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Ich gehöre zur Risikogruppe

Photo by Nelly Antoniadou on Unsplash

Die letzten Wochen mussten wir uns mit Gottesdienst im Livestream begnügen. Das bedeutet, man sieht das Lobpreisteam online und kann, wenn man will, zuhause mitsingen und –beten … wenn die Technik und die Internetverbindung mitspielen. Ich hatte leider sehr oft diesen frustrierenden kleinen Kreis im Bild, was die Freude am Mitsingen nicht gerade fördert. Aber es ist schön, wenn man sieht, wie viele User zugeschaltet sind – man weiß, die Mehrzahl der Gemeinde ist “da” und auch noch einige Gäste, und es ist gut, dass so das Evangelium gepredigt werden kann.

Mitte der Woche kam dann die Meldung: Am Sonntag wird wieder Gottesdienst sein. Fleißige Köpfe und Hände setzten die Vorgaben für Abstände und andere Hygienemaßnahmen um, und wir bekamen eine Liste mit Regeln geschickt. Als ich sie sah, rutschte mir das Herz in die Hose. Wie wird das sein, wenn man Abstand halten soll, niemand die Hand geben, niemand um den Hals fallen, danach sofort nach Hause gehen muss, die Familien mit Kindern nicht dabei sein können … und dann: Angehörigen der Risikogruppe wird geraten, zu Hause zu bleiben. Ich befand mich zwischen Tränen und Trotz.

Risikogruppe – was für ein Wort! Ich bin 67 Jahre alt. Soll ich daraus schließen, dass ich jetzt nur noch auf einen risikolosen Tod warten und mich deswegen aus dem Leben zurückziehen soll? Da ich ja gesund und kein Risiko für andere bin und mein eigenes, theoretisches, aller Wahrscheinlichkeit nach sogar sehr geringes Risiko gerne in Kauf nehme, beschloss ich, dennoch zum Gottesdienst zu gehen. Ich dachte bei mir, selbst wenn so ein “Corona-Abstands-Gottesdienst” vielleicht eine frustrierende Erfahrung werden sollte, so möchte ich doch die Gelegenheit wahrnehmen, meinen Gott öffentlich anzubeten.

Und ich hätte mich kaum mehr täuschen können! Es war herrlich, die Schwestern und Brüder zu sehen; es war vor allem wunderbar, miteinander zu singen und anzubeten. Es gibt einfach Dinge, die lassen sich von der physischen Präsenz anderer Christen nicht abkoppeln. Warum auch sonst würden Christen in der Verfolgung ihre Freiheit und ihr Leben riskieren, um sich mit ihren Glaubensgeschwistern zu treffen? Weil das auf Dauer durch nichts zu ersetzen ist.

Ich war nach dem Gottesdienst ganz brav und bin schnell nach Hause gegangen, aber ich fühlte mich wie “aufgetaut”. Heute Nachmittag hatte ich dann noch mal eine ausführliche Gebetszeit alleine und stellte fest, wie neu motiviert und gestärkt ich war.

Ich gehöre tatsächlich zu einer Risikogruppe – ich leide unter dem Risiko der erkaltenden Liebe, der geistlichen Stumpfheit, der falschen Zufriedenheit, der lauen Anbetung, der “Pflichterfüllung” im Gebet, des Schmorens im eigenen Saft. Damit meine Kohle am Brennen bleibt, braucht sie die Gemeinschaft eines “Kohlehaufens”, muss sie das Leuchten in den Augen der anderen sehen, wenn wir gemeinsam unseren wunderbaren Herrn loben.

Vielleicht lernen wir das alle jetzt ganz neu schätzen. Es soll unser Mitgefühl und unsere Gebete beflügeln für die, die aktuell weltweit in dieser Krise von der Gemeinschaft abgeschnitten sind und für die, die in Ländern leben, wo es ihnen immer schwer bis unmöglich gemacht wird, zum Gottesdienst zusammenzukommen. Es ist nicht unmöglich, als Christ alleine zu sein, aber es ist ein großer Verlust und ein Risiko für den Glauben.

