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Der Realismus der Bibel

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Ich liebe die Bibel nicht zuletzt darum, weil sie nichts weichzeichnet, auch und vor allem dann nicht, wenn es um das Volk Gottes geht. Ich habe gerade das Buch der Richter durchgelesen. Es ist so realistisch, dass es einem fast übel wird: Ein Gideon, der so gut anfängt und dann selbst die Tür zum Götzendienst wieder aufstößt, Mord und Totschlag unter seiner Nachkommenschaft, ein triebgesteuerter Held Gottes wie Simson, der schließlich blind und gefangen das Mühlrad dreht, synkretistische Kulte in Privatheiligtümern, käufliche Priester, die sich dem Meistbietenden verdingen, Massenvergewaltigung  – eine Abwärtsspirale von  zunehmendem Götzendienst und geistlicher Verwirrung bis dahin, dass sie sich schlimmer aufführen als die Völker um sie her und jegliche Vollmacht verlieren, im Namen ihres Gottes zu handeln.

Was mich so betroffen macht, ist wie “klein” das ganze Elend anfängt: Ein bisschen Trägheit, ein bisschen Vergesslichkeit. Hier ein paar Kanaaniter übrig gelassen und da ein paar Götzen nicht umgehauen …. so wie wir uns manchmal mit “kleinen” Sünden und Halbheiten arrangieren, bis wir sie nicht mehr als solche empfinden. Wenn wir dann Konsequenzen erfahren müssen, heulen, und wenn Gott uns rausgehauen hat, weitermachen wie gehabt. Der Prozess ist nicht plötzlich, sondern schleichend. Irgendwann findet man seinen Zustand normal und fürchtet den Retter mehr als den Feind. Hauptsache, es wird nicht ungemütlich!

So realistisch, wie das Elend und das Böse geschildert werden, so realistisch wird auch die mitleidige Geduld Gottes beschrieben, der es nicht lassen kann, diesem Volk immer wieder Retter zu schicken. Die sind selbst unvollkommene, verdrehte Persönlichkeiten, die neben Gutem fast noch mehr Falsches tun.

Ach, das kommt mir doch alles irgendwie bekannt vor! Gibt es nicht auch unter uns Praktiken und Lehren, bei denen die Grenzen zum Aberglauben und zur Sünde sich immer mehr verwischen, bis wir manchmal schlimmer sind als die Welt? Wir sollten  uns keine Illusionen machen: Gott übt auch an seinen eigenen Leuten Gericht und hasst die Sünde bei Israel nicht weniger als bei den Kanaanitern! Er liebt die, die er erwählt hat, mit einer feuerspeienden Eifersucht – und mit einem unerschütterlichen Erbarmen. Er macht definitiv einen Unterschied zwischen “fremden” und eigenen Kindern: Wenn Gott euch nicht mit strenger Hand erziehen würde, wie er das bei allen macht, dann hätte er euch nicht als Kinder anerkannt (Hebräer 12,8).  Zu ihm zu gehören ist zugleich gefährlich und sicher. Aber nicht zu ihm zu gehören, ist hoffnungs- und heimatlos und endet in einem Gericht, aus dem es keine Rettung mehr gibt.

Predigt-Nachlese: Einführung in den Brief an die Kolosser

Um im Jahr 2014 einen Brief zu verstehen, der etwa 60 n. Chr. geschrieben wurde, müssen wir uns mit seinem historischen Hintergrund befassen. Kenntnisse über die sprachliche und kulturelle Szenerie, in der er entstanden ist, helfen bei der Beantwortung der Fragen: Was war damals die Absicht des Briefschreibers? Wie wurde er von den Empfängern verstanden? Was ist die zeitlose und für uns relevante Botschaft darin, und wie lässt sie sich auf unser Leben anwenden?

