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Gott tut den ersten Schritt

Kennst du das auch, dass du beim Bibellesen stutzt, weil dir in einem oft gelesenen Vers ein kleines Wort plötzlich ins Auge springt und dir etwas tief Bedeutsames zeigt? So ging es mir kürzlich mit dem Vers in 2.Mose 28,4:

Diese heiligen Kleider sollen sie für deinen Bruder Aaron und für seine Söhne anfertigen, damit er mir den Priesterdienst ausübt.

Mir – das war das Wörtchen, das mir so unversehens unter die Haut ging. Wozu braucht Gott einen Priester? Ist es nicht so, dass die Menschen einen Priester brauchen, einen, der zwischen ihnen und Gott vermittelt? Sind sie nicht die, die gesündigt und die Mauer gebaut haben und einen Mittelsmann und Durchbrecher brauchen, damit sie in Beziehung zu Gott treten können?

Tatsache ist: Gott ergreift die Initiative. Nicht wir suchen die Gemeinschaft mit ihm – er sucht die Gemeinschaft mit uns. Im Alten Testament hat er sich dafür die Priester und den Opferkult eingesetzt als etwas Vorläufiges, bis das wahre Opfer und der wahre Hohepriester in Jesus erschienen sind. Und auch dabei ging alle Initiative von Gott aus. Jesus hat sich freiwillig als Opfer und Priester zur Verfügung gestellt, als wir noch völlig uninteressiert, ja, seine Feinde waren  (Römer 5,8.10).

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Die Versöhnung mit Gott ist nicht unsere Idee – es ist seine Idee, sein Interesse, sein Opfer, sein Priester … damit wir davon profitieren können. Wenn das keine Liebe ist, was dann?

Was Gott schon immer vorhatte (Predigt-Nachlese)

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Denn das Volk, das in der Dunkelheit lebt, sieht ein helles Licht. Und über den Menschen in einem vom Tode überschatteten Land strahlt ein heller Schein. Jesaja 9,1

Predigttext: Epheser 3

Die Epheser, an die Paulus seinen Brief schrieb, waren keine Juden. Sie gehörten nicht zu dem Volk, das Gott sich im Alten Testament aus allen Völkern ausgewählt hatte, um ihm sein Gesetz und seine Verheißungen zu geben. Doch nun war Jesus gestorben und auferstanden, und nichtjüdische Menschen hatten die Botschaft von der Versöhnung mit Gott gehört und angenommen. Der Zaun, der feindselig zwischen  Juden und Heiden gestanden hatte, war niedergerissen. Die Heiden, die immer draußen gestanden hatten, waren plötzlich drin.

Vielen Juden gefiel das nicht. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie Menschen zu Gottes Volk gehören konnten, ohne sich erst zum Judentum zu bekehren, ohne sich beschneiden zu lassen und die Last des Gesetzes auf sich zu nehmen. Das bedrohte ihre einzigartige Stellung, die sie bei Gott zu haben meinten. Das bedrohte auch ihre Vorstellung davon, dass man bei Gott nur dann akzeptiert  würde, wenn man sich bemühte, das Gesetz zu halten.Deswegen entwickelten sie diese extreme Feindseligkeit gegen Paulus. Deswegen saß er jetzt im Gefängnis.

Von dort schreibt er den Ephesern. Ich bin, sagt er, eigentlich der Gefangene Christi für euch. Lasst euch dadurch nicht entmutigen und anfechten! ich halte es für ein Vorrecht!

Es ist mir ein ungeheures Privileg, dass Gott mir, dem Allergeringsten unter den Heiligen, diese Sache offenbart hat. Es war ein Geheimnis, aber jetzt hat Gott gezeigt, was schon immer in seinem Herzen war: Er wollte die gläubigen Juden und die gläubigen Heiden zusammenfassen. Die Nichtjuden dürfen Miterben und Teilhaber an den Verheißungen sein. Er macht aus beiden einen Leib, seine Gemeinde. Das Mittel zu dieser Einheit ist das Evangelium, das allen Menschen, egal wer sie sind und von wo sie kommen, die Gnade Gottes anbietet, wenn sie zu Gott umkehren.

Wie diese Gnade ein Herz verändert, hat Paulus an sich erfahren. Früher hatte er die Christen und die Heiden gehasst. Jetzt steht er mit ihnen auf dem selben Boden als begnadigter Sünder und liebt sie so sehr, dass er gerne um ihretwillen im Gefängnis ist! Auch wenn seine Sehnsucht lebenslang dahin ging, dass sein eigenes Volk seinen Messias erkennen würde, so wusste er sich doch ganz besonders beauftragt, die Heiden in Gottes Reich zu führen. Er war mit Freuden ihr Diener. Er leidet für sie, und er betet für sie.