Die Sorgen draußen lassen?

Manchmal beten wir vor dem Gottesdienst, dass wir alle unsere Sorgen und eigenen Gedanken draußen lassen können. Neulich war ich auch in einer Veranstaltung, wo gesungen wurde: “Leg deine weltlichen Sorgen beiseite, und komm und bete an!” Da schoss mir durch den Kopf: “Dumme Idee eigentlich! Dann sind sie ja wieder da, wenn ich rauskomme! Wäre es nicht viel besser, sie mitzunehmen in die Gegenwart Gottes?”

Ich hab beschlossen, dass ich meine Sorgen mit rein nehme. Dann werden sie vor der Größe Gottes auf ein realistisches Maß zusammengeschmolzen. Was dann noch übrig bleibt, kann ich ihm geben, der sie viel besser handlen kann. Ich nehm meine Wünsche mit rein, damit der Wind der Ewigkeit die ganze Spreu von “Ich brauche unbedingt” wegwehen kann. Ich nehm meine Gedanken mit rein, damit Gott sie mit seinem Wort seziert und durchputzt und neu macht.

Ich brauche keine gute Stimmung für ein bis zwei Stunden, wo ich alles ausblende, was meinen Alltag so ausmacht. Ich will nicht high aus dem Gottesdienst kommen und dann wieder runterfallen, wenn die Realität zuschlägt. Ich will, dass Gott die Realität ist, mit der ich in meinem Alltag rechne, und dass mein ganzes Leben aus einem Guss ist.

Stille Zeit-Tipps (9): Mein Sonntagskorb

Christen versammeln sich, wenn es ihnen irgendwie möglich ist, am ersten Tag der Woche, um ihren auferstandenen Erlöser gemeinsam anzubeten. Die Formen dabei sind sehr unterschiedlich, aber das stört den Herrn eher weniger. Auf das Herz kommt es an.

Wenn es auch ganz sicher wahr ist, dass im Gottesdienst Gott uns mehr dient als wir ihm, so hat Gott doch auch eine gewisse Erwartung an uns, z.B.

  • erwartet er Lobopfer als die “Frucht der Lippen”, die seinen Namen bekennen, (Hebräer 13,15)
  • und er sucht Anbeter, die ihn in Geist und Wahrheit anbeten (Johannes 4,23).

Das Lobopfer ist der Dank, den wir Gott bringen. Aber wie das Volk Israel im gelobten Land Gott nie irgendetwas zu opfern hatte, was Gott ihm nicht zuvor gegeben hatte, so ist es auch bei uns. Gott gibt uns etwas von sich, und wir geben ihm ein kleines bisschen davon zurück.

Wie komme ich nun auf “Sonntagskorb”? In 5. Mose 26 ordnet Gott an, dass die Israeliten von den ersten Früchten ihrer neuen Heimat etwas in einen Korb legen und damit zur Gottesdienststätte gehen sollten. Dort sollten sie sich dann vor Gott erinnern: Wo sie eigentlich herkamen, wie Gott sie befreit hatte, und was für ein gutes Land er ihnen jetzt gegeben hatte. Sie sollten ihn anbeten und sich vor ihm freuen.

Anbetung ist nichts, was wir im Gottesdienst “machen”. Wir sollten nicht erwarten, dass uns ein “Worshipteam” von 0 auf 100 hochfahren kann. Wir sollten mit einem vollen Korb kommen. Da sind die ganzen guten Sachen drin, die ich über die Woche geerntet habe, wenn ich mich in meiner stillen Zeit wirklich von Jesus ernährt habe und satt geworden bin. Wenn jeder so kommt und in seinem Herzen was mitbringt, was für eine Freudenexplosion kann dann der Sonntagsgottesdienst werden! So wird der Sonntag nicht der eine Tag, an dem Gott und sein Wort eine kleine Ecke in unserem Leben kriegen, sondern der Höhepunkt eines alltäglichen Lebens mit Jesus, wo alle gemeinsam ihre vollen Körbe bei Gott abgeben und feiern!