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Durst nach dem Wasser des Lebens? (Predigt-Nachlese)

Predigttext: Johannes 7,25-39

 

Es war Laubhütten-Fest in Jerusalem. Alle Welt strömte in die Stadt, um sich wie jedes Jahr nach der Ernte an der Güte Gottes zu freuen. Gleichzeitig erinnerte man sich an die Zeit des Auszugs aus Ägypten. Wie damals zeltete man für eine Woche in Hütten aus belaubten Zweigen. Es war ein symbolträchtiges Fest voller Jubel und fröhlichen Lärms und voller Verheißungen. Aber mitten unter all dieser Freude waberte ein Geraune von dunklen Plänen. “Hast du schon gehört? Sie wollen Jesus umbringen!”  “Was? Das kann nicht sein! Er redet doch hier öffentlich, und sie unternehmen nichts.” “Vielleicht haben sie es ja jetzt doch gemerkt, dass er der Messias ist? Schließlich tut er mehr Wunder als irgendjemand zuvor.” –  “ Aber heißt es nicht, wenn der Messias kommt, wird niemand wissen, wo er herkommt? Von Jesus wissen wir aber, wo er herkommt.” So war die Luft erfüllt von Hoffnungen, Spekulationen und theologischen Erwägungen einerseits und hasserfüllten Gedanken und finsteren Absichten andrerseits. Die brodelten in den Herzen derer, die sich durch Jesus bedroht sahen, weil er ihre Heuchelei, ihr Scheinen-statt-Sein angriff, und das sogar öffentlich. Dass er ihnen damit helfen wollte, verstanden sie nicht. Wie gerne hätten sie ihn sofort unschädlich gemacht, aber obwohl sie fast die Nerven verloren, war es keine gute Situation für ihr Vorhaben mit all den vielen Menschen, von denen man nicht genau wusste, auf welche Seite sie sich schlagen würden. Denn es gab durchaus viele, die an ihn glaubten.

Dann kam der größte, letzte Tag des Festes. An diesem Tag war es Brauch, dass der Hohepriester mit einer goldenen Kanne zur Quelle Siloah ging und von dort Wasser schöpfte. Damit ging er, begleitet von einer fröhlichen Prozession mit Laub-Sträußen, zum Tempel hinauf, wo er im Tempelhof Wasser und Wein über dem Altar ausgoss. Dazu rezitierte die Menge die Worte des Propheten Jesaja:

Voller Freude sollt ihr Wasser schöpfen, Wasser aus den Quellen des Heils.

Da ertönte ein lauter Ruf und setzte sich unüberhörbar gegen den ganzen Fest-Lärm durch:

“Wenn jemand Durst hat, soll er zu mir kommen und trinken! Wenn jemand an mich glaubt, werden Ströme von lebendigem Wasser aus seinem Inneren fließen, so wie es die Schrift sagt.“

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Die Stimme Jesu! Er hatte ihnen mehr zu bieten als Symbolik! Er wollte ihnen das echte Lebenswasser geben, das wahre Wasser aus den Quellen des Heils! Und dazu forderte er sie (und uns) auf:

 Durst haben: Wer Durst hat, richtigen Durst, der ist am Ende. Der braucht nur noch eins: Wasser! Und wer richtig am Ende ist mit sich selbst, wer seine Sünde erkannt hat und seine Unfähigkeit, jemals mit Gott ins Reine zu kommen – den dürstet nach Vergebung. Der hat Durst danach, dass er wieder in die Gegenwart Gottes kommen darf, von der die Sünde ihn ausschließt. Er verweigert sich der schrecklichen Wahrheit über sich selbst nicht. Er weiß, dass er verloren ist, und sein Herz schreit nur: “Frieden! Vergebung! Gemeinschaft mit Gott!” – Ohne das kann er nicht weiterleben.

Kommen: Das ist das Angebot, das Jesus hier macht, und er macht es allen. “Wenn jemand” … Jemand – da ist keiner ausgeschlossen. Das kannst du sein. Das bin ich. Wer kommt, der ist dabei! Und das ist das, was wir tun müssen: Kommen. Komm! Komm allein! Keiner kann dich hier vertreten. Es ist deine Entscheidung, und du musst sie ganz und für immer treffen. Wende dich weg von Welt und Sünde – das hast du ja zur Genüge ausgekostet, und du hast es satt – und wirf dich zu den Füßen deines Retters. Du musst nichts vorweisen, du musst nicht religiös sein – du musst nur Durst haben.

