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Gnade und Recht: Von Gläubigern und Schuldnern

Diese Geschichte, die Jesus erzählt hat, ist sehr aufwühlend.

Zu Anfang ein Disclaimer: In Mathe war ich schon immer ganz schlecht. Wenn ich also hier irgendwas falsch berechne, dann bitte ich um einen freundlichen Hinweis.

Da war ein König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Nachdem alle Zahlen vorliegen, werden die Schuldner einbestellt. Nun wird ihm einer gebracht, der schuldet ihm 10.000 Talente. Ein Talent sind 6000 Drachmen oder Denare (je nachdem ob man in griechischer oder römischer Währung rechnet). Der Tageslohn eines Arbeiters betrug, wie wir aus einem anderen Gleichnis wissen, etwa 1 Denar. Dieser arme Mensch hatte sich also mit 60.000.000 ein bisschen übernommen. Wie er das geschafft hat, wissen wir nicht, vielleicht war er ein Trinker oder Spieler, vielleicht gab es mehrere Dürren, vielleicht hat er unkluge Investitionen getätigt oder war ein Angeber, der seinen Freunden imponieren wollte, vielleicht konnte er zu den Wünschen von Frau und Kindern nie nein sagen, oder oder … und nun sieht er sich dieser völlig überwältigenden Forderung gegenüber, das jetzt zurückzuzahlen. Und alles, was er dazu sagen kann, ist zitternd zuzugeben: „Ich habe es nicht.“

Nun setzt das Rechtssystem ein. Schulden sind Schulden und müssen bezahlt werden. Er ist verantwortlich. Also sollte sein Besitz verkauft werden, und er, seine Frau und seine Kinder sollten als Sklaven arbeiten, bis das alles abbezahlt wäre. Keine Ahnung, was sein Besitz wert war. Aber wenn wir das mal in Arbeitsleistung umrechnen, dann sieht das etwa so aus:

60.000.000 Denare : 1 Denar Tageslohn = 60.000.000 Arbeitstage : 313 Arbeitstage (ich gewähre den Sklaven mal auch einen Sabbat) sind 191.693 Jahre Arbeit. Nehmen wir mal an, der gute Mann hätte 10 Kinder, dann könnte man das durch 12 teilen und käme auf knapp 16.000 Jahre. Selbst wenn sein Grundbesitz noch etwas einbringt, ist klar: Es ist völlig aussichtslos. Sie würden niemals rausgekommen aus der Schuldenfalle, selbst wenn Kost und Logis frei wären.

Aber der Knecht versucht zu verhandeln. Er fällt vor dem König auf die Knie und bettelt: „Hab noch ein bisschen Geduld mit mir! Ich will dir alles bezahlen!“

Das ist natürlich ein Witz. Er weiß das. Der König weiß das. Der König weiß, dass er das weiß, und er weiß, dass der König das weiß. Aber vielleicht … lässt er ja mit sich reden?

Und ja: Der König sieht diesen armen Tropf da knieen, und der König ist reich, und er hat ein Herz. Er will diese Familie nicht ins Unglück stürzen, das macht ihm überhaupt keinen Spaß. Er ist nicht der Typ, der Leute gerne leiden sieht, und auch wenn er völlig im Recht ist, kann er auch ohne diese 60.000.000 Denare weiterleben. Er könnte jetzt wenigstens etwas herausholen, vielleicht aus pädagogischen Gründen, aber er will diesem Mann eine echte Chance geben, ihm Haus und Grundstück lassen, so dass er noch mal von vorne anfangen kann.

Er sagt: „Ich erlasse dir die ganze Schuld. Du kannst gehen.“

Der Mann geht heim wie im Traum. Er hat Gnade erfahren. Er ist auf Null und kann neu anfangen, am besten etwas verantwortlicher.

Da fällt ihm etwas ein. Der Fritz schuldet ihm noch 100 Denare. Die könnte er jetzt gut selber gebrauchen. Außerdem, hätte der Fritz, der Lump, nicht diese Schulden bei ihm, hätte er beim König nur 59.999.900 Denare Schulden gehabt. Wäre der Fritz nicht so ein unzuverlässiger Zahler … der Fritz ist an allem schuld! Den wird er sich vorknöpfen!

Er sucht den Fritz und findet ihn auch. Er packt ihn sich und würgt ihn, damit es völlig klar ist, dass er es ernst meint. „Zahle mir mein Geld zurück! Jetzt!“

Fritz kriegt Panik, denn er hat das Geld nicht. Und ob du 60.000.000 oder 100 Denare nicht hast – wenn du sie bezahlen musst, ist Nichts immer das gleiche Nichts und jede Forderung bedrohlich. Also fällt er auf die Knie und fleht: „Hab noch ein bisschen Geduld mit mir! Ich will dir alles bezahlen!“ – was uns irgendwie bekannt vorkommt und in diesem Fall vielleicht sogar nicht ganz so unrealistisch ist.

Aber sein Gläubiger kennt weder Barmherzigkeit noch Kompromisse. Er kann die Schuld des anderen auch beweisen, und so kommt der arme Fritz ins Gefängnis.

Nun haben einige Knechte des Königs das mitbekommen. Sie sind über dieses Verhalten sehr erschüttert und berichten es dem König. Den König packt der gerechte Zorn; er lässt den Mann herbeirufen und sagt: „Du böser Knecht! Ich hab dir diese Riesenschuld erlassen, und was machst du? Du hättest für deinen Mitknecht dasselbe Erbarmen haben sollen wie ich für dich! Ich nehme den Schuldenerlass zurück!“ Er überliefert den Mann den Folterknechten, bis alles bezahlt wäre (also für immer).

„Genauso wird mein himmlischer Vater es mit euch machen, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergebt“ sagt Jesus abschließend.

Man kann sich aussuchen, nach welchem Prinzip man leben will. Willst du aus Gnade leben, musst du auf dein Recht verzichten. Willst du dein Recht, dann gilt dasselbe für dich, dann besteht Gott auch auf dem Recht.

Die Geschichte steht in Matthäus 18,21—35.