Selbstgerechtigkeit der Pharisäer. Man sagte aber auch, dass er vor den Gefahren des Reichtums warnte und selbst nichts besaß und keinerlei finanzielle Interessen verfolgte. Und er sollte heute nach Jericho kommen.

Ich möchte ihn gerne mal mit eigenen Augen sehen, dachte Zachäus, selbst hören, was er sagt, und ob das alles so ist, wie man erzählt. Als er sich allerdings der Volksmenge näherte, erkannte er sein Problem. Nach vorne durch würde er nicht kommen, und hinten konnte er nichts sehen, weil er so klein war. Es gab nur eine Lösung: Er musste auf einen Baum steigen. Ein bisschen peinlich vielleicht, aber egal! Vielleicht bekam er diese Chance nie wieder.

Und da sah er ihn, umgeben und eingezwängt von Menschentrauben, die ihn hören, sehen und anfassen und ihre Anliegen vortragen wollten. Und just unter seinem Baum blieb er stehen, blickte hoch und sagte: Zachäus, komm schnell da runter! Ich muss heute bei dir übernachten! Ich stelle mir vor, dass das Herz des Zachäus für einen Moment stillzustehen schien und dann wie wild zu klopfen begann. Er kennt mich? Er will mich besuchen? Er weiß meinen Namen? Wenn er meinen Namen weiß, weiß er auch, wer ich bin und was ich getan habe.

Der Name Zachäus bedeutet tatsächlich der Gerechte, Reine, Unschuldige. Vielleicht hatten sich seine Eltern das für ihn gewünscht. Und nun, als Jesus seinen Namen aussprach und sich bei ihm einlud, lag da so viel Hoffnung drin, dass er genau das werden könnte, dass es Vergebung und eine Chance zur Umkehr für ihn gab. Eine große Freude erfüllte ihn. Von Jesus angenommen zu sein, hieß, bei Gott angekommen zu sein.

Er rutschte im Eiltempo von diesem Baum herunter. Ja, schrie sein Herz und sagte sein Mund, komm zu mir! Alles, was ich bin und habe, soll dir gehören, denn du heilst mich von Schuld und Scham und dem Ausgestoßensein vom Volk Gottes!

Die Umstehenden aber regten sich auf, nicht über Zachäus, sondern über Jesus. Sonderbare Freundschaften pflegte dieser angebliche Sohn Gottes! Sollte der Messias sich nicht weghalten von den Sündern und vor allem von solchen, die mit Rom paktierten? In den Kategorien ihrer “Sündenschubladen” war Zachäus “unterste Schublade”.

Zachäus aber platzte fast vor Freude. Ihm war vergeben. Und deswegen verspürte er plötzlich ein tiefes Bedürfnis, Dinge in Ordnung zu bringen und seinem neuen Herrn Ehre zu machen. Prioritäten hatten sich in einem Augenblick total verschoben. Geld war nicht mehr wichtig, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit und Gott zu gefallen war wichtig. Und es war überhaupt nicht mehr schwer, sich vom Geld zu trennen, denn es war Überflüssig geworden. Er musste sich nicht mehr durch seinen Reichtum und seine Macht definieren.

Herr, sagte er zu Jesus,  ich gebe die Hälfte meiner Güter den Armen, und was ich durch falsche Anklage genommen habe, werde ich vierfach erstatten!  Jesus hatte kein Wort davon gesagt, aber Zachäus Herz war verändert. Er war frei geworden.

Jesus bestätigte ihm das noch mal: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren. Auch Zachäus ist ein Sohn Abrahams. Der Sohn des Menschen ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. Das war der Identitätswechsel: Der Verlorene war ein Geretteter geworden, der Ausgestoßene wiederhergestellt als Sohn des “Vaters des Glaubens”.

Die Geschichte erinnert mich an mich selbst. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als es in mich einsank, dass mir vergeben ist. Ich hatte Gott noch nicht einmal drum gebeten. Wie auch, ich dachte ja, er sei mein Feind! Aber er kam mir entgegen und sagte: Ich nehme dich auf. Überwältigt von seiner Liebe war ich bereit, mein Leben auf den Kopf zu stellen, alles rauszuschmeißen, was ihm missfiel und zu tun, was er sagen würde. Das alles änderte sich in einem einzigen Augenblick, als ich ihm glaubte. Es war nicht so, dass ich mich erst verbesserte und allmählich ein Christ wurde (das hatte ich lange versucht und längst aufgegeben). Es war noch nicht mal so, dass ich erst ein Sündenbekenntnis ablegte oder um Vergebung bat. Das kam später. In diesem einen kleinen Moment, als ich seine Liebe dankbar im Glauben annahm, war ich geheilt und gerettet. Wie Zachäus.

Die Geschichte steht in der Bibel in Lukas 19.