Trinken: Nimm an, was er dir gibt! Er reinigt dich von aller Schuld und gibt dir ein neues Herz mit einer neuen Neigung. Nimm es an, dass sein Blut dich von aller Sünde wäscht und loskauft, dass sein Wort dein Leben reinigt und deine Füße  auf den Weg der Heiligung setzt!

Jesus gibt uns den heiligen Geist. Er erwartet nicht, dass wir uns durch gute Vorsätze und harte Arbeit ändern. Er tut es selbst in uns durch seine Kraft. Unsere Umgebung wird es merken. Wir werden geistlich lebendig, und Ströme dieses Lebenswassers fließen von uns zu andern. Und alles, was wir tun müssen ist

Durst haben – kommen – trinken.

Wie damals, so polarisiert auch heute diese Aufforderung Jesu und teilt die Menschen in zwei Gruppen: In begnadigte Sünder und in die, die IHN nicht zu brauchen meinen. Wenn du ihm folgen willst, folgst du einem, den die Welt ans Kreuz schlug. Sie ist immer noch nicht begeistert von seinem Anspruch, der Sohn Gottes und der einzige Weg zum Vater zu sein. Die Nachfolge Jesu führt uns in die Gemeinschaft seines Kreuzes, aber sie verspricht uns völlige Freude und überfließendes Leben.

Zwei Typen von Christen

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Kennst du auch diese Leute, denen noch nicht mal Gott helfen zu können scheint? ich weiß jetzt auch warum, und was die einzige Kur ist!  Ich lese gerade den Jakobusbrief, und Jakobus, muss man sagen, ist nicht gerade zimperlich in Diagnose und Therapie! Aber gerade das weist ihn als guten Seelsorger aus. Er beschreibt eigentlich zwei Typen:

Da ist einmal der Weise. Das ist nicht ein Mensch, der alles schon hat und weiß, sondern er hat seine Füße auf den richtigen Weg gesetzt. Er braucht Ermunterung und Ermahnung in schweren Zeiten, aber weil er ein grundsätzliches Vertrauen zu Gott hat, schlägt diese Ermunterung auch an. Er ist immer offen für mehr Weisheit, so wie es in Sprüche 9,8.9 heißt:

Weise den Weisen zurecht, und er wird dich lieben! Gib dem Weisen, so wird er noch weiser werden; belehre den Gerechten, so wird er noch mehr lernen!

So bittet er Gott um Weisheit, nimmt Gottes Wort ohne Widerstand auf, lässt den Spiegel der Wahrheit sein Werk tun und greift im praktischen Alltag auf, was ihm gesagt wird. Die Weisen sind barmherzig oder wollen es zumindest lernen, weil sie wissen, wie sehr sie selbst auf Barmherzigkeit angewiesen sind. Sie verstehen, dass sie kein Recht haben zu richten. Sie wollen die Heuchelei ablegen und ehrlich miteinander werden, sie suchen Frieden und verzichten auf ihren Eigennutz. Sie wollen über ihr Leben nicht mehr selbst verfügen, sondern Gott Gott sein lassen.

Dann ist da der Wankelmütige. Das Wort im Urtext bedeutet: doppelherzig, mit zwei Seelen. Er  kann sich nicht entscheiden. Er will ein Christ sein, aber er will nicht die Kontrolle an Gott abgeben. Warum? Er ist ein Zweifler. Er traut Gott nicht so ganz. Gott könnte ihm ja am Ende was wegnehmen. Er kann nicht glauben, dass Gott gut ist, deswegen kann er auch harte Wegstrecken nicht von Gott annehmen. Wenn Gott ihm seine Wünsche nicht erfüllt, dann ist irgendetwas ungerecht.

Jakobus ist ziemlich unverblümt:

Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde, ist er doch ein wankelmütiger Mann, unbeständig in allen seinen Wegen. (1,7)

Später sagt er es noch mal:

Ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet; ihr bittet und empfangt nichts, weil ihr übel bittet, um es in euren Lüsten zu vergeuden. (4,2.3)

Auf gut Deutsch: Freund, du kannst es auch bleiben lassen! Gott lässt sich nicht vor deinen Karren spannen!