Er betet, wie er betet, weil er Gott kennengelernt hat: Seinen Charakter, sein Herz, seine Treue, seine Pläne. Sein Wunsch ist, dass Christus durch den Glauben in ihren Herzen wohnt, dass sie in seiner Liebe wurzeln und unerschütterlich fest stehen, dass sie ihn immer besser kennenlernen. Am Ende seiner Bitten kann er nur in Lobpreis ausbrechen. Welch ein Gott! Er gibt uns mehr, als wir brauchen, als wir bitten und uns vorstellen können! Eine gute Weise auch für uns, unsere Gebete abzuschließen:

Ihm gehört alle Ehre in der Gemeinde und durch Christus Jesus für alle Zeit und Ewigkeit! Amen.

Predigt-Nachlese: Bei Reibungsflächen in der Gemeinde helfen Demut und Liebe

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Predigttext: Apostelgeschichte 21,17-26

Die ganz überwiegende Mehrzahl der Gläubigen in der Jerusalemer Gemeinde waren Juden. Sie hatten Jesus als ihren Messias und Erlöser erkannt; sie wussten, dass sie durch Gnade errettet waren und nicht durch Werke, dass sie den Ansprüchen Gottes nie genügen konnten und das Opfer Jesu brauchten. Aber sie waren Juden, und das Gesetz war ihnen heilig – nicht nur die 10 Gebote, sondern auch die vielen anderen Verordnungen mitsamt den traditionellen Ausführungsbestimmungen.

Als Paulus nach Jerusalem kam, wurde er warmherzig aufgenommen. Einst hatte er sie verfolgt, aber nun war er ein geliebter Bruder und ein anerkannter Apostel. Er erzählte im Kreis der Ältesten in allen Einzelheiten, was Gott unter den nichtjüdischen Völkern durch ihn getan hatte, und alle freuten sich sehr und lobten Gott dafür.

Es gab aber auch ein Problem. Unter den gläubigen Juden kursierte ein Gerücht: Paulus lehrt Abfall vom Gesetz. Er verbietet den Juden, die unter den Heiden leben, ihre Kinder zu beschneiden und die Ordnungen zu halten. Die Ankunft des Paulus könnte unter diesen Menschen eine gewaltige Unruhe und eine spaltende Kontroverse auslösen.

Entsprach dieses Gerücht der Wahrheit? Ganz offensichtlich nicht, denn Paulus selbst hatte vor noch gar nicht langer Zeit ein Gelübde gemäß dem Gesetz auf sich genommen. Es handelte sich um ein Missverständnis seiner Botschaft von der Gnade ohne Werke.

Jakobus hatte eine Idee: Er kannte vier Männer, die ein Nasiräer-Gelübde abgelegt hatte. Um den falschen Gerüchten den Nährboden zu entziehen, sollte Paulus einfach den Gegenbeweis antreten und mit diesen vier Männern durch die Reinigungsrituale gehen und das Opfer für sie bezahlen. Das war keine Kleinigkeit, sondern eine ziemlich aufwendige und kostspielige Angelegenheit.

Der große Apostel, der es nicht nötig hatte, sich zu rechtfertigen, weil er nichts Falsches getan hatte, hörte auf den Rat seines Bruders. Der Frieden in der Gemeinde, die Einheit und der Dienst waren ihm mehr Wert als sein Recht. So willigte er sofort ein, diese Sache auf sich zu nehmen. Er hielt sich an sein Prinzip:

Denn obwohl ich frei und von niemand abhängig bin, habe ich mich allen zum Diener gemacht, um so viele wie möglich zu gewinnen. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen. Unter denen, die sich an das Gesetz des Mose halten, lebe ich nach Moses Gesetz, obwohl ich nicht mehr diesem Gesetz unterstellt bin -, nur um sie zu gewinnen. (1.Korinther 9,19.20)

Was befähigte ihn, denen gegenüber, die sich ohne Grund von ihm verletzt fühlten, diese demütige Geste der Versöhnung zu zeigen? Es war das Wissen, dass Gott ein versöhnender Gott ist, der alles tut, um sogar zu seinen Feinden (und ja: so ein Feind war er gewesen!) eine Beziehung aufzubauen. Diese Versöhnung ist für Gott unvergleichlich viel kostspieliger gewesen:

Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich selbst ausgesöhnt und uns aufgetragen hat, anderen mit dieser Versöhnung zu dienen: Gott war in der Person von Christus als er durch ihn die Menschen mit sich versöhnte. Er rechnete ihnen ihre Verfehlungen nicht an, und übergab uns die Botschaft der Versöhnung.So sind wir nun Botschafter für Christus, und es ist Gott, der durch uns mahnt. Wir bitten im Auftrag von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet. Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn zu der Gerechtigkeit kommen, mit der wir vor Gott bestehen können (2.Korinther 5, 18-21)

Könnten wir angesichts einer solchen Versöhnlichkeit unseren Brüdern noch ihre Fehler zurechnen und auf unserem Recht bestehen? Sollten wir nicht versuchen –ohne das Evangelium zu verraten – die Reibungsflächen der Missverständnisse und falschen Beschuldigungen mit  demütiger Liebe, Nachsicht und Entgegenkommen zu ölen? Paulus hat es uns vorgemacht.