Und  der Kolosserbrief ist für uns relevant! Er spricht viele Themen an, die uns  heute umtreiben:  Vermischung von religiösen und philosophischen Elementen mit dem Evangelium, Zukunftsängste und Verunsicherung, Desorientierung durch weltliche Einflüsse auf Ehe, Kindererziehung und Beziehungen in der Arbeitswelt, Pragmatismus anstelle der Treue zur überlieferten Lehre, und vor allem Unklarheit über die Person Jesus Christus und sein Werk (2,9ff). Wer war er – Reformer, Rebell, Religionsstifter, Lebenskünstler, Kumpel in Sorgen und Nöten? Und warum kam er eigentlich? Was sollte sein Sterben am Kreuz? Über diese Fragen herrscht heute mehr Verwirrung denn je,

Der Autor stellt sich vor als Paulus, der Apostel Christi Jesu. Er stellt damit klar: Was ich hier schreibe, hat göttliche Autorität. Ich verkünde nicht meine Ideen und meine Meinung. Ich bin delegiert und maße mir nichts an. Dass er Timotheus mit erwähnt bedeutet nicht, dass Timotheus Co-Autor war (er schreibt durchgängig in der Ich-Form), aber er war zu der Zeit bei ihm.

Was wissen wir über Paulus? Paulus war gebürtig aus Tarsus in der heutigen Türkei. Damals war es die Hauptstadt der römischen Provinz Cilicien und ein Zentrum von Wissenschaft und Bildung. Viele dort ansässige Juden hatten im 1. Jahrhundert v.Chr. die römische Staatsbürgerschaft erworben, auch der Vater von Paulus. Dadurch war Paulus römischer Bürger von Geburt, was ihm gewisse Privilegien verschaffte, z.B. sich in einem Gerichtsprozess auf den Kaiser zu berufen. Das war der Grund, warum er schließlich auch nach Rom kam. Er hatte das Zeltmacher-Handwerk erlernt und außerdem unter Gamaliel eine Ausbildung zum Schriftgelehrten gemacht. Als Pharisäer war er ein eifriger Anhänger seiner Religion und hatte die junge christliche Gemeinde im Auftrag des Hohen Rates mit glühendem Hass verfolgt, bis er auf dem Weg nach Damaskus Jesus begegnete. Danach war er nie mehr der selbe! Er kehrte um, und wurde ein Verkündiger des Evangeliums. Auf mindestens 3 Missionsreisen wurde er zum wichtigsten (und bestgehassten) Gemeindegründer im 1.Jahrhundert. Zur Zeit dieses Briefes befindet er sich in Gefangenschaft zusammen mit Aristarchus, vermutlich in Rom (4,10).

Wer sind nun die Empfänger, und was ist der Anlass des Briefes? Paulus spricht sie an als heilige und gläubige Brüder in Kolossä, wobei der Begriff “heilig” nichts über ihre moralische Vollkommenheit aussagt, sondern bedeutet, dass Gott sie für sich herausgerufen und abgesondert hatte. Kolossä lag in Kleinasien in der heutigen West-Türkei. Seine Bedeutung als Handelsstadt hatte sich zur fraglichen Zeit schon mehr nach Laodizäa verlagert, was nicht weit entfernt lag. Dort wohnten hauptsächlich Heiden, aber auch Juden. Die Gemeinde wurde vermutlich von Epaphras gegründet. Paulus hatte sie nie persönlich kennengelernt, aber war mit den dortigen Gegebenheiten vertraut, da er selbst in Tarsus in einem vergleichbaren kulturellen Umfeld gelebt hatte. Die Gemeinde blühte, aber gleichzeitig breiteten sich falsche Lehren aus. Das hat Epaphras wohl große Sorgen gemacht, und von ihm wird Paulus es erfahren haben, so dass er diesen Brief schrieb. Seit Paulus in Jesus den Messias und im Evangelium das Ende aller religiösen Bemühungen und Selbstrechtfertigungs-Versuche erkannt hatte, war es sein Herzensanliegen, dass die Glaubenden bei Jesus blieben und nicht versuchten, Altes und Neues zu mischen. Er kämpfte gegen alles, was Christus aus der Mitte drängte. So schrieb er den Galaterbrief gegen die Fehlentwicklung hin zur Werkgerechtigkeit und den Kolosserbrief gegen die Vermischung mit Mystizismus und Gnostik. Er will die Gemeinden  durch ein tieferes Verständnis davon, wer Christus ist, ermutigen, immunisieren und ermahnen, die ungesunden Lehren abzustoßen und das auszuleben, was sie durch Christus haben.

Paulus spricht noch von einem (verloren gegangenen) Brief an die Gemeinde in Laodizäa. Die Gemeinden sollten diese Briefe untereinander tauschen und lesen. Vermutlich hat er von Rom diese Briefe und den an Philemon und die Epheser dem Tychikus mitgegeben, als dieser den  Onesimus von Rom zurück zu Philemon begleitete.