Der Wankelmütige ist unglücklich, eifersüchtig, ohne Erfolg. Seine Gesinnung trägt die ichsüchtige Prägung der Hölle, obwohl er von Gott auch nicht ganz lassen will. Er identifiziert sich selbst als Christ, aber er will auch ein Freund der Welt sein. Seine innere Gespaltenheit führt zu Krieg in ihm und um ihn. Er will und will und bekommt nicht, macht Pläne um Pläne und rennt mit dem Kopf ständig gegen die Wand.

Jakobus kennt kein falsches Mitleid, obwohl das schon ein Zustand zum Erbarmen ist. Sondern er stellt eine knallharte Diagnose: geistlicher Ehebrecher, Feind Gottes. Hör auf, dir was vorzumachen!

Aber er sagt auch: So muss das nicht bleiben! Gib dem Selbstbetrug den Abschied! Gott hat Gnade für die, die sich demütigen. Wankelmütige können weise werden, wenn sie erkennen, was sie getan haben und es bereuen und Gott die Herrschaft geben:

Unterwerft euch nun Gott! Widersteht aber dem Teufel! Und er wird von euch fliehen. Naht euch Gott! Und er wird sich euch nahen. Säubert die Hände, ihr Sünder, und reinigt die Herzen, ihr Wankelmütigen! Fühlt euer Elend und trauert und weint; euer Lachen verwandle sich in Traurigkeit und eure Freude in Niedergeschlagenheit! Demütigt euch vor dem Herrn! Und er wird euch erhöhen.

Ehe das Elend ein Ende haben kann, muss man es zugeben. Die Diagnose muss stimmen. Nicht Gott ist das Problem, nicht die Umwelt, die mir nie gibt, was mir zusteht, sondern das zwiespältige Herz ist die Ursache des Unglücks.  Es muss von diesem Zwiespalt gereinigt werden, Es muss aufhören, mit dem Teufel zu kooperieren! In meiner Jugendzeit gab es so einen Spruch: Sei ganz Sein, oder lass es ganz sein! Ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn. Wie Jakobus sollten wir aufhören, Zwischenlösungen zu suchen und diese verzweifelten und unruhigen Seelen falsch zu trösten, sondern die Wahrheit in Liebe sagen – und dabei selbst ständig darauf bedacht sein, unser Herz zu reinigen von aller Heuchelei und Halbheit.

Gnade und Wahrheit (Predigt-Nachlese)

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Predigttext: Johannes 1,14-18

Johannes möchte mit seinem Evangelium erreichen, dass wir Jesus kennenlernen, damit wir durch ihn das wahre Leben haben. Er führt ihn ein als das göttliche Wort, und jeder seiner Zeitgenossen, Jude wie Grieche, verstand, was er damit sagen wollte: Dieser Mensch Jesus ist Gott. Er war von Ewigkeit her bei Gott und ist der Urheber von allem, was je erschaffen wurde.

Und weil er Gott ist, kann er uns helfen und erlösen. Dazu kam er und wohnte (wörtlich: zeltete) unter uns. Der Ausdruck Zelt wird auch an anderer Stelle in der Bibel für den menschlichen Körper benutzt. Gott war unter uns im Körper eines Menschen und lebte unser Leben mit uns. Gott ist normalerweise für Fleisch und Blut nicht sichtbar. Die Gotteserscheinungen im Alten Testament gaben immer nur einen begrenzten Einblick, aber in Jesus war die Herrlichkeit Gottes da zum Anschauen. Er war die vollkommene Widerspiegelung des Wesens Gottes.

Herrlichkeit – was ist das eigentlich? Sie ist die Summe der Eigenschaften Gottes. Sie umfasst seine Majestät, seine Großartigkeit, seine vollkommene Gerechtigkeit und Güte, sein unzugängliches Licht. Wo er gegenwärtig ist, ist alles von dieser Herrlichkeit erfüllt. Bei Jesus zeigte sie sich in seinen Wundern, in seinen Worten, in seiner Verklärung. Sie zeigt sich aber vor allem in seiner Gnade. Aus dem englischen Wort  grace  (Gnade) lässt sich ein Akrostichon bilden, das gut erklärt, was Gnade ist:

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Gnade ist Barmherzigkeit, Freundlichkeit, unverdiente Zuwendung, Vergebung, unerschütterliche Liebe. Sie wird jedem gegeben, der Buße tut (d.h. sein sündiges Leben bereut und verwirft und zu Gott umkehrt) und an Jesus glaubt. Jesus erzeigt sie dem Nikodemus, der Samariterin, der Frau, die im Ehebruch ergriffen wurde, um nur einige zu nennen. Er hat Gnade für jeden von uns, und zwar Gnade um Gnade, einen ganzen unerschöpflichen Stapel, eine unendliche Versorgung mit immer neuer Gnade für die, die sie nicht verdienen. Mose gab das Gesetz, und das Gesetz Gottes ist heilig, gerecht und gut. Es ist nichts falsch mit dem Gesetz – wir können es bloß nicht halten! Gnade ist unsere einzige Chance, und das Gesetz zeigt uns, dass wir einen Retter brauchen. Und unser Gott ist ein Retter – das hat er uns in Jesus gezeigt. Wir waren hilflos, geistlich tot in unseren Sünden, und Gott hat uns Jesus geschickt und uns durch seinen Tod und seine Auferstehung neues Leben gegeben. Paulus sagt es im Brief an Titus (2,11+12) so:

Denn die Gnade Gottes ist jetzt sichtbar geworden, um allen Menschen die Rettung zu bringen.Sie erzieht uns dazu, die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden zu verleugnen und besonnen, gerecht und mit Ehrfurcht vor Gott in der heutigen Welt zu leben.

Diese Gnade soll durch uns hindurch auch zu den Menschen in unserer Umgebung fließen – ganz besonders in der Gemeinde. Wer selbst unverdient begnadigt ist, der soll Gnade weitergeben. Sie zeigt sich in anhaltender Liebe, im Gebet füreinander, indem wir einander vergeben und dienen und uns an- und aufnehmen, ohne uns zu beklagen und schlecht übereinander zu reden (2.Petrus 4,7-9).

Jesus zieht in Jerusalem ein (Predigt-Nachlese)

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Predigttext: Johannes 12

Was für eine Menge  sich da in der Jerusalemer Frühlingsluft tummelte! Das bevorstehende Passafest hatte sie alle in die Stadt hineingeschwemmt. Praktisch jede Familie hatte Gäste. In dieser Atmosphäre verbreiteten sich Neuigkeiten in Windeseile. Die neuste Nachricht war die von der Auferweckung des Lazarus von den Toten. Dieser Jesus – war er etwa doch der Messias? Er zeigte all die Anzeichen, die der Prophet Jesaja ihm zugeordnet hatte:

Seht, da ist euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes; er selbst kommt und wird euch retten! Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen lobsingen … Und eine Straße wird dort sein und ein Weg; man wird ihn den heiligen Weg nennen; kein Unreiner wird auf ihm gehen, sondern er ist für sie; die auf dem Weg wandeln, selbst Einfältige, werden nicht irregehen. (35, 3-8)

Er hatte Aussätzige geheilt, Dämonen ausgetrieben, Blinden das Augenlicht wiedergegeben. Und er rief die Menschen zur Buße: Zöllnern und Huren sprach er Vergebung zu. Er selbst beschrieb den Inhalt seiner Mission so:

Der Menschensohn ist ja gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Damit nahm er für sich die Beschreibung in Anspruch, die der Prophet Daniel dem Messias gegeben hatte.

Und in dieser Menge, die da Jesus entgegenströmte, waren viele, die seine Heilung, Befreiung und Vergebung empfangen hatten. Um nur einige Namen zu nennen: Maria Magdalena, aus der er sieben Teufel ausgetrieben hatte, der Zöllner Zachäus, Simon der Aussätzige … Sie alle begrüßten ihn heute als den König, so wie es der Prophet Sacharja vorausgesagt hatte:

Freue dich, du Zionsstadt! Jubelt laut, ihr Leute von Jerusalem! Seht, euer König kommt zu euch! Er ist gerecht vor Gott, und er bringt die Rettung. Er ist demütig und reitet auf einem Fohlen, dem männlichen Jungtier einer Eselin. (Sacharja 9,9)

Sie gehen ihm mit Palmzweigen und Lobgesang entgegen, sehr zum Missfallen der Pharisäer, die feststellen müssen: Wir kommen so nicht weiter. Alle Welt läuft ihm nach.

Was die feiernde Menge nicht ahnt: Dass ihr Messias auf dem Weg zum Kreuz ist. Er präsentiert sich ihnen an dem Tag, an dem die Passalämmer ausgewählt werden, weil er das wahre und letzte Passalamm sein wird. Immer wieder versucht er es ihnen zu erklären, so auch heute:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde kommt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, wird es viele neue Körner hervorbringen.

In der Menge waren viele, die ihm von Herzen glaubten und ihre Verehrung darbrachten. Andere schwammen mit auf der Welle der momentanen Begeisterung, aber ihr Innerstes war nicht verändert. Ihre Herzen waren hart und verstanden nichts. Für sie würde es kein großer Switch sein, ein paar Tage später auf einer anderen Welle zu reiten und lautstark seine Hinrichtung zu fordern.

Wo stehen wir? Sind wir wirklich zu ihm umgekehrt, sind unsere Sünden vergeben, ist unser Herz erneuert? Lieben wir ihn? Oder sind wir nur Mitläufer, die wie welke Blätter mal von diesem, mal von jenem Windstoß getrieben werden?  Wer die Botschaft Jesu nicht annimmt, der verdammt sich selbst, wie Jesus sagt:

Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, von der Finsternis frei wird. Wer hört, was ich sage, und sich nicht danach richtet, den verurteile ich nicht. Denn ich bin nicht in die Welt gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Wer mich verachtet und nicht annimmt, was ich sage, hat seinen Richter schon gefunden: Das Wort, das ich gesprochen habe, wird ihn an jenem letzten Tag verurteilen.

Jona predigt den Niniviten – Gnade für die Feinde (Predigt-Nachlese)

Predigttext: Jona 3

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Jonah preaching to the Ninevites, by Gustave Dore (d. 1883) https://commons.wikimedia.org

Diener Gottes waren öfters mal müde und verzagt und baten Gott um Entlassung (z.B. Elia oder Mose). Aber kein anderer Prophet hat so wie Jona den Auftrag Gottes kategorisch abgelehnt und diese Ablehnung auch konsequent in die Tat umgesetzt. Warum eigentlich? Um das zu verstehen, müssen wir Israels Beziehung zu den Assyrern genauer unter die Lupe nehmen.

Die Assyrer waren durch die Jahrhunderte eingefleischte Feinde Israels. Jona lebte und wirkte zur Zeit Jerobeams II (781–742 v. Chr. ). Sein Zeitgenosse und Mit-Prophet Hosea kündigte die Verschleppung Israels nach Assyrien an, wenn Israel sich weigert, sich zu bekehren. Dazu ist es tatsächlich 722 v. Chr. gekommen, und es ist durchaus möglich, dass Jona das noch persönlich erlebt hat. Es stand also dem Interesse Israels völlig entgegen, dass Ninive Buße tat und nicht von Gott zerstört wurde. In Jonas Augen machte Gott hier etwas gravierend falsch!

Gott hat allerdings noch nie einen seiner Diener vom Haken gelassen. Man kann nicht sagen: “Ich bin raus!” Er “fischt” Jona aus dem Meer und stellt ihn wieder her. Der Ruf wird bestätigt und erneuert. Und diesmal lesen wir einfach: Da machte sich Jona auf und ging nach Ninive, nach dem Wort des Herrn.

Das historische Setting: Ninive war die größte Stadt der damaligen Welt mit 100.000 bis 150.000 Einwohnern. (Normalerweise hatten Städte maximal mehrere tausend Einwohner.) Vom Umfang her wird sie hier mit drei Tagereisen groß beschrieben, was wohl die Außenbezirke mit einschließt. Der Name der Stadt kann auf ein alt-akkadisches Wort für Fisch zurückgeführt werden. Die Niniviten verehrten einen Fisch-Gott (Dagon) und eine Fisch-Göttin. Die Tatsache, dass der Gott Israels ihnen Jona durch einen Fisch bringen ließ, zeigte ihnen deutlich, wer der Höchste ist, und dass sie sein Wort ernst nehmen mussten. Was auch zur Öffnung ihrer Herzen beigetragen haben mag, ist die Tatsache, dass es nach neueren astronomischen Forschungen 763 v.Chr. eine Sonnenfinsternis gab. Wir wissen allerdings nicht genau, wann Jona dort war.

Auf jeden Fall schlägt Jonas Bußpredigt ein wie eine Bombe! Eine ganze Stadt tut Buße. Der König ordnet an:

Menschen und Vieh, Rinder und Schafe sollen nichts genießen, sie sollen weder weiden noch Wasser trinken; sondern Menschen und Vieh sollen sich in Sacktuch hüllen und mit aller Kraft zu Gott rufen und sollen umkehren, jeder von seinem bösen Weg und von dem Unrecht, das an seinen Händen klebt!

Wenn man bedenkt, dass die Assyrer so stolz waren auf ihre eigene Grausamkeit, dass sie ihre Folter- und Unterwerfungsmethoden minutiös dokumentierten, dann muss man hier von echter Einsicht und Umkehr sprechen. Die größte Metropole fällt vor Gott auf die Knie, und Gott bläst das Gericht ab. Er zeigt damit seinen Charakter: Er hat Gnade für die Schlimmsten und Bösesten, wenn sie umkehren. Er hat auch Gnade für uns.

Jesus greift diese Ereignisse im Neuen Testament auf. Die Niniviten sind Zeugen dafür, dass Gott gnädig ist, wenn man sich demütigt und die Schuld bekennt. Sie sind Zeugen gegen die Religiösen und Selbstgerechten, die Jesus ablehnen, weil sie keine Gnade zu brauchen meinen.

Leider haben künftige Generationen Ninives sich wieder zum Bösen umgewandt. Der Prophet Nahum stellt fest: Weh der mörderischen Stadt, erfüllt mit Lüge und Gewalt!  Das Rauben lässt sie nicht. Er kündigt ihre endgültige Zerstörung an.

So ist es auch gekommen. Bis vor 150 Jahren lag die Stadt unter dem Staub begraben. Dann begannen archäologische Arbeiten. 2015 haben die IS-Dschihadisten die Stadtmauer und vieles andere zerstört.

Fazit: Gott liebt es, gnädig zu sein. Er bereitet Herzen und Situationen vor, und er trägt uns auf, diese Gnade zu verkünden.

Beten lernen: Nehemia als Vorbild

Manchmal hat Gott so bestimmte Themen, mit denen er uns ständig konfrontiert. Mir springt zur Zeit das Thema Gebet entgegen, wo immer ich lese. In meiner Stillen Zeit bin ich jetzt in Nehemia, und in den ersten beiden Kapiteln kann man unwahrscheinlich viel von Nehemia lernen, was Gebet anbetrifft.

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1. Die Grundbedingung ist das Interesse an den Dingen des Reiches Gottes. In Nehemia 1,2 bekommt Nehemia Besuch, und er fragt sie nach Jerusalem und den Entkommenen, die da noch leben. Er will Information: Wie geht es der Stadt Gottes? Wie geht es dem Volk Gottes? Er will die Wahrheit hören, selbst wenn sie ihm das Herz schwer macht. Sind das die Fragen, die uns umtreiben? Sind wir bereit, uns mit den harten Realitäten zu befassen, oder wollen wir lieber nichts davon hören? Ist die Gemeinde des Herrn/ das Reich Gottes  das, was unser Herz und unsere Gedanken beschäftigt?

2. Nehemia ist ein Vorbild in seiner Reaktion gottgemäßer Traurigkeit. Er weint, und er lässt sich nicht ablenken. Er guckt keinen Film oder geht shoppen, damit er schnell wieder gut drauf ist und vergisst, was er gehört hat, sondern er bringt es mit Beten und Fasten vor Gott. Er identifiziert sich mit seinem Volk und tut Buße für ihre kollektive Sünde. Aber er bleibt nicht bei dem Elend stehen, sondern gestützt auf Gottes Charakter und Gottes Verheißungen entwickelt er im Gebet eine neue Perspektive.

3. Er ist ein Vorbild in betender Abhängigkeit. Er möchte aktiv werden, aber er kann trotzdem nicht einfach lospreschen – Gott muss die Wege ebnen. Obwohl er sich fürchtet, wirft er sich ganz auf Gott, steht während seines Gesprächs mit dem König mit Gott in Verbindung und gewinnt daraus den Mut, dem König seine Anliegen vorzutragen.

4. Er ist ein Vorbild in Besonnenheit. Weil er so von Gott abhängig und in konstanter Verbindung nach oben ist, muss er seine Gedanken und Pläne nicht gleich herausposaunen. Er kann in Ruhe die Lage prüfen, ohne mit Menschen darüber zu reden. Das ist ein Fehler, den ich so oft mache, dass ich zu schnell rede und handle, ehe die Dinge völlig klar sind. Schon ist man dann trotz vorausgegangenem Gebet aus der Abhängigkeit  von Gott herausgefallen.

Wie sich Resistenzen bilden

 

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Eine wachsende Gefahr im Bereich der Medizin sind multiresistente Keime. Das sind Krankheitserreger, die gegen viele verschiedene Antibiotika unempfindlich geworden sind. Schließlich hilft dem Patienten nichts mehr. Oft rührt das daher, dass der Kranke zwar das Medikament eingenommen hat, aber zu früh damit aufgehört hat, weil er sich wieder besser fühlte. Tatsächlich aber wurden nicht alle Erreger ganz abgetötet. Denen, die übriggeblieben sind, ist dann die nächste Antibiotika-Attacke ziemlich egal – sie sind inzwischen resistent geworden. Mein Hygienelehrer drückte das so aus: “Die sagen dann nur noch: Hmmm, leckeres Antibiotikum!”

Eine analoge Gefahr von Resistenzbildung gibt es auch im geistlichen Bereich, immer da, wo man auf halbem Weg stehenbleibt. Vielleicht singen wir hingebungsvoll Alles will ich Jesus weihen und sind dabei emotional ganz aufgewühlt, aber wenn es dann praktisch wird, sind wir doch eher der Bequemlichkeit oder dem Entertainment und unseren eigenen Plänen geweiht (ich spreche aus Erfahrung). Am Anfang fällt uns der Widerspruch noch auf, aber wenn wir dann nicht Gottes Hilfe gegen unsere Trägheit suchen, sondern  uns mit gelegentlichen guten Gefühlen begnügen, werden wir irgendwann resistent gegen die Forderung, unser Kreuz auf uns zu nehmen und Ihm nachzufolgen.

Vielleicht haben wir das Wort Gottes so oft gehört und waren so oft davon bewegt und angesprochen, haben aber keine Konsequenzen gezogen und mit der Sünde nicht gebrochen. Wir mögen die Atmosphäre im Gottesdienst und die netten Leute, wir stimmen vom Kopf her allem zu, aber wir wollen es ja mal nicht übertreiben. Am Ende werden wir noch als extrem verschrien! Einen leichten Anflug von Ungemütlichkeit können wir manchmal nicht leugnen, wenn das Wort uns trifft, aber irgendwann juckt uns das auch nicht mehr, und wir können fröhlich gerade so herausgehen, wie wir hineingegangen sind.

Vielleicht züchtigt Gott uns in seiner väterlichen Güte, aber  anstatt ihn zu fragen, was er uns beibringen möchte und uns vor ihm zu demütigen, sehen wir uns als Opfer widriger Umstände oder böser Menschen und nehmen unsere Zuflucht zu humanistischer Selbstbestätigung und suchen uns Leute, die uns sagen: “Du bist okay, so wie du bist, und auch Gott ist ganz vernarrt in dich! Von ihm kann das nicht kommen!”

Wenn wir das lange genug machen, werden wir irgendwann multiresistent gegen die Gnade, die uns zur Umkehr bewegen will.

Wie kann man dem entgegenwirken?  Indem wir Gott von ganzem Herzen suchen, weil wir wissen, dass wir ohne ihn nichts können. Und durch echte Gemeinschaft – nicht nur unverbindlichen Gottesdienstbesuch (schreckliches Wort!) – sondern durch Eingebundensein in aufrichtige gegenseitige Ermahnung und Ermutigung durch das Wort Gottes – nicht nur hin und wieder, sondern fortlaufend.

Ermahnt euch gegenseitig jeden Tag, solange es dieses „Heute“, von dem die Schrift spricht, noch gibt, damit niemand auf den Betrug der Sünde hereinfällt und hart wird. (Hebräer 3,13)

Und lasst uns aufeinander achten und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen.Deshalb ist es wichtig, unsere Zusammenkünfte nicht zu versäumen, wie es sich schon einige angewöhnt haben. Wir müssen uns doch gegenseitig ermutigen, und das umso mehr, je näher ihr den Tag heranrücken seht, an dem der Herr kommt. (Hebräer 10, 24.25)